Exkursion nach Sarajevo

Das Dokotratskolleg "Austrian Studies" hat sich für dieses Jahr eine besondere Form der "Klausur" überlegt. Nach zwei Jahren entschlossen sich die DoktorandInnen und Fakultäts-Mitglieder die Perspektive zu wechseln. Kurt Scharr, Professor am Institut für Geschichtswissenschaften, berichtet live von der Exkursion nach Belgrad, Sarajewo und Zagreb.
Gruppenbild Exkursion Sarajevo
Bild: Ein Teil der Gruppe des DK ‚Austrian Studies‘ machte sich auf dem Landwege mit Bahn und Bus über Schwarzach-Villach-Ljubljana und Zagreb auf den Weg nach Belgrad, dem Auftakt für unsere ‚mobile‘ Klausur. (Credit: DK Austrian Studies)

Abschluss

Die beiden letzten Tage der Studienreise waren angefüllt mit verschiedenen Treffen und aufschlussreichen Diskussionen zum tagespolitischen Geschehen in Bosnien-Herzegowina: Es gab Impulse zur vergleichenden Rechtsgeschichte und der Ivo Andric-Rezeption in deutschsprachigen Medien, einen Rückblick auf die Erlebnisse eines Innsbrucker Finanzbeamten, der am Beginn des Ersten Weltkrieges in Sarajevo seinen Dienst ableistete, sowie ein Treffen mit Botschafterin Dr. Hartmann in der Österreich-Bibliothek. Diese Einrichtung ist in den Gebäuden der vormaligen jugoslavischen Volksarmee untergebracht, vor 1918 war es just jene Kaserne, in der wahrscheinlich der Innsbrucker Finanzbeamte seinen Militärdienst verbrachte...
Zuletzt hatten wir noch die Gelegenheit, brandaktuelle Ereignisse - die Republika Srbska hatte über Nacht die Gasversorgung der Stadt Sarajevo blockiert - mit einer Mitarbeiterin der EU-Vertretung in Bosnien-Herzegowina - Frau Elisabet Tomasinec zu diskutieren, während man im benachbarten Gebäude der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland alle Vorbereitungen für den 3. Oktober, den Tag der Deutschen Einheit traf. In Sarajevo liegen scheinbar die Dinge, ungeachtet ihrer Gegensätzlichkeit, eng beeinander. Trotz des heftigen Regens, der in Sarajevo die Straßen für Fußgänger zu einem Hürdenlauf macht, konnten wir unser Programm erfolgreich abschließen. Am nächsten Morgen hieß es, erneut aufbrechen und wir traten die Heimfahrt nach Innsbruck an: mit dem Bus nach Zagreb und von dort mit dem Zug weiter über Graz und Salzburg nach Innsbruck.

 

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Das historische Postgebäude von Sarajevo erstrahlt nach der Renovierung wieder in seinem ursprünglichen Glanz und lässt wenig von der regenverhangenen Stadt vor der Tür erahnen. (Bild: DK Austrian Studies)

 

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 "Jetzt sollen sie schlafen, alle unsere Lieben und Unsterblichen. Unter der Brücke am II. Mädchengymnasium fließt die angeschwollene Miljacka. Morgen ist Sonntag. Nehmt die erste Straßenbahn nach Ilidza. Natürlich nur, wenn kein Regen fällt". Izet Sarajlic, Sarajevo. (Bild: DK Austrian Studies)

 

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Ein letzter Blick von einem der historischen Friedhöfe auf die Stadt und die Miljacka in Richtung Fernsehturm. (Bild: DK Austrian Studies)

 


Weiterfahrt nach Neretva

Mostar, die Hauptstadt des gleichnamigen Kantons, steuern wir heute an. Der Zug bringt uns nach zweistündiger Fahrt von Sarajevo in die Stadt an der Neretva. Mehr noch als vielleicht Sarajevo ist sie zu einem Symbol des Krieges von 1992 bis 1995 geworden. Wir sind mit drei Bildern konfrontiert: Dem touristisch vorbildlich rennovierten Zentrum, mit seinen steingedeckten Häusern, den unzähligen Souvenirläden und der wiederaufgebauten Brücke über die Neretva; den Beschreibungen des wohl ‚nicht zu unrecht‘ wenig bedeutenden österreichischen Schriftstellers der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert - Robert Michel. Er inszenierte sich als Bosnien-Experte und bediente das Orientbild seiner Zeit mit Beschreibungen der Stadt sowie ihrer Bewohner als Teil der ‚kulturbringenden‘ Habsburgermonarchie; und - schließlich - einem Bild der Hoffnung: der Mostar-Rock-School. Die etwas am Rande des touristischen Trubels gelegene Musikschule arbeitet seit 1998 konsequent und auf ihre Weise am Bau einer neuen Brücke über die zwischen katholischen Kroaten und moslemischen Bosniern strikt entlang des Flusses geteilten Stadt. Sie bietet der Jugend eine Musikausbildung, Probestudios und ein nicht unwichtiges Stück Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft ihrer Stadt; in der nicht mehr Kreuze, Kirchtürme und Minarette den Raum beherrschen und ihren Bewohnern die Zugehörigkeit diktieren.

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Die Brücke von Mostar, 2004 wieder hergestellt, ist heute ein Wahrzeichen der Stadt, verbindet sie doch den muslimischen Teil der Stadt mit dem katholischen. (Bild: DK Austrian Studies)

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Zeugen des Krieges: eine Grabstele für Bosanski Sehid, eine von Einschüssen gezeichnete Buche und eine Ruine, ein Amtsgebäude aus der Habsburgerzeit. (Bild: DK Austrian Studies)

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Mostar Rock School, im Aufnahmestudio. (Bild: DK Austrian Studies)

Vergangenheit und Gegenwart

Sarajevo präsentiert sich uns heute als Stadt der Offenheit und Gastfreundlichkeit, und doch scheint das Leben hier in der spätsommerlichen Sonne geprägt von einer Vergangenheit, die die Gegenwart nicht loslässt. Nach einer Einführung in die bosnische Literatur durch den Germanisten Vahidin Preljevic in der Österreich-Bibliothek und einer freundschaftlichen Aufnahme durch den Vizedekan der philosophischen Fakultät Amir Duranovic näherten wir uns einem Höhepunkt dieser Tage: Ein Treffen mit dem Schriftsteller Damir Ovcina. Auf eine Lesung aus seinem 2019 in Deutsch erschienen Roman mit anschließender Diskussion folgte ein literarischer Stadtrundgang zu den Schauplätzen. Diesen Rundgang setzten wir mit einer gänzlich anderen Perspektive zu den Institutionen der jungen Republik fort. Der Verfassungsrechtler Jens Wölk illustrierte vor Ort die Verfassungsinstitutionen eines Staates mit drei+ ethnischen Entitäten („Bosniaken, Kroaten, Serben und anderen“). Leben und Raum von Bosnien-Herzegowina sind auf komplizierte und oftmals lähmende Weise dreigeteilt, auch wenn man in Sarajevo davon als Besucher nur wenig erahnt.

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Die Gruppe vor der Universität in Sarajevo. (Bild: DK Austrian Studies)
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„Der Sommer ist ins Tal vorgedrungen und zieht den Winter aus den sozialistischen durchfrorenen und durchlöcherten Häusern heraus.“ Damir Ovcina, Zwei Jahre Nacht. (Bild: DK Austrian Studies)

 


Weiterfahrt

Nach kurzer Pause und einem Tag Aufenthalt in Belgrad setzen wir unsere Reise nach Sarajevo fort. Ein Bus bringt uns - nach einem Besuch der Belgrader Sava-Kathedrale - über die Save-Niederung zur Drina an die Bosnisch-Herzegowinische Grenze. Trotz einer langen Fahrt blieb noch Zeit genug, einen weiteren Aspekt der Kulturlandschaft dieses Raumes anzusprechen: Der (grüne) Karst. Große Teile des Dinarischen Gebirges werden durch Erscheinungen und Formen des Karstes charakterisiert. Die Kargheit der Landschaft mit ihren ausladenden Wäldern begleiten uns auf weiten Strecken. Zugleich vermittelt uns die gewählte Route eindrücklich das Verkehrshindernis, das der NW-SO streichende Gebirgszug darstellt. Er trennt gewissermaßen die Adria, d.h. die Küstenlinie vom Save-Donau-Flusssystem und den Ausläufern der Panonischen Tiefebene. Kommunikationslinien verlaufen hier, heute wie in historischer Zeit, vorwiegend N-S und kaum O-W; das lässt auch die seit den 1990er Jahren hier wieder verlaufende Staatsgrenze zwischen Serbien und Bosnien-Herzegowina erahnen.

[Studienlink]

 


Vielfältige und offene Gesellschaft

Auf dem Stadtspaziergang entlang einer Route, die uns auf den Kalemegdan, die alte türkische Festung, über Spuren habsburgischer Herrschaft im 18. Jahrhundert in das Museum des einzigen jugoslawischen Nobelpreisträgers Ivo Andric und die Wohn- bzw. Grabstätte von Marschall Tito führte, entdecken wir eine zunächst unvermutete Vielfalt; eine Vielfalt, die ihren Charakter aus einer Offentheit mit Rändern bezieht.

 

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Triumphpforte zu Ehren Kaiser Karl VI. im unteren Bereich des Kalemegdan. (Bild: DK Austrian Studies)

 

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Auslage einer Belgrader Buchhandlung mit Neuauflagen von Werken des Schriftstellers I. Andric, der seine Dissertation Anfang der 1920er Jahre in Graz abschloss. (Bild: DK Austrian Studies)

  


Die Reise beginnt

Auf der Suche nach dem möglichen Gemeinsamen der Austrian Studies sowohl in Raum als auch Zeit begeben wir uns nach Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Sarajevo ist seit den Olympischen Spielen von 1984 Partnerstadt von Innsbruck. Ziel unseres Vorhabens ist es, eine Außensicht auf unser Thema zu erschließen. Dabei gibt es zwischen dem heutigen Österreich und Bosnien-Herzegowina zahlreiche Beziehungen, die vielfach auch eine oftmals vergessene ‚Innensicht’ zulassen. Sie reichen von der habsburgischen Eroberungspolitik seit dem 18. Jahrhundert bis hin zu den Kriegen um das zerfallende Jugoslawien und seinen Flüchtlingen, von denen viele in Österreich Aufnahme fanden. So ist auch das Programm darauf abgestimmt. Es werden Themen aus der Geographie ebenso diskutiert wie der historische Erfahrungsraum ‚Balkan‘, die literarische Bewältigung der Belagerung Sarajevos und die allmähliche Integration des Westbalkans in die Europäische Union. Das Treffen mit Menschen vor Ort und die intensive Diskussion sind daher zentraler Bestandteil unseres Perspektivenwechsels.

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"Belgrad erreichen wir nach zwei Tagen Anreise und vielen Stunden Fahrt. Bei den etwas in die Jahre gekommenen Zugsgarnituren lassen sich die Fenster noch öffnen und somit die pittoreske Strecke besonders zwischen Ljubljana und Zagreb entlang der Drau genießen. Die anschließende Busfahrt von Zagreb entlang des Savetals leitete uns über Slawonien, vorbei an Slavonski Brod, und das Srem-Gebiet (das historische Syrmien) in die Hauptstadt Serbiens." (Bild: DK Austrian Studies)


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