Der Raum des Großen Italiens

Matteo Proto arbeitet seit 2015 als Junior Lecturer in Geographie an der Universität Bologna. In seinem Vortrag am 6. Juni, den er im Rahmen der Ringvorlesung zu 100 Jahren Republik Österreich hielt, ging es um die Frage der italienischen Alpen- sowie Ostgrenze am Balkan und wie in beiden Fällen versucht wurde, dies durch geographische Argumente wissenschaftlich zu untermauern.
Gruppenfoto Ringvorlesung
Bild: Kurt Scharr, Gunda Barth-Scalmani, der Vortragende Matteo Proto, Ingrid Böhler und Dirk Rupnow (von links). (Credit: Judith Dengler)

Zu Matteo Protos Forschungsschwerpunkten zählen historische und politische Geographie sowie der Bedeutung von Gewässern bei Grenzziehungen. In jüngster Zeit hat er sich vor allem mit letzteren und den damit einhergehenden politischen und historischen Implikationen befasst. Im Verlauf des langem 19. Jahrhunderts nahm in vielen europäischen Ländern, exemplarisch seien neben Italien auch Deutschland genannt, das liberale Bürgertum eine Schlüsselrolle im Prozess des Strebens nach nationaler Einheit ein. Dies hatte nicht nur politische und wirtschaftliche Folgen, auch die verschiedenen Wissenschaften, egal ob Natur- oder Geisteswissenschaften, wurden von diesem nationalistischen Streben stark geprägt. Ihnen fiel vielfach eine legitimierende Rolle zu; man versuchte den eigenen Nationalismus und die Existenz des Nationalstaates wissenschaftlich zu begründen und zu untermauern.

Geographische Theorien, Diskurse und Darstellungsformen spielten eine besonders wichtige Rolle. Somit war es auch im Interesse der Nationalstaaten geographisches Wissen in der Bevölkerung zu verbreiten, da sich dadurch gleichzeitig nationale Ideologie verbreiten ließ. So kann man sehr gut erkennen, wie sich die Geographie nach der Schaffung eines Königreichs Italien als Wissenschaft etablierte und ihre Methoden und Theorien nachhaltig am nationalistischen Paradigma ausrichtete. Die Rolle der Geographie ging dabei über die einer rein obrigkeitshörigen Wissenschaft weit hinaus, sie wurde eine wahrhaft wirkmächtige Disziplin, welche Tatsachen schuf und dem öffentlichen Diskurs ihren Stempel aufdrückte.

Wasserscheidentheorie und die Rolle Cesare Battistis

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich italienische Geographen intensiv mit Fragen regionaler Grenzen bzw. mit dem Einfluss, welchen geographische Phänomene auf diese hatten. Dabei bezog man sich stark auf Theorien der amerikanischen Geographie und Geomorphologie, wonach hydrologischen Faktoren hierbei die tragende Rolle zukam.

So betrachtet, waren natürliche Grenzen eng mit ethnischen bzw. sprachlichen Grenzen verknüpft. Diese Vorstellung fand beim Gros der italienischen Geographen großen Anklang und bildete somit die Basis für die Entstehung und Verbreitung der Wasserscheidentheorie.

Der in Trient geborene Cesare Battisti stammte aus liberal-bürgerlichem Milieu, von welchem zentrale Impulse für den Irredentismus ausgehen sollten. Er studierte in Florenz Geographie, wo er schließlich 1897 graduierte. In seiner ersten (1898 veröffentlichten) Monographie stellte er das Trentino als eine ganz klar italienische Region dar. Die damals schon populäre Wasserscheidentheorie verwarf er jedoch. Noch sah er die Salurner Klause als eine natürliche und soziale Grenze zwischen dem italienischen und deutschen Sprachraum an. Der spätere Austausch mit Ettore Tolomei sollte seine Sichtweise auf die Wasserscheidentheorie jedoch nachhaltig verändern.

Anfang 1915 bot ihm der italienische Verleger Giovanni De Agostini an, für seine Atlantenserie über die irrendenten Gebiete einen Band über das Trentino zu verfassen. Darin finden sich nicht nur Karten, sondern auch zahlreiche Texte über die Geschichte des Trentino, wobei er nur die italienischen Einflüsse hervorhebt und alles Deutsche ignoriert und auch Südtirol, er verwendet den von Tolomei eingeführten Begriff Alto Adige, als einen Teil des Trentino und als italienisch geprägt ansieht.

Allgemein kann man die Tätigkeit Battistis als ein gutes Beispiel für die politische Instrumentalisierung von angeblich neutralen und sachlichen Wissenschaften im ausgehenden langem 19. Jahrhundert und im Verlauf des Ersten Weltkriegs ansehen. Aber auch im deutschsprachigen Raum gab es deutschnationalistisches, oftmals auch alldeutsches Gesinnungsgut vertretende Kreise, welche die Südflanke der Alpen und das Alpenvorland mitsamt dem Gardasee als die ursprünglich gegebene Grenze zwischen den Sprachräumen ansahen, die erst später verschoben worden sei.

Die Frage der italienischen Ostgrenze und ihre Folgen

Auch im Friaul, in Istrien und Dalmatien versuchte man von italienischer Seite die eigenen irredentistischen Gebietsansprüche durch die Wasserscheidentheorie zu legitimieren, wobei man hier auch einen stark rassistisch aufgeladenen Diskurs findet, welcher die Überlegenheit der italienischen Kultur gegenüber der slawischen hervorhebt. Auch wurde argumentiert, dass die Küstenregion als ganzheitliche Region viel mehr mit ihrem Vis-à-vis auf der anderen Seite der Adria gemeinsam habe als mit dem slawisch geprägten Hinterland. Hierbei war vor allem der Geograph Giotto Dainelli federführend.

Als Italien im Zuge der Verhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg seine Forderungen am Balkan großteils nicht durchsetzen konnte, wurde diese Region dann in den 1920ern zum wichtigsten Expansionsziel Mussolinis.

Fazit

Matteo Protos Vortrag lieferte ein überzeugendes Beispiel dafür, wie eine angeblich neutrale Naturwissenschaft im Zuge des Nationalismus zum „Komplizen“ eines Staates wurde und dessen Ansprüche als wissenschaftlich legitim untermauerte.

(Kassian Lanz)

Der Vortrag zum Nachsehen


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