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„Ich glaube an einen Ausweg!“

Gewalt im Namen Gottes ist auf das Schärfste zu verurteilen, Konflikte gehören allerdings zur Wahrheitsfindung. Diese Ansicht vertrat der bekannte Innsbrucker Theologe Raymund Schwager bereits in den 90er Jahren. Sein Schüler und wissenschaftlicher Begleiter Józef Niewiadomski im Gespräch über Schwagers Theorien zum Thema Religion und Gewalt und mögliche Auswege.

Herr Prof. Niewiadomski, Sie bezeichnen Raymund Schwager als den bedeutendsten Innsbrucker Theologen neben Karl Rahner, warum?

Józef Niewiadomski:Raymund Schwager war ein prophetischer Geist und Theologe der neuen Generation. Er hat die Frage nach den Zusammenhängen von Religion und Gewalt als eine der großen Fragen der Theologie identifiziert, noch lange bevor es zum gesellschaftlichen Dauerthema wurde. Schwager war auch Begründer eines neuen theologischen Ansatzes: der Innsbrucker Dramatischen Theologie.

Wie würden Sie diesen neuen Ansatz der Dramatischen Theologie beschreiben?

Józef Niewiadomski: Schwager hat von seiner Dissertation aufwärts immer wieder darauf aufmerksam gemacht, welcher Rationalität sich die Theologie verpflichtet. Die Theologie kann nicht einer Rationalität verpflichtet sein, die abstrakt über die Konflikte der Menschen hinweggeht, oder die Konflikte einseitig einem Dritten in die Schuhe schiebt. Theologie braucht eine neue Rationalität, er nannte das das dramatische Modell. Dabei stellte er die Frage, wie die Begegnung von Menschen abläuft. Da gibt es Auseinandersetzung, Entwicklung, Widerspruch, Spannung unter Umständen sogar Bruch. Das alles wird aber geleitet – und damit sind wir beim theologischen Ansatz – von einer Hoffnung auf Versöhnung. Ein entscheidender Satz in Schwagers Theorie ist: Wenn die Versöhnung zu schnell vorweggenommen wird, ist das der sicherste Hinweis darauf, dass nicht der allumfassende Geist am Werke ist, sondern die sichtbaren Strukturen sich durchgesetzt haben.

Verwerfung von Gewalt

Konflikt wird in diesem Ansatz also nicht negativ gesehen?

Józef Niewiadomski: Nein, ganz im Gegenteil. Schwagers Ansatz war, dass wir nur durch die dramatische Auseinandersetzung zur Wahrheit finden. Nach Raymund Schwager können wir von Dogma nur sprechen, wenn in seiner Formulierung das legitime Anliegen der Gegner inkludiert wurde. Also ein klares „Ja“ zum Konflikt, allerdings mit der gleichzeitigen strikten Verwerfung von Gewalt.

In ihrem Vorwort zu Schwagers gesammelten Werken schreiben Sie, dass Raymund Schwager von den Anschlägen auf das World Trade Center in New York 2001 nicht überrascht war. Warum?

Józef Niewiadomski: Raymund Schwager war darauf vorbereitet, weil er die Zusammenhänge von Religion und Gewalt seit seiner Dissertation als eine der wichtigsten Fragen der Theologie reflektiert hat. Er hat die Frage nach dem vor allem islamisch motivierten Terror anders gesehen, als die gängigen Tageskommentare und da war er natürlich ein bisschen unbequem.

Zerrbild des Islam

Worin sah er die Gründe für religiös motivierten Terror?

Józef Niewiadomski: In unserer globalisierten Welt gibt es zwei Kulturen: Der wirtschaftlich hoch entwickelte Westen, der mit Verachtung auf den Islam als gestrige, voraufklärerische Kultur schaut. Auf der anderen Seite stehen zum Teil hochentwickelte arabische Länder, die diese Verachtung wahrnehmen. Die Tatsache, dass es dem Westen nie gelungen ist, im Islam eine hochwertige Kultur zu sehen, sondern ein Zerrbild des Islams transportiert wird, das voraufklärerisch, gestrig, unterdrückend und gewaltversessen ist, sah Schwager als großes Problem.

Ein Problem, das unterschätzt wurde?

Józef Niewiadomski: Ja, man war lange Zeit der Meinung, der Islam würde vergleichbar mit dem christlichen Glauben in einer westliche Rationalität aufgehen und die Religion wird verschwinden. Ich würde sagen, die jüngsten Ereignisse zeigen, dass das ein Irrweg war. Entweder wird der Islam als eine alternative Kultur im Westen als Gesprächspartner anerkannt und damit wird ein Austausch möglich oder – und hier sind wir beim apokalyptischen Szenario – es führt zu noch mehr Gewalt. Wenn die Menschen davon überzeugt sind, dass es einen Gott gibt, dass Gott gut ist, dass er gerecht ist, dass er ein Gott aller Menschen ist, dann müssen wir in dem anderen Menschen, so anders er auch sein mag, zuerst die positiven Seiten sehen und nicht die Zerrbilder der Negativität in den Vordergrund stellen. Die Eskalation muss durchbrochen werden und deshalb sind einseitige Schritte notwendig. Eskalation kann ohne einseitige Schritte unmöglich unterbrochen werden.

Das heißt, die westliche Welt ist selbst für den Terror verantwortlich?

Józef Niewiadomski: In gewisser Weise, ja. Wohl aber gilt es festzuhalten, dass wir in der islamischen Theologie in den letzten Jahrhunderten keine umfassende Auseinandersetzung mit der Frage zur Gewalt im Namen Gottes finden. Das Christentum war zu dieser Auseinandersetzung aufgrund der Erfahrung durch die Religionskriege verpflichtet. Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Bergpredigt, mit einer Hochschätzung der Gewaltfreiheit. Natürlich verweisen Muslime darauf, dass es dazu auch etliche Stellen im Koran gibt. Im Christentum hat man im Mittelalter die Bergpredigt allerdings auch gelesen und überlesen. Diese Auseinandersetzung die das Christentum durchlaufen hat, steht im Islam noch aus und sie muss von innen her kommen. Deshalb ist es sehr wichtig, unterschiedliche islamische Theologien zu fördern und eine interne Auseinandersetzung zu unterstützen. Als Christ habe ich kein Recht, den muslimischen Theologen zu sagen, was sie zu tun haben. Trotzdem sage ich, es ist unheimlich wichtig, dass sich eine innerislamische Auseinandersetzung entwickelt, die den Islamismus als einen falschen Weg des Islams nicht nur moralisierend abkanzelt, sondern auch theologisch aufzeigt.

Glaube als Ausweg

Glauben Sie daran, dass der aktuelle Konflikt überwunden werden kann?

Józef Niewiadomski: Sie haben die Frage richtig gestellt: Glauben Sie? Als gläubiger Mensch, glaube ich an einen Ausweg. Ich muss mit Worten von Schwager argumentieren: Der Untergang der Welt ist eine Möglichkeit, sie wird von Menschen Wirklichkeit werden. Als gläubiger Mensch vertraue ich darauf, dass Gott immer noch die Möglichkeit findet, Errettung aus dem Untergang zu finden.

Der Glaube ist Ihrer Meinung nach also der einzige Ausweg?

Józef Niewiadomski: Wenn wir als globale Weltgesellschaft überleben wollen, dann geht das nur, wenn wir gemeinsam Wege suchen. Die Gewalt im Namen Gottes kann nicht von außen her, sondern nur durch Glaubenshaltungen überwunden werden. Inzwischen ist, glaube ich, bewusst geworden, dass einzig und allein der säkulare Impuls diesem Problem nicht gerecht wird, sondern im Gegenteil: Die Verstärkung des säkularen Impulses zwingt die Religion in den Untergrund. Es bilden sich Terroristenzellen, die dann eben nur noch gewaltsam agieren. Bevor man einander tötet, sollte man wirklich schnell anfangen miteinander zu reden.

Im Gedenken an einen Großen der Fakultät

Raymund Schwager, geboren 1935, folgte 1977 einer Berufung auf den Lehrstuhl für Dogmatische und Ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät der Uni Innsbruck, wo er bis zu seinem Tod 2004 wirkte. Von 1985-1987 und von 1999-2003 amtierte er auch als Dekan der Fakultät, die er wesentlich prägte. Auf seine Initiative gehen sowohl die Neuorganisation der Institute wie auch die Gründung des Interdisziplinären Forschungszentrums Religion-Gewalt-Kommunikation-Weltordnung zurück. Auch der Arbeitskreis für Wissenschaft und Verantwortlichkeit wurde von Raymund Schwager gegründet. Am 11. November wäre Schwager 80 Jahre alt geworden.

Dieser Artikel ist in der Dezember-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).


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