Die EURE­GIO als Transit­zone

Im Mai 2018 veranstaltete die philosophisch-historische Fakultät der Universität Innsbruck in Kooperation mit der Universität Trient und der Freien Universität Bozen eine mehrtägige Euregio-Exkursion, die sich mit Transitzonen und dem damit einhergehenden Wandel in verschiedenen Tälern Südtirols, Nordtirols und des Trentino auseinandersetzte.
Blick auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Bild: Besuch des Brenner Basistunnel-Projekts bei Franzensfeste im Rahmen der Exkursion. (Credit: Andreas Oberprantacher)

Dieses Projekt, welches vom Euregio-Mobilitätsfonds finanziert wurde und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Primiero, Franzensfeste/Fortezza und Fieberbrunn als signifikante Orte des Übergangs führte, diente der Förderung des interdisziplinären Austauschs und beteiligte unter anderem Lehrende und Studierende der Studienfächer Architektur, Kunst, Design, Philosophie, Zeitgeschichte, Soziologie, Rechtswissenschaften und der Europäischen Ethnologie. Zum Auftakt wurden in einem Workshop an der Universität Trient zunächst das Verhältnis von Grenze, Transit und Region diskutiert und Gruppen gebildet, die sich im Rahmen der fünftägigen Exkursion mit verschiedenen Feldforschungsaktivitäten befassten. So fokussierte jede Arbeitsgruppe auf jeweils einen Gesichtspunkt, unter dem sie sich der Euregio als Transitzone näherte: Die Gruppe „Capitalism and Hospitality“ setzte den Fokus während des Feldaufenthaltes auf Wirtschaft, Tourismus sowie Migration/Flucht und erörterte die Widersprüche zwischen der Gastfreundschaft gegenüber zahlenden Gästen und der Ablehnung von schutzsuchenden Menschen aus internationalen Krisengebieten; die Gruppe „In-betweenness“ widmete sich dem allgegenwärtigen „Dazwischen-Sein“ in Grenzregionen; und die Gruppe „Gender and Nature“ untersuchte die Rolle der Frau und ihre Stellung in den Transitzonen. Als Untersuchungsobjekte dienten zum einen abgelegene Täler und ehemalige Transitzonen, welche von Zu- und Abwanderung stark geprägt sind, zum anderen Dörfer, die vom Tourismus und/oder (Arbeits-)Migration und Flucht stark beeinflusst werden. Ziel der Arbeitsgruppen war es, Verbindungen und Gemeinsamkeiten dieser Zonen hinsichtlich der drei leitenden Fragestellungen zu erkennen.

Die Arbeitsgruppe „Capitalism and Hospitality“ („Kapitalismus und Gastfreundschaft“) deckte an allen Orten eine konflikthafte Beziehung zwischen den beiden Konzepten auf: Die Arbeiter am Brenner Basistunnel-Projekt berichteten, dass sie in den Gastwirtschaften der angrenzenden Orte oft unerwünscht seien, obwohl sie mit ihrer Arbeit die Grundlage für einen transeuropäischen Güterverkehr und damit einhergehende ökonomische Aufwertung der Region schaffen. Obwohl sie also einen zentralen Beitrag in der kapitalistischen Wertschöpfungskette spielen, sei die Haltung der lokalen Bevölkerung nicht von Gastfreundschaft, sondern von althergebrachten Ressentiments gegenüber Süditalienerinnen und Süditalienern geprägt. Im Trentiner Tal Primiero hatte das Abwandern von Bewohnerinnen und Bewohnern auf der Suche nach wirtschaftlicher Besserstellung eine Entvölkerung zur Folge, die sich negativ auf das touristischen Verwertungspotential der Region auswirkte. Wenn Tourismus im Trentino auf der Vermarktung von „Land und Leuten“ basiert, dann ist Abwanderung der touristischen Vermarktung abträglich und schränkt folglich auch die touristischen Beschäftigungsmöglichkeiten für die zu-Hause Gebliebenen ein. In der Marktgemeinde Fieberbrunn, die einerseits Anziehungspunkt für Touristinnen und Touristen ist und andererseits ein Abschiebelager für abgelehnte Asylwerber beherbergt, trat der Widerspruch aufs Schärfste hervor: Während die zahlenden Gäste als Teil ihres „Urlaubspakets“  Tiroler Gastfreundschaft erfahren dürfen, müssen die abgelehnten Asylwerber ihr Dasein in einer abgelegenen Unterkunft am Bürglkopf fristen, die so weit vom Dorfzentrum entfernt liegt, dass ein Kontakt zwischen abgelehnten Asylwerberinnen und -werbern, lokaler Bevölkerung und/oder Touristinnen und Touristen verunmöglicht ist.

Die Arbeitsgruppe „In-betweeness“ wurde durch die Exkursion zu einer tiefgehenden Reflexion des Konzeptes eines Dazwischen-Seins angeregt. Die Gruppe entwickelte ein Verständnis des Dazwischen-Seins als etwas, das im Zuge von Grenzziehungen entsteht: Grenzen, so die Gruppe, entziehen sich jedem Versuch einer Definition, da Definitionen Akte der Grenzziehung sind und daher bereits ein Konzept von Grenze voraussetzen. Folglich könne auch der Raum zwischen Grenzen nicht definiert werden. Die Gruppe schlug vor, sich vom Konzept der Grenze zu verabschieden und stattdessen von einer allgegenwärtigen In-betweenness auszugehen. An allen besuchten Orten gab es Beispiele für In-betweenness: So sprach unser Gesprächspartner im Tal Primiero von seiner Identität als einer, die sich in einem Zwischenraum zwischen seinem Heimatdorf und der Stadt, die er für sein Studium gewählt hatte, formiert hat. Des Weiteren steht der Brenner Basistunnel fast symbolhaft für Dazwischen-Sein, da er (auch) den Raum innerhalb der Orte, die er verbindet, beschreibt. Augenscheinlich war auch, wie die Menschen im Abschiebelager in einem Zustand des Dazwischen-Seins gefangen sind, dürfen sie doch nicht sein, wo sie sind, sind aber auch (noch) nicht dort, wo sie sein sollen.

Die Arbeitsgruppe „Gender and Nature“ („Geschlecht und Natur“) befasste sich mit der ambivalenten Situation und den unterschiedlichen Rollen von Frauen in Transitzonen. So stellte die Gruppe fest, dass Frauen in den besuchten Orten häufig noch eine sehr traditionelle Rolle innehaben. Jedoch konnte dort, wo Männer aus den Regionen abwanderten, beobachtet werden, dass Frauen in die so entstandenen Freiräume traten und innovativ neue Arbeitsfelder schufen. Auch wurde in einigen Fällen festgestellt, dass gerade durch das Ansetzen an traditionelle Rollen sich Frauen politisch aktivieren konnten (Stichwort: strategischer Essentialismus). Insbesondere im Berufsleben zeigte sich jedoch – vor allem in von Männern dominierten Bereichen –, dass Frauen häufig eine paradoxe Stellung innehaben. Dabei bleibt die Zuschreibung „weiblicher“ Attribute meist auch dann noch bestehen, wenn Frauen den größten Teil der Arbeit leisten.

Zum Abschluss besichtigte die Exkursionsgruppe die Ausstellung zum Kunstprojekt „It’s just not cricket!“ im Innsbrucker Künstlerhaus Büchsenhausen. Diese Ausstellung versuchte im Rahmen von Workshops sowie einem Cricket-Spiel zwischen jungen Cricketspielern aus Pakistan, Afghanistan, Indien und Sri Lanka, welche aktuell nördlich und südlich des Brenners leben, einerseits Gelegenheiten des grenzüberschreitenden Dialogs mit und zwischen diesen zu schaffen. Andererseits zeigte die Ausstellung selbst auf exemplarische Weise, wie wichtig es wäre, die Euregio als Transitregion denken zu lernen.

(Jennifer Hausberger, Judith Welz, Jennifer Wirth)

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