Bringt der Schlaf oder der Traum Monster hervor?

Solche und ähnliche Fragen stellten sich die TeilnehmerInnen der VIII. Internationalen Arbeitstagung „Romanisch-deutscher und innerromanischer Sprachvergleich“, die von 29.8. bis 1.9.2016 von den Instituten für Romanistik und für Translationswissenschaft veranstaltet wurde.
Prof. Jörn Albrecht begeisterte sein Publikum
Bild: Prof. Jörn Albrecht begeisterte sein Publikum (Credit: Patrick Huemer)

“El sueño de la razón produce monstruos” nennt Goya eines seiner “Caprichos”. Spanisch sueño kann man aber ins Deutsche sowohl als Schlaf als auch als Traum übersetzen. Ist also gemeint, dass das Aussetzen der Vernunft schreckliche Visionen gebiert, wie es die Aufklärung sehen würde? Oder will Goya sagen, dass hinter und jenseits der Vernunft der Traum die Tiefen der Seele enthüllt, ganz im Sinne der Romantik? Diese Frage stellte Prof. Jörn Albrecht von der Universität Heidelberg in seinem Vortrag im Rahmen der Tagung "Romanisch-deutscher und innerromanischer Sprachvergleich"

Die Tagungsreihe, die schon in den Achtziger Jahren – noch vor der Wende – in Leipzig mit großem Erfolg von Prof. Gerd Wotjak ins Leben gerufen wurde, konnte nach dessen Emeritierung von Prof. Eva Lavric und Prof. Wolfgang Pöckl nach Innsbruck geholt werden, wo sie nun schon zum dritten Mal (2008, 2012 und 2016) mit großem Echo in der Scientific Community stattfand. Ihr Maskottchen sind die Dinosaurier, die Plakat, Abstractband und Namensschilder zieren und über deren Bezug zum Tagungsinhalt die verschiedensten Theorien kursieren. Thematisch gesehen handelt es sich bei der Innsbrucker Sprachvergleichstagung um das einzige wohleingeführte Forum für Kontrastive Linguistik im europäischen Raum; diese Forschungsrichtung, die Sprachen derselben Familie (z.B. die romanischen Sprachen), aber auch unterschiedlicher Familien (z.B. romanisch-deutsch) vergleicht, ist sowohl für den Sprachunterricht als auch für die Übersetzung von großem Wert, sie bringt aber auch interessante Erkenntnisse für die Linguistik ganz allgemein, da die einzelnen Sprachen gerade im Vergleich ihre ureigenen Besonderheiten enthüllen.

Die diesjährige Tagung hatte sich gegenüber den vorigen sowohl personell als auch inhaltlich erweitert. Personell deswegen, weil Prof. Lavric und Prof. Pöckl beschlossen hatten, dass es an der Zeit sei, den wissenschaftlichen Nachwuchs in die Organisation einzu­beziehen: Das Organisationsteam umfasste daher mit assoz. Prof. Christine Konecny, Dr. Carmen Konzett, Dr. Eduardo Jacinto García und Mag. Monika Messner (alle vom Institut für Romanistik) eine sehr dynamische jugendliche Komponente. Damit wirklich alle Altersklassen bei der Tagungsvorbereitung vertreten sind, wurden die Romanistik- Studierenden in Form eines Projektseminars in die Organisation mit eingebunden, und die Doyenne der romanistischen Linguistik, Frau Prof. Maria Iliescu, konnte als wissenschaftliche Beraterin gewonnen werden.

Inhaltlich zeigte sich, dass das von der Tagung gebotene Forum auch von ForscherInnen genutzt wurde, die die romanischen Sprachen mit anderen Sprachen als dem Deutschen verglichen. Die Tagungsreihe öffnete sich folglich in Richtung Kontrastive Linguistik ganz allgemein und erfüllte damit offensichtlich einen dringenden Bedarf der kontrastiven LinguistInnen aus ganz Europa und aus vielen Teilen der Welt. 63 Vortragende aus 17 Ländern und 5 Kontinenten verteilten sich auf 8 Sektionen mit insgesamt 53 Vorträgen. Dazu kamen 4 Plenarvorträge von internationalen ForscherInnen. Die Tagung war extrem mehrsprachig, denn es wurde in insgesamt 5 Sprachen referiert, nämlich auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. Noch mehrsprachiger waren die Themen, die nicht weniger als 18 verschiedene Sprachen behandelten: einerseits 10 romanische Sprachen, nämlich Französisch (einschließlich Altfranzösisch), Spanisch, Italienisch, Rumänisch, Portugiesisch, Katalanisch, Okzitanisch, Sardisch, Galicisch und Rätoromanisch, dazu Latein, die Mutter aller romanischen Sprachen, und andererseits Deutsch (einschließlich Althochdeutsch), Englisch, Norwegisch, Russisch, (Serbo-)Kroatisch, Hebräisch und Arabisch, also 8 nicht-romanische (und davon sogar 2 nicht-indoeuropäische) Sprachen, die in den verschiedensten Kombinationen miteinander ver­glichen wurden.

Sehen lassen konnte sich aber auch das Rahmenprogramm, das vom Organisationsteam in enger Zusammenarbeit mit den Studierenden des Projektseminars erarbeitet worden war. Am ersten Tag bereiteten mehrsprachige Führungen in Innsbrucks Altstadt ein geselliges Abendessen in den prächtigen Sälen der Claudiana auf Einladung des Frankreich-Schwerpunkts vor, wo den TeilnehmerInnen mit aufwändigem Catering und musikalischen Einlagen der Studentinnen Julia Grünwald und Dagmar Ungerer aufgewartet wurde. Am zweiten Tagungsabend fand ein gemeinsames Abendessen im Gastgarten des Innsbrucker „Löwenhauses“ statt, was angeregten Austausch bei lauen Sommertemperaturen und kulinarischem Labsal erlaubte. Keine einfache Konkurrenz für das tagungseigene, von den Studierenden gestaltete Buffet, aber hier wusste man sich mit belegten Brötchen, frischem Obst und insbesondere mit hausgemachten Backwaren zu behaupten. Am Mittwoch sodann bestand Wahlfreiheit zwischen einer Exkursion auf das Hafelekar, um die dortige Aussicht auf den Tagungsort zu erleben, und einem geführten Ausflug in die einst mächtige Salinen- und Marktstadt Hall in Tirol. Auf diese Weise waren den internationalen TeilnehmerInnen nicht nur unterschiedliche Möglichkeiten geboten, den Tagungsort in mannigfaltigen Facetten kennenzulernen, sondern auch zahlreiche Gelegenheiten des informellen Gesprächs eröffnet, das ja den Wissensaustausch nicht selten ganz besonders zu befördern vermag.

Die Abschlussveranstaltung am Donnerstag gab schließlich den Vorträgen nicht nur eine thematische Klammer, sondern hob auch den nahezu familiären Rahmen der Tagung hervor. Die OrganisatorInnen verabschiedeten sich mit dem Versprechen, die Reihe fortzusetzen: „In vier Jahren lassen wir an der Innsbrucker Universität verlässlich wieder die Dinosaurier los!“ Das Publikum zeigte sich erfreut und versprach, beim nächsten Mal wiederzukommen.

(Eva Lavric/Patrick Huemer)

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