Der Palast des Ardaschir Papakan im Iran.

Kulturelles Erbe am Computer

Forscher der Universität Innsbruck beteiligen sich an der Entwicklung von kostengünstigen Aufnahmeverfahren und offenen Publikationsformen für die Erhaltung antiken Kulturguts – konkret den Spuren des Sasanidenreichs.

Millionen Flüchtlinge, hunderttausende Tote: Das ist die traurige Bilanz des Bürgerkriegs in Syrien. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) besetzt große Teile Syriens und des Iraks – und sie hinterlässt eine Spur der Verwüstung, auch, was kulturelle Schätze betrifft. Bauwerke, Statuen und Reliefs sind der Miliz bereits zum Opfer gefallen und unwiederbringlich zerstört, darunter zwei jeweils rund 2000 Jahre alte Tempel in Palmyra. Nicht zuletzt diese Zerstörungswut zeigt, wie wichtig es ist, Kulturerbe für die Nachwelt festzuhalten: Ein Unterfangen, an dem auch Innsbrucker Archäologen beteiligt sind. „Wir setzen photogrammetrische Methoden ein, um Kulturschätze aufzunehmen und grenzüberschreitend zugänglich zu machen“, erklärt Dr. Walter Kuntner vom Fachbereich Vorderasiatische Archäologie des Instituts für Alte Geschichte und Altorientalistik.

Photogrammetrie

Durch die Photogrammetrie können antike Denkmäler anhand von hochauflösenden Fotos am Computer dreidimensional reproduziert werden. „Das Equipment, das wir dafür brauchen, ist vergleichsweise günstig – letzten Endes benötigen wir nicht viel mehr als eine digitale Kamera und entsprechende Programme, die uns das Ergebnis liefern, und von uns gezielt aus dem Open-Source-Angebot ausgesucht werden“, sagt Ass.-Prof. Dr. Sandra Heinsch, Leiterin des Fachbereichs Vorderasiatische Archäologie. „Dadurch, dass die Gegenstände und somit auch die Gebäude aus verschiedenen Winkeln hochauflösend fotografiert werden, können die Denkmäler millimetergenau wiedergegeben werden“, erklärt sie. „Das ermöglicht natürlich eine sehr genaue Dokumentation, die sowohl als Ausgangspunkt für die Untersuchung und Erforschung, aber auch für die nachhaltige Erhaltung dieser Denkmäler herangezogen werden kann.“

Sandra Heinsch und Walter Kuntner profitieren in ihrer Arbeit von der Infrastruktur der Universität – um die einzelnen Fotos zusammenzufügen und dreidimensionale Modelle daraus zu berechnen, sind enorme Rechenkapazitäten notwendig. „Wir rechnen einfachere Modelle zur Abstimmung der Aufnahmen auf handelsübliche Rechnern. Für die endgültigen Modelle und Wiedergaben kommen dann Server zum Einsatz, die uns der Zentrale Informatikdienst zur Verfügung stellt. Geplant ist die Auslagerung der besonders zeitintensiven und komplexen Rechenabfolgen auf die universitätseigenen Hochleistungsrechner, etwa Leo 3e“, sagt Walter Kuntner.

Einsatz im Iran

Seit vergangenem Jahr sind die Innsbrucker Archäologen auf Einladung der iranischen Antikenverwaltung auch im Iran tätig. Dort wurde in Zusammenarbeit mit Rouhollah Shirazi von der University of Sistan and Baluchestan, Ali Darvish Zadeh, Österreichische Akademie der Wissenschaften, und der Grabungsfirma Arc-Team der Palast von Ardaschir Papakan, dem ersten Herrscher des Sasanidenreichs, fertiggestellt. „Der Palast von Ardaschir in der Nähe der heutigen Stadt Firouzabad im Südwesten des Irans ist aus mehreren Gründen interessant – er ist zum Beispiel das weltweit älteste erhaltene Bauwerk mit einer Kuppel auf quadratischem Grundriss“, erklärt Kuntner. Der Palast stammt aus dem 3. Jahrhundert nach Christus. „Hier konnten unsere Aufnahmen bereits einen wertvollen Dienst für die Erhaltung des Bauwerkes leisten: Die Aufnahmen erlauben es, die Deformationserscheinungen der Kuppeln und tragenden Mauern zu überwachen und bei Bedarf mögliche Sanierungsmaßnahmen detailliert zu planen“, sagt Heinsch.

Es ist geplant, auch das Stadtgebiet von Firouzabad sowie die nördlich gelegene Festung Qaleh Dokhtar im Rahmen des Projektes DADIM (Digital Archaeological Documentation of Iranian Monuments) aufzunehmen. Ab diesem Jahr sollen im Rahmen dieses Projektes auch alle 35 sasanidischen Reliefs aufgenommen werden. Die Reliefs liegen vorwiegend in der südwest-iranischen Provinz Fars mit der Hauptstadt Schiras, nicht unweit der weltberühmten Fundplätze Persepolis und Bishapur: „Die Reliefs sind meist mehrere Meter hoch und bis zu 20 Meter lang und stellen unterschiedliche Szenen dar – wie etwa Schlachten oder Inthronisationen, die im Fels bildlich verewigt wurden“, sagt Walter Kuntner. „Manche dieser Reliefs sind in mehreren Metern Höhe angebracht, hier arbeiten wir mit Drohnen, an denen die Kamera montiert ist“, erklärt Sandra Heinsch. Auch diese Aufnahmen dienen aufgrund ihrer hohen Qualität der nachhaltigen Erhaltung, aber auch als Grundlage für mögliche Restaurierungsmaßnahmen, sind diese Reliefs doch seit Jahrhunderten der Erosion ausgesetzt.

Open Access

Ein zentrales Ziel des Projektes ist, die Aufnahmen frei im Internet zugänglich zu machen. „Für die Forschung sind diese Aufnahmen sehr wertvoll – wir achten bei der Aufnahme auch bewusst auf extrem hohe Qualität, sodass sie auch in Jahren noch ausreichend detailliert sind und die Aufnahmen nicht dann wieder neu gemacht werden müssen“, sagt Walter Kuntner. Auch eine touristische Nutzung der Aufnahmen ist denkbar. Sandra Heinsch und Walter Kuntner bieten im Iran auch Workshops für einheimische Forscher an, damit diese die kostengünstigen Methoden erlernen und das iranische Kulturerbe auch selbst festhalten können, wie die Archäologin ergänzt: „Die Fotos an sich sind nicht schwierig zu erstellen und vor allem nicht sehr teuer – das wollen wir auch vermitteln und die Iraner bei ihrer Arbeit unterstützen.“ Der erwähnte Palast und die Denkmäler in Firouzabad werden vom Iran außerdem als UNESCO-Weltkulturerbe eingereicht; in diesem Dossier spielen die Aufnahmen der Innsbrucker Archäologen eine wichtige Rolle.

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe der „Zukunft Forschung“, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck, erschienen. Eine digitale Version des Magazins ist hier zu finden.

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