Es spukt am INTRAWI

Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Literarisches Übersetzen D-I“ unter der Leitung von Mag. Carla Festi wurden im Sommersemester 2017 am Institut für Translationswissenschaft (INTRAWI) Texte des Tiroler Autors Christian Kössler ins Italienische übersetzt. Eindrucksvoll musikalisch umrahmt von Christine Federspiel-Heger fand die Abschlusspräsentation am Montag, den 13. November 2017 statt.
Gruppenfoto Lesung Christian Kössler
Bild: Von links nach rechts: Projektleiterin Mag.a Carla Festi, Lisa Lanthaler, Christine Federspiel-Heger, die für die musikalische Umrahmung des Abends gesorgt hat, weiters der Autor Christian Kössler, Janina Kick und Alessandra Pfitscher. Im Hintergrund die Ankündigung zur Lesung. (Credit: Muryel Derlon, Institut für Translationswissenschaft)

Intensiv und länger als in der üblichen Zahl an Semerstwochenstunden beschäftigten sich die vier Kursteilnehmerinnen Janina Kick, Lisa Lanthaler, Alessandra Pfitscher und Katharina Weiss mit der Übertragung einiger Prosatexte von Christian Kössler aus dem Deutschen ins Italienische. Die Originaltexte stammen aus dem Band ‚Unheimliches Tirol. 17 Geister- und Teufelssagen aus Nord-, Ost- und Südtirol‘ (Edition Baes, Innsbruck 2011) und zeugen vom Interesse des Autors für „Spukerscheinungen, […] Hexenwerk und verwunschene Gestalten“ (aus dem Vorwort zum Buch).

Wird eine Vampirlegende zur Wirklichkeit, eine junge Frau im Tiroler Unterland vom Teufel geholt oder verschwinden auf einem Hof einfach so Menschen, stecken dahinter altüberlieferte Sagen und Legenden, die von Christan Kössler, Bibliothekar an der UB und Autor, zusammengetragen wurden: Die Wurzeln der übersetzten Texte sind in Tiroler Sagenbüchern und in der mündlichen Überlieferung zu finden. Der Autor hat sie neu erzählt, indem er sie in der Gegenwart angesetzt hat. Schon diese Verlegung der alten Stoffe und Motive in unsere Zeit lässt sich aus komparatistischer Sicht als eine Art der Übersetzung bezeichnen – zwar innerhalb ein- und derselben Sprache, aber von einer Epoche in die andere. Der knappe, meist nüchterne Sprachduktus der Originalsagen erfährt bei Kössler eine literarische Erweiterung, neue Handlungsstränge kommen hinzu, packende Dialoge werden eingeschaltet. Obwohl in moderne Krimi-Stories eingekleidet, wirken diese Erzählungen nach wie vor archaisch und furchterregend. Dies verschafft der modernen Leserschaft einen neuen Zugang zu den alten Stoffen und sie kann zugleich etliches über Land und Leute im Tiroler Alpenraum erfahren. Alte Sagen zu neuem Leben erwecken: Das war das Desideratum des Autors.

Die italienischen Texte sind primär für Lesungen in Italien oder im italienischsprachigen Südtirol gedacht. Es ging in der Übersetzungswerkstatt, die dem Projekt zugrunde liegt, also in erster Linie um den Vortrag, um Spannung und Wirkung, um dramatische Steigerung. Lautes Lesen war deshalb im Translationsprozess sehr wichtig. Auf die spezifischen Übersetzungsprobleme bei solcher Unterhaltungsliteratur gingen die Studierenden im Rahmen der Präsentation ein: Realia im Alpenraum, Toponyme, landeskundliche Aspekte machten Recherchen sowie das Lesen der alten Sagen notwendig. Auch die vom Autor geschaffene Atmosphäre der Texte, die in das Genre „Horrorliteratur“ fallen, stellte eine Herausforderung dar. Gleichzeitig wurde von den Studierenden als positiv erwähnt, dass sich ÜbersetzerInnen bei solchen Texten kreativ einbringen können, ohne sich sklavisch ans ‚heilige Original‘ halten zu müssen. In ihren Grußworten verwies die Institutsleiterin, Ass. Prof. Dr. Alena Petrova, auf die Bedeutung des Literarischen Übersetzens in einem Curriculum für die ÜbersetzerInnenausbildung sowie auf die anderen Projekte, die im Rahmen diverser Lehrveranstaltungen und in verschiedenen Sprachkombinationen am INTRAWI bereits entstanden sind.

In einer der übersetzten Kurzerzählungen sagt eine Figur in Anlehnung an Shakespeare: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde…“ Auf die Übersetzungssituation übertragen ließe sich das vielleicht wie folgt formulieren: Literarische ÜbersetzerInnen sind dazu da, das Unsichtbare sichtbar zu machen und trotzdem das Geheimnis der Worte zu wahren.

(Carla Festi, Institut für Translationswissenschaft)


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