Ein utopisches Friedens-Konzept

Mit mehr als 200 Besuchern war die 18. Uni im Dorf zum Thema „Frieden – Forschung – Konflikt“ auch dieses Jahr wieder ein großer Erfolg, der nicht nur zum Nachdenken über den eigenen inneren Frieden anregte, sondern vor allem auch zu interessanten und spannenden Gesprächen führte.
Außervillgraten
Bild: Bei der diesjährigen "Universität im Dorf" in Außervillgraten stand das Thema „Frieden – Forschung – Konflikt“ im Mittelpunkt. (Credit: Josef Told)

Das Thema „Frieden und Konflikt“ bewegt die Menschen. An der Uni Innsbruck setzen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit Fragestellungen dazu auseinander. Die diesjährige „Universität im Dorf“ wurde in Zusammenarbeit mit dem Forschungsschwerpunkt „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“ gestaltet, der sich mit unterschiedlichen Formen kultureller Kontakte auseinandersetzt und diese als Orte der Kreativität und der Entstehung von Neuem, aber auch der konflikthaften Zuspitzungen bis hin zu Krieg und Gewalt untersucht. Im Forschungsschwerpunkt arbeiten viele von ihnen fächerübergreifend miteinander und profitieren vom gegenseitigen Austausch. Timo Heimerdinger, Leiter des Schwerpunktes und Professor am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, war bei den Vorbereitungen zur „Universität im Dorf“ maßgeblich beteiligt. „Wir haben darauf Wert gelegt, möglichst vielseitige Perspektiven aufzuzeigen. In Außervillgraten durften wir auch die Erfahrung machen, dass die Menschen sehr interessiert an den Ausführungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren“, so Heimerdinger, der das bereits traditionelle Format sehr schätzt.

Der Diözesanbischof Hermann Glettler beschrieb den „Frieden auf Erden“ als utopisches Konzept. Denn das menschliche Herz ist zu unruhig. Es ist nicht nur der Platz der Liebe, sondern gleichzeitig auch unsere Waffenkammer. Nur so lassen sich viele unvorstellbare Gräueltaten, aber auch Missverständnisse zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen erklären. Der menschliche Gott, der in einer Notunterkunft in eine sozial schwache Familie hineingeboren wurde, ist der wahre Friedensstifter. Daher liegt der Friede in der Herzensbildung eines jeden einzelnen Menschen. Wolfgang Dietrich hat diesen Gedanken aufgenommen und ihn weitergesponnen mit einem Hinweis auf den Buddhismus. In dieser Religion wird der Frieden in den vier Lehren des verständnisvollen Herzens dargestellt. Neben einem gutwilligen Herzen (bene volens), sind es besonders die beiden Fähigkeiten „Mit“-Leiden zu können und „Mit“ Freude spüren zu können, die einen Menschen mit Seelenheil auszeichnen. Die vierte Lehre beschreibt den respektvollen Umgang mit anderen Menschen, Tieren und Pflanzen.

Vom Du zum Ich zum Wir

Friede ist jedoch nicht nur ein Zustand der inneren Einsicht. Friede ist auch das Gefühl Teil eines Ganzen zu sein. Das Wort Ubuntu aus Südafrika bedeutet „Ich bin, weil wir sind“. Friede ist WIR sein. Konträr zu den beiden oben genannten Vorträgen führte Andreas Exenberger in die Konfliktökonomie ein, in dem er besonders die wahrscheinlichen Faktoren für die Entstehung von Konflikten beschrieb. Besonders interessant war die Kombination aus ressourcenreichen und politisch instabilen Ländern, die in einer heißeren Zone der Welt bestehen. Diese Länder haben eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass es zu Konflikten kommt. Auch die Kolonialgrenzen in Afrika haben, wenn man sich die Grenzen der einheimischen Bevölkerungsgruppen vor Augen führt, zu sehr vielen (teilweise noch bestehenden) Konflikten geführt.

Die abendliche Diskussion war bestimmt von der Frage, was „Frieden als Aufgabe“ bedeutet. Roman Siebenrock erklärte eindrücklich, dass Friede eine Verheißung mit verschiedenen möglichen Bedeutungen ist. Friede bedeutet eine Heimat zu haben, ohne, dass ich mich entschuldigen muss, dass ich hier bin. Friede bedeutet Anerkennung, und Friede heißt auch, dass er (Jesus) mit euch auf dem Weg ist. Frieden heißt loslassen und anvertrauen, da sein und nichts tun, leben und leben lassen. Eva Pfanzelter hat darauf geantwortet, dass Frieden aus Sicht der Zeitgeschichte ein langer Weg ist, ein Kompromiss. Nach dem 1. Weltkrieg war der Friedensvertrag von Versailles ein Frieden, der Gewinner und Verlierer, wie etwa Südtirol und Osttirol, hatte. Und bald darauf folgte der zweite Weltkrieg? Die Frage nach dem „Warum“ ist vielschichtig, doch die Macht der Medien (z.B. der Volkssender) war hier sehr stark beteiligt. Andreas Oberprantacher führte uns in seinen Ausführungen in die Philosophie ein und behauptete, dass die Wissenschaft ein Kind des Krieges sei. Denn Sokrates wurde, nachdem er nach dem peloponnesischen Krieg zu viele Fragen stellte, ermordet. Auch Immanuel Kant zweifelte am ewigen Frieden und in neuester Zeit hinterfragt die bekannte Philosophin Julia Butler „welches Leid nehmen wir wahr?“. Wir Menschen neigen dazu, unsere Opfer (z.B: vom ersten oder zweiten Weltkrieg) wahrzunehmen, hingegen das Leiden der Gegenseite nicht zu fühlen. Das müssen wir lernen um Frieden finden zu können.

Der zweite Tag hat die Zuhörer in die unterschiedlichsten Themen von Frieden, Religion und Krieg geführt. Dirk Rose erklärte uns anschaulich welchen Beitrag Nietzsche mit seinen polemischen Schriften an der Entstehung des ersten Weltkriegs hatte. Er bereitete quasi die Kriegserklärungen vor. Eine ähnliche Unterstützung ging auch von F.T. Marinetti aus, der in seinem „Politischen Programm zum Futurismus“ 1913 behauptete: Alles ist erlaubt, nur nicht Feigling, Pazifist und Antiitaliener zu sein. Die aufgeputschte Bevölkerung befürwortete daher zum Großteil den Start des 1. Weltkrieges.

Der Protestantismus in Osttirol war kein Geheimprotestantismus. Die Osttiroler wussten, wer im Defreggental Protestant war und wer nicht. Anschaulich hat Stefan Ehrenpreis erklärt, mit welchen Mitteln die Protestanten (ca. 700 erwachsene Personen von 1.300 Bewohnern im Tal) vertrieben wurden. Hinzu kommt noch, dass ihnen die Kinder weggenommen wurden, katholischen Bauern gegeben wurden und um die Kosten für die Erziehung zu bezahlen, die Höfe der Vertriebenen überschrieben wurden. Ein dunkles und spannendes Kapitel der Osttiroler Geschichte.

Weniger grausam konnte Marcel Amoser die Welt der „1968“ er in Tirol näher bringen. Die konservativen Kräfte überwiegten sowohl in Nord- wie auch Osttirol, sodass es nur sehr wenige Auswirkungen im Leben der Bewohner gab. Einzelne Studenten haben an der Universität Innsbruck zu Protestaktionen aufgerufen (z.B. Demonstrationen gegen den Schah von Persien, oder für das Volk von Vietnam). Ein Flugblatt mit einer Zeichnung, die „einem aktivierten männlichen Glied“ ähnelte, ging als „Knollenblätterpilzaffäre“ in die Tiroler Geschichte ein. Die Studenten argumentierten, es sei ein Knollenblätterpilz, dem nicht zugestimmt wurde. Nichtsdestotrotz zeigte sich hier schon die liberale Stimmung der frühen 70iger Jahre. Die Studenten wurden „wenn man gemäß der in der letzten Zeit eingetretenen Entwicklung an das Flugblatt moderne Maßstäbe anlegt“ freigesprochen.

Im Moment gibt es keinen eigenen muslimischen Friedhof in Tirol. Muslime finden Ihre Ruhe in Tirol hauptsächlich im Friedhof in Pradl. Im Gegensatz dazu hat sich Vorarlberg, allen voran die Gemeinde Altach, vor einigen Jahren dazu entschlossen, gemeinsam mit dem Land Vorarlberg und der islamischen Glaubensgemeinschaft einen eigenen muslimischen Friedhof zu bauen und zu betreiben. Die wunderbare architektonische Ausführung und das Spiel mit Vorarlberger Schindeln und dem Sonnenlicht machen den Friedhof zu einer besonderen Begegnungsstätte. Silke Meyer hat uns nicht nur in die architektonische Welt der Friedhöfe, sondern auch in die religiösen Abläufe einer muslimischen Bestattung eingeführt. So liegt jeder Muslim mit dem Gesicht nach Mekka, seitlich auf seiner rechten Schulter. Damit er im Paradies Mekka sieht.

(Elisabeth Thompson/Red)

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