Gemein­sinn – Was ihn bedroht und was wir für ihn tun können

Am 21. Jänner 2020 hielt Aleida Assmann in der fast zur Gänze besetzten Aula des historischen Altbaus der Universität Innsbruck einen Vortrag mit dem Titel: „Gemeinsinn. Was ihn bedroht und was wir für ihn tun können“. Die Einladung erfolgte durch den Forschungsbereich „Konflikt – Trauma – Gewalt“ des Instituts für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung.
Pia Andreatta begrüßt Aleida Assmann
Bild: Aleida Assmann hält einen Vortrag an der Uni Innsbruck. (Credit: Anna Krimmer)

Den Hintergrund des Vortrags von Aleida Assmann bildet – wie der Titel schon ankündigt – die Frage nach dem „gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Eine Frage, die angesichts der gesellschaftlichen Radikalisierungen und der damit verbundenen zunehmenden Spaltungen der Gesellschaft von höchster Dringlichkeit ist. Für Aleida Assmann ist es zu wenig, diese Prozesse allein medial zu verfolgen, denn, so Assmann: „Um die explosive Spaltung der Gesellschaft abzubauen und den Gemeinsinn zu stärken, bedarf es einer längerfristigen Perspektive, konstruktiver Ideen und vor allem auch nachhaltiger Strategien. Denn es reicht nicht, nur über Spaltung und Hass zu sprechen, wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir Gemeinsinn wieder herstellen - auf allen Ebenen: global, in der EU, auf der Ebene der Nation, in den Städten und den Schulen.“ Assmann spannt in ihrem Vortrag einen Bogen, der mit einem persönlichen Einstieg einsetzt und dabei insbesondere die Thematik des „Projekts Europa“ aufgreift, um dann den – man könnte fast sagen – Jahrtausende umfassenden Diskurs zur Frage nach den Menschenrechten und Menschenpflichten zu umreißen. Im letzten Teil ihres Vortrags widmet sich Assmann einer Reihe von ganz konkreten und aktuellen Menschenrechtsprojekten.

Mit Blick auf das „europäische Projekt“ schlägt Assmann folgende – auch ihre eigene Lebensspanne umfassende – historische Periodisierung vor: Zunächst ist von einem Zeitabschnitt der „Polarisierung“ auszugehen, die Phase von 1945 bis 1989, gekennzeichnet einerseits durch den Kalten Krieg, aber auch durch den Aufbau der EU als Projekt der Veteranen des Ersten Weltkriegs. Diese Periode wird hinsichtlich des vergangenen Nationalsozialismus von Assmann auch als Kultur des „Vergessens“ charakterisiert. Auf diese Periode folgt der Abschnitt der „Pluralisierung“, die Zeit von 1989 bis 2015, der Fall der Berliner Mauer und die so genannte Osterweiterung, wieder mit Blick auf den Nationalsozialismus zeichnet sich eine Phase der Aufarbeitung der Vergangenheit ab, die sich in der Etablierung einer Erinnerungskultur niederschlägt. Seit 2015 leben wir, so Assmann, in einer Periode der „Spaltung“, von den Gegnern des Gemeinsinns als „Migrationskrise“ markiert. In Wahrheit dient diese angebliche Krise aber bloß als Vorwand, um das Wiedererstarken des Nationalismus voranzutreiben, „das Fremde“ wird dabei zum Kristallisationspunkt. Für Assmann ist das Projekt Europa, das sie heute als bedroht sieht, jedoch sowohl ein Friedens- wie Demokratisierungsprojekt, als auch der Ort einer selbstkritischen Erinnerungskultur, in deren Zentrum die Menschenrechte und Menschenpflichten stehen, die den zweiten Teil ihres Vortrags bilden.

Von der gegenwärtigen Gewalt im Internet, in deren Zentrum Rassismus und Antisemitismus eindringen, ausgehend, greift Assmann die Spur der Idee der Menschenpflichten im Alten Ägypten im Prinzip der Umsetzung der Gerechtigkeit angesichts von Ungleichverteilung der Macht auf. Dieser Diskurs fand im frühen Christentum der Evangelien und in den mittelalterlichen Tugenden seine Fortsetzung. Heute, so Assmann, stehen wir vor der globalen Herausforderung, den Gemeinsinn zu stärken, der in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zwar seinen Ausgangspunkt wie Anker hat, aber dennoch täglich wiederhergestellt werden muss. Assmanns Beispiel für die Schwierigkeiten im gesellschaftlichen Umgang mit dem Gemeinsinn – sie betont hier insbesondere die Bedeutung des urbanen Raums – zeigen die Debatten um das weltweit erste „Denkmal für Migration“ des amerikanisch-kenianischen Künstlers Olu Oguibe, geschaffen für die 14. Dokumenta 2017. Im Objekt selbst – es handelt sich um einen Obelisken mit der Inschrift „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ – und in der Diskussion um das Objekt manifestiert sich die ganze Ambivalenz des Themas: Ist das Objekt der künstlerische Versuch der Umkehr der üblichen Bedeutung – der Obelisk als Zeichen von Herrschaft und als Symbol der Macht – in dem es die Bedeutung von Menschlichkeit und Aufnahme in eine Gemeinschaft annimmt, so erweist sich die Diskussion um das Objekt als Signum für die Spaltung. Der ursprüngliche Ort der Installation, das urbane Zentrum Kassels, wird von der Bevölkerung abgelehnt, der Obelisk selbst wird darauf hin in einen „geschützten Ort“, auf dem Gelände eines Kunst- und Kulturbereichs, „abgeschoben“. Aleida Assmann beendet ihren Vortrag mit dem Verweis auf eine offizielle Plakatkampagne der Deutschen Bundesregierung zum Rechtsstaat mit den Worten: „Noch sind wir Rechtsstaat“. 

Zur Vortragenden

Frau Aleida Assmann veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zur englischen Literatur und zur Archäologie der literarischen Kommunikation. Seit den 1990er Jahren ist ihr Forschungsschwerpunkt die Kulturanthropologie, insbesondere die Themen kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen. Aleida Assmann zählt zu einer der renommiertesten Kulturwissenschaftlerinnen. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, unter anderem 2018 gemeinsam mit Jan Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Hermann Mitterhofer und Pia Andreatta

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