Toblach

In höchsten Tönen

Weitab von seinem gewohnten Umfeld schrieb Gustav Mahler seine drei letzten großen Werke in Toblach, umgeben von den imposanten Dolomiten. Federico Celestini und Milijana Pavlovic vom Institut für Musikwissenschaft interessieren sich für seine Arbeiten aus dieser Zeit, beeinflusst von Schicksal und Landschaft.

Zurückgezogen in Toblach, einem kleinen Ort im Südtiroler Pustertal, komponierte Gustav Mahler seine letzten großen Werke. Neben der Neunten Sinfonie und der unvollendeten Zehnten gehört auch „Das Lied von der Erde“ für Soli und Orchester zu seinem späten Schaffen. Heuer ist das Werk Thema der Gustav Mahler Musikwochen 2017 in Toblach, bei dem erstmals auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende der Uni Innsbruck mitwirken. Federico Celestini und Milijana Pavlovic beschäftigen sich schon lange mit dem Leben und den Werken von Gustav Mahler (1860 – 1911), der bereits im Sommer 1897 das erste Mal nach Toblach gekommen ist. „Als Kapellmeister der Hofoper in Wien und später in New York an der Metropolitan Opera hatte er nur wenig Zeit zum Komponieren. Um sich seiner eigenen Musik zu widmen, nutzte Mahler seine Sommerferien, die er immer in einer Berglandschaft verbrachte. In einem wichtigen Punkt des Kreativprozesses unternahm Mahler kurze Reisen, um etwas Abstand von der Arbeit zu nehmen oder einfach Inspiration zu suchen. Schon in seiner Zeit als Hofoperndirektor in Wien reiste er jeden Sommer für einige Tage allein ins Hochpustertal, um sich ungestört seiner Gedanken zu widmen“, erklärt die Musikwissenschaftlerin Milijana Pavlovic. So entstand wohl die Liebe und Verbindung Mahler zur beeindruckenden Landschaft der Dolomiten.

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Diese beeindruckende Landschaft hat Mahler inspiriert. (Bild: Milijana Pavlovic)

Zuflucht

Schwere Schicksalsschläge prägten die letzten Jahre im Leben des Komponisten. „Nach dem tragischen Tod ihrer fünfjährigen Tochter Maria im Jahr 1907 und der kurz darauf folgenden Diagnose einer schweren Herzkrankheit Mahlers verließen Alma und Gustav Mahler ihr Familienhaus in Maiernigg am Wörthersee. Zuflucht und Ruhe fand das Ehepaar in Toblach“, so Milijana Pavlovic, die selbst schon öfter den Ort des letzten Schaffens von Gustav Mahler besucht hat. „Im Sommer nach dem Tod Marias schwieg auch Mahlers Musik und er kehrte nach seinem Urlaub nach Wien zurück, bevor er im Winter nach New York reiste, um als Direktor der Metropoliten Opera zu wirken“, erklärt die Wissenschaftlerin. Im darauffolgenden Jahr 1908 entschied sich das Ehepaar Mahler erneut für das Hochpustertal. In ihrer neuen Sommerresidenz in Altschluderbach bei Toblach ließ Mahler ein kleines Komponierhäuschen errichten, in dem er intensiv arbeitete. „Die in dieser Zeit entstandenen Werke sind besonders bedeutend, da der Komponist in ihnen den Tod der Tochter, das Ende seines Arbeitsverhältnisses an der Hofoper und die Diagnose seines Herzproblems verarbeitet hat“, betont Celestini. Beeinflusst und inspiriert von der eindrucksvollen Landschaft finden sich diese Impressionen auch in seinen letzten drei großen Werken wider. Die angefangene Zehnte Sinfonie konnte Gustav Mahler im Sommer 1910 nicht mehr beenden, denn er verstarb in Wien im Mai des folgenden Jahres.

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Stimmungsvoller Blick über den Misurinasee. (Bild: Milijana Pavlovic)

Chinesische Dolomiten

Schroffe Bergfelsen, sanftes Licht in den Morgen- und Abendstunden oder das Plätschern von Almwiesen durchziehenden Bächen – diese Landschaft hat Gustav Mahler beeindruckt und ihn in seinem musikalischen Schaffen inspiriert. Mit dem „Lied von der Erde“ wagt Gustav Mahler eine Kombination aus Lied und Sinfonie. „Auf der Basis von deutschen Nachdichtungen chinesischer Lyrik aus dem 8. Jahrhundert hat Mahler diese ungewöhnliche Komposition gewagt. Die fernöstlichen Texte unterstreicht er mit musikalischem Bezug zum Orient wie die Verwendung von pentatonischen Skalen oder Heterophonie. Das sind Techniken, die für die damaligen Kenntnisse mit dem Orient im Zusammenhang standen“, erläutert Celestini. Mit dem Werk thematisiert Mahler nicht nur seine einschneidenden Erlebnisse, sondern auch den Umgang mit fremden Kulturen, das Eigene und das Andere oder Fremdheit. Eine neue Sicht auf die Welt und das eigene Ich hat Mahler in einem musikalischen Perspektivenwechsel erfahren, denn erst über die Hinwendung zum Anderen kann das eigentliche Ich leichter thematisiert werden. In der Zeit des Kolonialismus, der auch als eine Art der Plünderung angesehen wird, beschäftigte der Exotismus und dessen Faszination im frühen 20. Jahrhundert sowie die aufkommende Chinoiserie den Komponisten in seinem Werk. „Mahler wird kein chinesischer Komponist und die Texte sind keine chinesische Dichtung mehr“, betont Federico Celestini, der darauf hinweist, dass sich Mahler auf eine Übersetzung der chinesischen Poesie gestützt hat, die bereits aus dem Französischen ins Deutsche übertragen wurde und schon sehr vom Original entfremdet ist. „Die chinesischen Berge, die auch in der Lyrik angesprochen werden, findet Mahler in den Sextner Dolomiten, die für ihn jene fernöstliche Landschaft repräsentieren, über die er in seiner Musik schreibt. So scheinen die Dolomiten als chinesische Berge. Auch wenn der Komponist China nie bereist hat, so haben ihm leider nicht mehr erhaltene Wachsrollen musikalische Beispiele geliefert“, erklärt die Musikwissenschaftlerin. Mahlers Verbindung mit dieser Landschaft war sehr eng und die letzten drei Werke sind Produkt dieser engen Beziehung. „Die besondere Landschaft beispielsweise im Fischleintal in der Nähe von Sexten hat viel von der Stimmung im ‚Das Lied von der Erde’, das im Jahr 1911 uraufgeführt wurde. In einem Werk die Stimme und das Sinfonische zusammenzubringen, ist nicht einfach. Es vereinen sich die lyrischen Formen mit der kammermusikalischen Innerlichkeit mit der großen orchestralen Vielfalt, die eine Pluralität von Klängen bedeutet“, so die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler. Im Rahmen der Gustav Mahler Musikwochen in Toblach wird der Fokus auf dieses musikalische Werk gelegt, wobei Pavlovic und Celestini mit ihrem Team die Aufbereitung von musikwissenschaftlichen Inhalten für eine breitere Öffentlichkeit wichtig ist.

Mit Mahlers Augen

Im Rahmen der Musikwochen in Toblach werden neben einem umfangreichen musikalischen Programm auch zahlreiche Vorträge beispielsweise zur Aufführungsgeschichte, Mahlers Dolomitenerfahrungen, die chinesische Lyrik oder die Fremdheit in der Literatur und Musik angeboten. Ein Höhepunkt ist eine von Milijana Pavlovic geleitete Wanderung in Mahlers so geliebte Landschaft. „Wir werden die Möglichkeit haben, die Landschaft mit den Augen des Komponisten zu sehen und zu erleben, wie er diese Eindrücke in seiner Musik verarbeitet hat. Mit diesem vielfältigen Programm soll die Verbindung von alpiner Landschaft, Kultur, Konzert und Wanderung für alle Interessierten erlebbar werden. „Uns ist es wichtig, Wissenschaft und Öffentlichkeit zu verbinden“, betonen Celestini und Pavlovic. In der Umsetzung sind auch Studierende aus dem Euregio-Raum Innsbruck, Bozen und Trient, involviert. „Gemeinsam mit der Kollegin Sybille Werner, langjähriger Mitarbeiterin von dem größten der Mahler-Biografen, Henry-Louis de La Grange, erarbeiten wir eine Ausstellung zu Mahler und dem Werk ‚Das Lied von der Erde’. Die Ausstellung ist genau dem im Januar dieses Jahres verstorbenen de La Grange gewidmet. In einer Kombination aus Texten und Bildern, soll die Zeit und Stimmung in der Mahler gewirkt hat für die Besucherinnen und Besucher der Musikwochen anschaulich aufbereitet werden“, freut sich Pavlovic über das große Engagement der Studierenden und deren perfekte Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. „Diese Kooperation soll ein erster symbolischer Auftakt zu einem geplanten Euregio-Masterstudium sein. Musik verbindet Menschen und kennt keine Grenzen. Deswegen wollen wir ein grenzüberschreitendes Musikwissenschaftliches Studium demnächst anbieten“, konkretisiert Celestini. Die Gustav Mahler Musikwochen 2017 in Toblach werden am Freitag, den 15. Juli eröffnet und dauern bis Freitag, 04. August 2017.

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Die Studierenden bei der Ausarbeitung der Konzepte für die Ausstellung. (Bild: Milijana Pavlovic)

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