Hin- und her­ge­rissen: Das Wesen der Monar­chie

In der Ringvorlesung „100 Jahre Republik“ wird die Geschichte der Republik von Vortragenden aus neuen Perspektiven beleuchtet. Die in Kooperation mit dem Tiroler Landestheater sowie dem Haus der Musik Innsbruck abgehaltene Lesung des von Franz Theodor Csokor verfassten Theaterstücks „3. November 1918“ am 6. November 2018 bildet den literarischen Rahmen für diese Vortragsreihe.
Bühne bei der Lesung
Bild: Die Lesung fand in Kooperation mit dem Tiroler Landestheater sowie dem Haus der Musik Innsbruck am 6. November 2018 statt. (Credit: Gunda Barth-Scalmani)

Franz Theodor Csokor wurde am 6. September 1885 in Wien geboren. Bereits nach der Matura 1905 verfasste er erste Stücke. Seinen Kriegsdienst leistete Csokor im Kriegsarchiv in Wien ab. Zwischen 1922 und 1928 arbeite Csokor als Dramaturg ebenfalls in Wien. Als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus wanderte Csokor 1938 nach Polen aus und sah sich bis 1945 mehrmals gezwungen, vor den Nationalsozialisten zu fliehen. Im Jahr 1946 kehrte Csokor nach Wien zurück und arbeitete fortan bis zu seinem Tode als Schriftsteller. 1947 wurde er Präsident des österreichischen P.E.N.-Clubs (internationale Schriftstellervereinigung). Csokor verstarb am 5. Jänner 1969 in Wien. Sein wohl bekanntestes Werk ist eben jenes Theaterstück „3. November 1918“. Csokor gilt als der bedeutendste Vertreter des literarischen Expressionismus in Österreich.

Das Theaterstück

Csokors Theaterstück spielt am 2. und 3. November 1918 in einem Rekonvaleszentenheim, einem ehemaligen Sommerfrischehotel, in den Kärntner Karawanken. Während im Tal der Krieg noch tobt, ist das Heim in den Bergen durch Eis und Schnee von der Außenwelt abgeschottet. Zehn Personen aus allen Teilen der Monarchie befinden sich im verschneiten Haus und harren der Lage: acht k. u. k. Offiziere, darunter ein jüdischer Regimentsarzt, sowie ein Infanterist und eine Krankenschwester. Unter den Anwesenden kommen Zweifel über das Fortbestehen der Doppelmonarchie auf und allein der Kommandant, Oberst von Radosin, und der Regimentsarzt, Dr. Grün, halten weiterhin am Vielvölkerstaat fest. Nationale Ideen und Interessen bestimmen zunehmend die Gedanken der anderen Personen. Oberst von Radosin wird von dieser Stimmung und dem sich abzeichnenden Zerfall der Monarchie überwältigt. Er nimmt sich mit seiner Dienstwaffe das Leben. Nach der Beisetzung des Obersts, die schon von nationalen Vorstellungen geprägt ist, gehen die Anwesenden ihrer Wege, um den Gründungen ihrer neuen Staaten beizuwohnen. Der deutsche Kärntner Oberleutnant Ludoltz und der Krainer Oberleutnant Zierowitz bleiben zurück und beginnen noch vor Ort den Kampf um ihre nationalen Interessen und das Territorium beiderseits der Karawanken.

Die Kurzfassung vom 6. November 2018 wurde von Thomas Krauß einstudiert.

In den Rollen des Stücks waren zu hören: Jan Schreiber als Oberst von Radosin und Regimentsarzt Dr. Grün, Johannes Gabl als Rittmeister Orvanyi und Infanterist Josip, Kristoffer Nowak als Oberleutnant Ludoltz, Stefan Riedl als Oberleutnant von Kaminski und Zugführer Carl Geitinger, Raphael Kübler als Oberleutnant Zierowitz, Phillip Henry Brehl als Leutnant Sokal und Ronja Forcher als Schwester Christina.

Der Waffenstillstand vom 3. November

Aufgrund der prekären Situation der österreichisch-ungarischen Armee im Herbst 1918 sahen sich die Verantwortlichen gezwungen, einen Waffenstillstand mit der Entente auszuhandeln. Am 3. November 1918 unterzeichneten Österreich-Ungarn, vertreten durch General Viktor Weber Edler von Webenau (1861–1932), und Italien, vertreten durch General Pietro Badoglio (1871–1951), einen Waffelstillstand, der die Schlachten um den Piave beendete und einen Rückzug der k. u. k. Truppen von allen Kampfhandlungen bedeutete. Ungarn, welches bereits am 31. Oktober die Realunion mit Österreich für nichtig erklärt hatte, verhandelte ein für sich nachteiliges Separatabkommen mit der Entente, das am 13. November 1918 von Béla Linder in Belgrad unterzeichnet wurde.

Im tiefsten Wesen österreichisch?

Die dem Theaterstück intrinsische Frage, die auch indirekt im Titel der Veranstaltung wiedergegeben wurde, muss aus einer „alt-österreichischen“ Binnenperspektive beantwortet werden. Mit dem Ausscheiden Österreich-Ungarns aus den Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall des Vielvölkerstaats wurde der Krieg für Österreich-Ungarn beendet und das Feld für die bevorstehenden Kämpfe im Innern geräumt. Das lose und schwer zu fassende Identitätsbild der Monarchie wurde durch einen steigenden Druck der Nationalisierung abgelöst und Individuen wurden, unabhängig von persönlicher Verunsicherung oder einem ausgeprägten Zugehörigkeitsgefühl, in neue Nationalidentitäten und die damit verbundenen Auswirkungen gedrängt oder fügten sich aktiv in diese ein. Jene, die nicht mit den neuen nationalen Vorstellungen – aufgrund von Sprache, Herkunft oder Glaubensbekenntnis – konform gingen, sahen sich mit einem nahezu ausweglosen Dilemma und einer fremdbestimmten Krise der eigenen Identität konfrontiert. Eine politische und ideologische Neuausrichtung der Nationen vollzog sich in einer Geschwindigkeit, die mit der Identitätsfindung der individuellen Personen zuweilen nicht vereinbar war. Doch die Kämpfe beschränkten sich nicht nur auf eine ideelle Ebene. So stellt der Kärntner Abwehrkampf, auf den Csokor in Dialogen und in seiner letzten Szene verweist, einen realen Krieg um Identität und nationale Zugehörigkeit dar.

Schlussendlich war und ist das Wesen Österreichs und seiner BürgerInnen ein komplexes Kondensat, bestehend aus einer Vielzahl von Aspekten, die sich nicht auf einen einzigen Nenner reduzieren lassen. Das Jahr 1918 markiert einen markanten Einbruch und gleichzeitig einen absoluten Wendepunkt in dem Diskurs um eine österreichische Identität. Ebenso sind die Ereignisse des Herbstes 1918 für den weiteren Verlauf der Geschichte Österreichs, vor allem in der Zwischenkriegszeit, ein ambivalentes Element, wie die Konstruktion einer kollektiven Identität als Deutsche, die alle politischen Lager in unterschiedlichem Ausmaß damals prägte. Das Bindeglied zwischen dem modernen Österreich und der alten Doppelmonarchie ist ohne Zweifel das Jahr 1918 und wir erinnern eigentlich nicht an das hundertjährige Bestehen der Republik, sondern an das hundertjährige Jubiläum dieser Sattelzeit.

(Christian Konz)


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