Denk­stunde der Univer­sitäten

Die Woche Mitte März 2018 stand im Zeichen des Gedenkens an den sogenannten „Anschluss“ 1938. Auch die Universitätsräte Reinhart Putz (Medizin-Uni) und Christian Smekal (Uni Innsbruck) und die Tirol Kliniken, vertreten durch Christian Wiedermann, erinnerten beim Mahnmal am Gelände der Universitätskliniken an im Jahr 1938 und danach ausgeschlossene und vertriebene Universitätsangehörige.
Denkstunde der Universitäten
Bild: Rabbiner Mordechai Fixler beim von der Künstlerin Dvora Barzilai geschaffenen Mahnmal. (Credit: MUI/Florian Lechner)

Der 12. März 1938 markierte den Beginn der Ausgrenzung, Diskriminierung und Entrechtung vor allem Tiroler Jüdinnen und Juden. In diesem März waren auf der Universität Innsbruck 73 Professoren, 65 Dozenten, 60 Assistenten und 1.750 Studierenden. Nach dem 12. März 1938 wurden 54 Hochschullehrer ihrer Lehrtätigkeit enthoben und weiteren Studierenden das Studium verboten.

Erinnerung

Die, für die Veranstaltung entschuldigte, Direktorin und ehemalige Universitätsrätin der Medizinischen Universität Innsbruck, Danielle Spera, ließ exemplarisch für die enthobenen Universitätslehrer an zwei von ihnen erinnern, an Univ.-Prof. Dr. Gustav Bayer und Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Bauer. Der Ordinarius des Instituts für Experimentelle Pathologie, Gustav Bayer,  beging am 15. März 1938 mit seiner 17-jährigen Tochter Selbstmord. Unter dem Eindruck der Ereignisse schrieb er am 13. März 1938 einen Abschiedsbrief:

„Mein lieber Freund! An einen gerichtet, für alle gemeint: Lebe wohl und glücklich, so glücklich wie ich, dank meiner Gemütsart, gelebt. Stirb, wenn es sein soll, so leicht und freudig wie ich! Und an den Dekan! Viele Grüße meinen alten Fakultätskollegen, sie sollen mir eine gute Erinnerung bewahren. In alter Treue!“

Auch der Leiter des zahnärztlichen Universitätsinstituts, Wilhelm Bauer, wurde vertrieben. Er wurde am 14. März 1938 gezwungen zurückzutreten, woraufhin Anfang April dem Nationalsozialistischen Dozentenbund gemeldet wurde: „Prof. Dr. Wilhelm Bauer, Jude ist jetzt enthoben.“ Die beiden Kinder Wilhelm Bauers durften nicht weiter studieren und wurden im Wintersemester 1938/39 von der Innsbrucker Universität ausgeschlossen. Wilhelm Bauer konnte in die USA fliehen und übernahm dort an der St. Louis University of Medicine das Department of Pathology.

„Gustav Bayer, seine Tochter Helga und Wilhelm Bauer: Dies sind nur drei Schicksale von Menschen, die aus ihrer Heimat Tirol, aus ihrer Heimat Österreich vertrieben worden sind bzw. den Freitod vorzogen. Es ist den Nationalsozialisten gelungen, die österreichische Wissenschaft nachhaltig zu beschädigen. Was ihnen nicht gelungen ist, ist die Erinnerung an diese Menschen zu zerstören. Wir halten die Erinnerung aufrecht und treten somit dem Vergessen entgegen.“

Gegen das Vergessen

Ein Zeichen gegen das Vergessen soll die alljährlich am Mahnmal stattfindende Denkstunde sein, so Universitätsratsvorsitzende der Medizinischen Universität, Reinhard Putz: „Man muss bewusst hinschauen, um das Mahnmal wahrzunehmen. Man muss ein Stück über die Wiese gehen, um die Schrift lesen zu können. Es lohnt sich, die Schrift wieder und wieder zu lesen: ‚Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, Hauptsache ist, keine Angst zu haben.‘  Nicht nur das Erinnern steht im Zentrum, auch die Mahnung an heute: „Mahnmale haben dann einen Sinn, wenn ihre Botschaft in unsere Leben hineinwirkt“, sagte Reinhart Putz in seiner Ansprache und Christian Smekal, Universität Innsbruck, mahnte ein: „Heute beobachten wir wiederum eine Tendenz, dass in der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung  eine zunehmende ‚Unkultur des Wortes‘ entsteht. Eine unersetzliche Voraussetzung für demokratische Gesellschaften ist die ‚Kultur des Dialogs‘. Daraus beziehen sie ihre Dynamik und Kreativität für den gesellschaftlichen Fortschritt. Es geht nicht darum, eine „homogene Welt“ zu schaffen. Das ist unmöglich. Vielmehr gilt es, unterschiedliche Meinungen, ja sogar widersprüchliche Ansichten, zu akzeptieren und zum Ausgleich zu bringen. Verliert eine Gesellschaft den Willen zum Dialog, besteht die Gefahr, dass sie in ein unregierbares Chaos versinkt und damit den Weg in eine totalitäre Welt bereitet.“

In weiteren Ansprachen hielten der Medizinische Geschäftsführer der Tirol Kliniken, Christian Wiedermann und der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg, Günter Lieder die Erinnerungen an Ausgrenzung sowie Vertreibung aufrecht. Rabbiner Mordechai Fixler (im Bild beim von der Künstlerin Dvora Barzilai geschaffenen Mahnmal) gab der Veranstaltung einen würdigen Rahmen.

(red/MUI/David Bullock)

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