Schulklasse

Lern­seitig Bil­dung erfah­ren

Welche Erfahrungen Schülerinnen und Schüler machen, wie sie lernen und was davon im Leben weiterwirkt, hat sich unter anderem die Bildungswissenschaftlerin Silvia Krenn näher angesehen. Sie hat die Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern in Anekdoten verdichtet und untersucht.

Wann lernen wir? In formellen Settings in der Schule? Außerhalb? Was lernen Schülerinnen und Schüler, auch abseits dessen, was Lehrpläne festhalten? Die Bildungswissenschaftlerin Dr. Silvia Krenn hat sich mit Kolleginnen und Kollegen im Forschungsprojekt „Personale Bildungsprozesse in heterogenen Gruppen“ diesen Fragen gewidmet – konkret war sie den Lernerfahrungen von Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Neuen Mittelschulen auf der Spur, hat sie nach ihren Erfahrungen gefragt und diese Erzählungen zu Anekdoten verdichtet. „Wir definieren eine Anekdote als merk-würdige Geschichte, in der Ereignisse, die besonders auf den Erzähler oder die Erzählerin wirken, pointiert verdichtet werden – alles das aus einem Gespräch eines Forschers oder einer Forscherin mit einem Schüler oder einer Schülerin“, erklärt Silvia Krenn.

Bildungserfahrungen

Da wäre zum Beispiel Boris – die Namen der Kinder sind geändert –, der sich sehr für Chemie interessiert, von der Schule aber höchstens „Grundlage“ erwartet: Er hat sich über eine Youtube-Anleitung eine eigene CO2-Anlage fürs Aquarium gebaut. „Das kostet normal 200 Euro, so ein Gerät, wenn man es kauft“, berichtet er Silvia Krenn. Er vermutet, dass die Chemie erst in der Lebensmittel-HTL, die er nach der Neuen Mittelschule besuchen will, spannend wird. Wie mit anderen umgehen, das hat Boris in vier Jahren Neue Mittelschule auch gelernt; er wollte sogar einmal wegen eines Streits die Schule wechseln. Stattdessen hat er sich zum Bleiben entschieden, nun hält er sich aus Streitereien heraus: „Jetzt geht es eigentlich, weil die anderen lassen mich in Ruhe und ich lasse die anderen in Ruhe.“ Erfahrungen wie diese hat Silvia Krenn aufgezeichnet, die Zitate von Boris stammen aus ihrer Arbeit. „Eine Erfahrungsgeschichte enthält mehrere Erfahrungsmomente. Lernerfahrungen sind im Moment schwer zu beobachten, wenn ich als Forscherin vom Erzählten angesprochen werde, passiert Miterfahrung. Wie eine Schülerin oder ein Schüler ihre oder seine Sicht der Welt verändert, zeigt sich immer nur im Nachhinein. Wir wissen letztlich nicht, wie Lernen funktioniert“, hält sie fest.

Oder Brigitta, deren Lieblingsfach Mathematik ist: „Wenn ich irgendwo was sehe, dann rechne ich das schnell aus“, hat sie Silvia Krenn berichtet. In den vier Jahren Neue Mittelschule hat sie sich in Mathematik verbessert. Und sie erzählt der Forscherin von einem Wettbewerb in Primfaktorenzerlegung, zwei Schüler an der Tafel – Brigitta ist die Schnellste dabei, und lacht vor Freude, als sie das erzählt.

Durchkreuzte Erwartung

Lernen ist für Silvia Krenn phänomenologisch betrachtet eine Erfahrung und beginnt mit einer durchkreuzten Erwartung: „Vorher Gültiges verliert an Richtigkeit, es gerät etwas in Bewegung und Irritation, Staunen oder Schrecken ergreifen die Lernenden. Insofern kann eine Lehrperson auch positiv als Störfaktor fungieren, um die Schülerinnen und Schüler herauszufordern.“ Zur Einordnung der Geschichten hat Krenn auch mit den Lehrerinnen und Lehrern, den Eltern und der Schulleitung gesprochen, im Vordergrund stehen aber die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler. „Es geht mir um das Phänomen des Lernens aus lernseitiger Sicht, also um prägende Ereignisse der Schülerinnen und Schüler; um Beispiele dafür, was ihnen in der Sekundarstufe 1 widerfahren kann und sie verändert“, sagt die Bildungswissenschaftlerin. „Schule vermittelt eben nicht nur Wissen, sondern ist auch ein Raum für (Lern-)Erfahrungen, die das Selbst der Lernenden entfalten.“ Solche bildende Erfahrungen sind allerdings nicht planbar: „Lehrerinnen und Lehrer können sehr wohl das Nicht-Planbare ermöglichen und auch versuchen, es anzustoßen“, sagt Silvia Krenn.


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