Der „blin­de Fleck“ der Encyc­lopé­die

Wahrnehmungen und Klischees von Frankreich in Österreich und umgekehrt waren Thema des Workshops „Französische Österreichbilder – Österreichische Frankreichbilder 1740-1938“, der am 9. und 10. Mai im Literaturhaus am Inn stattfand.
Workshop „Französische Österreichbilder – Österreichische Frankreichbilder 1740-1938“
Bild: Maria Piok (links, Moderatorin) und Marie-Claire Mery (rechts, Vortragende). (Credit: Karin Scheichl)

Paris als ewiger Sehnsuchtsort für Künstler und Intellektuelle aus dem Habsburgerreich – der Franzose als unzuverlässiger Frauenheld, der nur an sein Vergnügen denkt – Österreich als Vorbild Frankreichs bei Schulorganisation und allgemeiner Schulpflicht – die Abtrennung Südtirols als Kriegsgefahr für einen französischen Pazifisten der 1930er Jahre: All diese Wahrnehmungen und Klischees waren Thema des Workshops Französische Österreichbilder – Österreichische Frankreichbilder 1740-1938, der am 9. und 10. Mai im Literaturhaus stattfand.

Eingeladen hatten das Brenner-Archiv, das Institut für Germanistik, der Interdisziplinäre Frankreich-Schwerpunkt, der Forschungsschwerpunkt Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte, und als ausländischer Partner die Université de Lorraine in Metz. Der Workshop, der sich in die Events zur 350-Jahr-Feier der Universität Innsbruck einreiht, stand im Rahmen eines länger dauernden Projekts zu österreichisch-französischen Kulturbeziehungen, das die Innsbrucker Germanistik und Translationswissenschaft mit germanistischen und komparatistischen Partnern an verschiedenen französischen Universitäten (Metz, Lille, Dijon, Rouen …) verbindet; es nahmen aber auch ForscherInnen aus Wien, aus Luzern und aus Olsztyn teil, was die internationale Dimension des Themas unterstreicht.

Der untersuchte Zeitraum (1740 bis 1938) war lang genug, um von Feindschaft bis Schwärmerei und von Interesse bis Ignoranz alle Haltungen hervorzubringen, und zwar in beide Richtungen. Für Stefan Zweig in seiner „Welt von Gestern“ und für seinen Zeitgenossen Rudolf Kassner war Paris der Nabel der Welt und die Hauptstadt alles Geistigen und Künstlerischen; während in der österreichischen Trivialliteratur der frühen 1920er Jahre die Franzosen als grausame Besatzer und perfide Lebemänner sehr schlecht wegkommen. Umgekehrt zeichnen französische Reisebücher des 19. Jahrhunderts, wo sie auf eigener Anschauung basieren, ein sehr positives und detailliertes Bild von Tirol und seinen Menschen; ja selbst Andreas Hofer wird – lobend! – erwähnt. Unerwartet sind aus derselben Zeit Berichte von Mitarbeitern des französischen Unterrichtsministeriums, die das Schulwesen des heutigen Österreich daraufhin untersuchen, was sich die französische Schulorganisation und Pädagogik davon abschauen könnte.

Noch viel unerwarteter ist allerdings das französische Österreichbild in der „Encyclopédie“, denn es ist nicht nur so gut wie inexistent (ganz wenige und nur sehr kurze Artikel behandeln Schlagwörter wie „Autriche“, „Vienne“ oder „Tyrol“), sondern dort, wo es dann doch auftaucht, anekdotisch, extrem schlecht recherchiert und geradezu bösartig. Warum die Hauptstadt des Habsburgerreichs als hässlich, uninteressant und schmutzig und der Kaiserpalast als armselige Hütte beschrieben wird, kann nur gemutmaßt werden: französischer Ethnozentrismus und/oder ebensolche Zensur, oder tatsächlich ein blinder Fleck der sonst so umfassend gebildeten Enzyklopädisten?

Das Publikum diskutierte angeregt, sowohl über die Vorträge und Textbeispiele als auch über die Planung von weiteren Tagungen zu diesem Themenbereich.

(Eva Lavric)

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