Joseph Roth – zwischen Monar­chie und Re­publik

Der letzte Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „100 Jahre Republik Österreich“ befasste sich mit dem literarischen Werk des österreichischen Schriftstellers Joseph Roth (1894–1939), der als großer Nostalgiker der Monarchie bekannt ist. Referent war Johann Georg Lughofer, Assistenzprofessor an der Abteilung für Germanistik an der philosophischen Fakultät in Ljubljana.
Gruppenfoto Ringvorlesung
Bild: Ingrid Böhler, Kurt Scharr, Vortragender Johann Georg Lughofer und Gunda Barth-Scalmani (von links). (Credit: Yvonne Pallhuber)

Im ersten Teil seines Vortrags warf Johann Georg Lughofer einen genaueren Blick auf Leben und Werk Joseph Roths zwischen Monarchie und Republik. Der zweite Teil befasste sich mit dem Bericht des jungen Journalisten über seine Reportagereise durchs Heanzenland, dem heutigen Burgenland.

Ein Leben zwischen Monarchie und Republik

Der Monarchist

Wie kein anderer Schriftsteller wird Joseph Roth mit der untergegangenen Donaumonarchie in Verbindung gebracht. Diese Perspektive auf den Autor hat gute Gründe, finden wir in seiner Literatur doch einzigartige Hommagen auf das alte Österreich, wie die Novelle „Die Büste des Kaisers“, die erstmals 1934 in französischer Sprache erschien. Ein weiteres Paradewerk der nostalgischen Sehnsucht nach dem Habsburgerreich ist der Roman „Die Kapuzinergruft“ von 1938.

Dass diese beiden Texte aus Roths Exilzeit stammen, verwundert nicht. Ab 1933 waren alle Türen nach Deutschland und ab 1938 auch nach Österreich für Roth, der seit 1925 in Paris lebte, verschlossen. Seine Schriften kamen auf die Schwarze Liste der Nazis und wurden verbrannt. Die Bedrohung Österreichs durch Nazideutschland prägte sicherlich seine politische Einstellung auf entscheidende Weise.

Der Legitimist

Im Pariser Exil wird er zum bekennenden Legitimisten, das sind jene Monarchisten, die für eine Unabsetzbarkeit eines Herrscherhauses eintreten. Mehrmals trifft er Otto Habsburg und plant angeblich sogar eine geheime Entsendung des Thronprätendenten im Sarg nach Wien, um diesen dort als Kaiser zu proklamieren. Im Februar 1938 reist er im Auftrag Ottos nach Wien, um den austrofaschistischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg zur Abdankung zugunsten des Habsburgers zu überreden. Ihm wird jedoch geraten, sofort nach Paris zurückzukehren, was ihm drei Tage vor dem Einmarsch der Nazis gelingt.

Offensichtlich haben Roths politische Ideen dieser Zeit konfuse Seiten. Roth zeigte sich in politisch-journalistischen Texten für Pariser Exilzeitungen und konservative österreichische Blätter genauso wie in Reden im Freundeskreis vielmehr als Poet und Polemiker denn als reflektierter Intellektueller. So erdichtete er sich eine Vergangenheit als ehemaliger österreichischer Leutnant und erfand eine Kriegsgefangenschaft in Russland. Dementsprechend nahmen Freunde sein politisches Engagement auch nicht allzu ernst.

Zum Thema der Monarchie kam Roth über sein literarisches Schaffen. Sein wohl bekanntester Roman „Radetzymarsch“ (1932) behandelt die späte Donaumonarchie. Anders als in seinem Werk „Die Kapuzinergruft“ zeigt er hier die Monarchie noch durchaus vielschichtig, ironisch und skeptisch. Nichts an diesem Roman, der Zug um Zug jede politische Illusion ausräumt, läuft auf eine Verklärung hinaus, vielmehr ist er eine kritische Auseinandersetzung mit dem Habsburgerreich.

Der Journalist

Der nach dem Ersten Weltkrieg heimgekehrte Roth findet seine erste Anstellung bei der Zeitung „Der Neue Tag“, einer Wiener pazifistischen Zeitung in der linksorientierten Szene der Wiener Presselandschaft. In seinen Beiträgen rückt er vor allem die Sorgen und Nöte der kleinen Leute sowie die Konsequenzen des Krieges wie Armut, Mangel an Nahrungsmitteln und Energieknappheit ins Zentrum, was insgesamt eine sehr sozialkritische Färbung ergibt. Es sind monarchiekritische, aber keinesfalls antidynastische Züge zu erkennen.

Der rote Joseph?

1920 kommt er nach Berlin und schreibt für dezidiert linke deutsche Zeitungen. Er klagt Ungerechtigkeiten stärker aus sozialistischer Perspektive an, ja er bezeichnet sich selbst mitunter als Sozialist. Seine Beiträge für die Parteizeitung der SPD „Vorwärts“ unterzeichnet er – nicht ohne Wortwitz – mit „Roter Joseph“. Dieses Textmaterial wurde erst in den späten 1960ern wiederentdeckt und daraus die These vom frühen Sozialisten Roth und dessen späterer großen politischen Wandlung abgeleitet.

Ein gutes Stück weniger links klingt er, als ihn 1924 die Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ aufnimmt, später wird er sogar gut bezahlt bei den rechts anzusiedelnden „Münchner Neuesten Nachrichten“ schreiben. Selbstbewusst, aber mit wenig politischer Denkart entgegnet Roth auf die Empörung seiner kommunistischen Freunde, dass, wo immer er schreibe, es „radikal, das heißt hell, klar und entschieden“ werde. Radikalität scheint für ihn vor allem genaue Beobachtung von Umständen und deren klare Benennung zu sein und nicht politische Reflexion und Stellungnahmen. So verweist auch keiner seiner Beiträge auf eine Auseinandersetzung mit dem Marxismus und den Parteiprogrammen der Linken.

Joseph Roths spätes Engagement für die österreichische Monarchie stand nicht im strengen Gegensatz zu seinen früheren Positionen. Im Europa der Nationalstaaten war Roth vor allem ein glühender Verfechter des übernationalen Donaureichs und wäre wohl heute einer der EU. Genau wie er nie dogmatischer Sozialist war, wurde er nie prinzipieller Monarchist. Besonders das Deutsche Reich der Hohenzollern verachtete er wegen seiner nationalen Idee und sah es als Vorboten Hitlers. Noch dazu passte er sich in seinen journalistischen Beiträgen im Normalfall, wenn auch nicht immer, den Zeitungslinien an. In seinen persönlichen Gesprächen waren es sicher zum guten Teil augenblickliche Stimmungen, Koketterie und der Alkoholeinfluss, die seine politischen Meinungen und Geschichten beeinflussten.

Aber nichtsdestotrotz hat Joseph Roth, dieser großartige Journalist, wie kein anderer das Gesicht seiner Zeit gezeichnet und dabei viele Themen aufgegriffen, die auch in der Ringvorlesung zur Sprache kamen, wie die Armut, die Energieknappheit oder die neue Rolle der Frau.

Eine Reise durchs Heanzenland (1919)

Im zweiten Teil seines Vortrags stellte Johann Georg Lughofer die Berichte über die erste Reportagereise Joseph Roths in die deutschsprachigen Gebiete Westungarns, dem späteren Burgenland, vor, die zwischen dem 7. und 9. August 1919 in der Zeitung „Der neue Tag“ erschienen. Diese Artikelserie „Die Reise durchs Heanzenland“ bietet einen einzigartigen Zugang zu den verworrenen Verhältnissen nach dem Ersten Weltkrieg in Westungarn und kann eine wichtige Ergänzung zu manchen Sichtweisen liefern, die sich hinsichtlich des 1920/21 erfolgten Anschlusses der deutschsprachigen Gebiete an Österreich zwischen der ungarischen und österreichischen Historiographie sehr unterscheiden.

Am 1. August 1919, eine Woche vor Roths Reise, war die ungarische Räterepublik, die am 21. März 1919 unter dem Kommunisten Béla Kun die Macht in Budapest übernommen hatte, zusammengebrochen und die dabei geschlagenen Wunden waren noch nicht verheilt, als Roth das Heanzenland besuchte. Die kommunistische Verwaltung und die Verordnungen der Räterepublik schienen noch nicht ausgehoben zu sein und ringen Roth an mehreren Stellen ein Kopfschütteln ab. Ehrliche ideologische Einstellungen oder Geradlinigkeit nimmt Roth den kommunistischen Machthabern nicht ab, auch unterhalb der Nomenklatura urteilt Roth nicht vorteilhaft über deren Anhängerschaft. So sieht Roth vor allem in der Räterepublik im Einklang mit großen Teilen der späteren Geschichtsschreibung den Grund, warum viele Westungarn die Regierung in Budapest ablehnten.

In der komplizierten Anschlussfrage stellt der Reporter eine unklare, abwartende und uneinheitliche Haltung der Westungarn fest. Diese Unentschlossenheit und Unsicherheit fing Roth in beeindruckenden Szenen und Bildern ein, was manche österreichischen Geschichtsbücher klar widerlegt, die eine frühe Begeisterung für den Anschluss überliefern.

Einen Monat später, als die konservative Regierung in Budapest das Ruder schon fest in der Hand hatte, beschrieb er Westungarn als ein Land von politischen Abenteurern, säbelrasselnden Offizieren und verprügelten Juden. Roth sah den grassierenden Antisemitismus und keine Möglichkeit eines unblutigen Übergangs.

Mit den Friedensverträgen von St. Germain (September 1919) und Trianon (Juni 1920) bekam Österreich das Burgenland unter diesem Namen zugesprochen, doch Joseph Roth sollte in einem recht behalten: Es war noch ein langer Weg, bis das Gebiet endgültig, wenn auch ohne seine traditionelle Hauptstadt Sopron/Ödenburg, bei Österreich landete, inklusive eines gescheiterten Einmarsches der österreichischen Gendarmerie und einer weiteren Republiksproklamation unter dem Namen „Laitabánság“ durch ungarische Freischärler.

(Ingeborg Böhler)

Der Vortrag zum Nachsehen


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