Gesund­heitsöko­nomie im Blick

Das „7th Workshop in Behavioral and Experimental Health Economics“ hat Anfang Februar 2020 in Innsbruck stattgefunden. Bei dieser Veranstaltung haben ca. 50 prominente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt über den aktuellen Stand der Forschung im Bereich der Gesundheitsökonomik aus einer verhaltensökonomischen Perspektive berichtet und diskutiert.
Gruppenbild - Gesundheitsökonomie
Bild: Gruppenbild der Teilnehmenden an der Tagung. (Credit: Helena Fornwagner)

Organisiert wurde die Tagung von der Universität Innsbruck (Prof. Dr. Loukas Balafaoutas, Dr. Helena Fornwagner, Dr. Daniela Glätzle-Rützler) und dem Management Center Innsbruck (Dr. Claudia Zoller). Die diversen Vorträge im Rahmen dieses Workshops können aus inhaltlicher Sicht zwei breiten Fragestellungen zugeordnet werden. Die erste Fragestellung beschäftigt sind mit Institutionen und Anreizsystemen die dazu führen können, dass Berufstätige im Gesundheitswesen (in erster Linie Ärzte) angemessene Behandlungen im Interesse der Patientinnen und Patienten anbieten, und gleichzeitig auch im Sinne der wirtschaftlichen Effizienz und Nachhaltigkeit agieren. Konkret wurde über die Rolle von verschiedenen Versicherungsschemata berichtet, beispielsweise darüber, welche Kombinationen von Deckungssummen und Selbstbehalt dazu führen, dass unnötige Leistungen und Kosten für Patienten reduziert werden. Ebenso wurde über verhaltensorientierte Aspekte diskutiert, die die Entscheidungen von Medizinern beeinflussen können. Diese beinhalten beispielsweise die Rolle von online Bewertungen für Ärzte und Praxen oder den Zusammenhang zwischen extrinsischen und intrinsischen Anreizen: es ist nämlich seit Jahrzehnten in der ökonomischen Forschung dokumentiert worden, dass hohe monetäre Anreize unter Umständen die eigene, altruistische Motivation für prosoziales Verhalten verdrängen können. Die Regulierung des Gesundheitssektors auf politischer Ebene ist dementsprechend eine sehr komplizierte Aufgabe, die viele institutionelle, wirtschaftliche, aber auch psychologische Faktoren berücksichtigen muss. Ein konkretes Beispiel um dies zu veranschaulichen ist die Frage, ob und wann Offenlegungserklärungen im Gesundheitsbereich (z.B. die Offenlegung seitens einer Ärztin, dass sie im Rahmen einer klinischen Studie bezahlt wird oder dass sie für verschreibungspflichtige Medikamente Kommissionen bekommt) sinnvoll sind. Paradoxerweise gibt es eine beachtliche Anzahl an empirischen Studien, die die negativen Auswirkungen der sogenannten „disclosure“ dokumentieren. Disclosure kann nämlich oft dazu führen, dass Patienten weniger kritisch und aufmerksam gegenüber ambivalenten Empfehlungen sind, um die Signalisierung von Misstrauen zu vermeiden.

Die zweite Fragestellung bezieht sich darauf, wie kann man Individuen dazu bewegen kann, ihr Gesundheitsverhalten zu verbessern. Es ist beispielsweise bekannt, dass Menschen oft Entscheidungen treffen, die ihre eigene Gesundheit gefährden. Einige im Workshop präsentierte Studien haben Mechanismen evaluiert, die das Suchtverhalten mäßigen oder die Trainingsfrequenz für sportliche Aktivitäten erhöhen. Des Weiteren wurde im Rahmen der Vorträge das Thema „Nudging“ angesprochen. Hierbei geht es um milde Politikinterventionen, die das Verhalten der Bevölkerung zu beeinflussen versuchen um sozial erwünschte Ergebnisse hervorzubringen. Eine verbreitete Methode dieser Art ist das Senden von Briefen unterschiedlichen Inhaltes von den Behörden an die Bevölkerung, die unter anderem das Ziel haben, Influenza Impfraten oder Gebärmutterhalskrebs Vorsorgeuntersuchungen zu erhöhen. Die Ergebnisse der im Workshop vorgestellten Studien haben gezeigt, dass verhaltensbasierte Politikinterventionen (Nudges) sehr sogfältig geplant, implementiert und evaluiert werden müssen, weil ihre Wirksamkeit länder- und situationsspezifisch ist. Ein besseres Verständnis dieser Art von Interventionen gehört dementsprechend zu den Prioritäten der aktuellen (gesundheits-)ökonomischen Forschung.

Zum Abschluss des Workshops hat am 7. Februar eine Podiumsdiskussion über Gesundheitspolitik stattgefunden. Teilgenommen haben Cornelia Betsch (Professorin an der Universität Erfurt), Martin Kocher (Direktor des Instituts für Höhere Studien in Wien und Professor an der Universität Wien), Josef Probst (ehemeliger Direktor des österreichischen Hauptverbands für Sozialversicherungsträger), Loukas Balafoutas (Professor an der Universität Innsbruck) und Matteo Galizzi (Professor an der London School of Economics and Politicval Science). Die Podiumdiskussion hat die Ergebnisse des Workshops zusammengefasst und eine breite Diskussion über aktuelle gesundheitspolitische Themen, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven ermöglicht.

(Loukas Balafoutas/Helena Fornwagner)

Unileben aktuell – die neuesten Beiträge

weitere Beiträge

Nach oben scrollen