Ausgrabungsarbeiten in Bregenz

Brigantium entsteht und erblüht

Über 70.000 Fundstücke und moderne Analysen in der Archäologie werfen ein neues wissenschaftliches Licht auf die Entstehung einer Zivilsiedlung in Raetien. Ausgangspunkt war ein römisches Militärlager.

Um Christi Geburt befand sich das Römische Reich unter dem ersten Kaiser Augustus im Aufbruch. Mit neu errichteten Militärlagern, an strategisch wichtigen Positionen, begann er die Außengrenzen seines Landes zu sichern. An einem Nadelöhr, zwischen dem Bodensee, Bergen und Engstellen entstand das Militärlager Brigantium, das heutige Bregenz. Gerald Grabherr ist Professor am Institut für Archäologien und beschäftigt sich gemeinsam mit seinem Team Julia Kopf, Karl Oberhofer und weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit der Bedeutung des damaligen Militärlagers und dessen Einfluss auf die Entstehung der zivilen Römersiedlung. „Durch unsere Forschungen konnten wir belegen, dass sich die zivile Siedlung Brigantium aus einem römischen Militärlager entwickelt hat. Bisher wurden von den meisten Forscherinnen und Forschern der zivile Verkehrsknotenpunkt und die günstige Lage als Siedlungsgrund angenommen“, führt Grabherr den Ansatz seiner Forschungen aus. Die damalige römerzeitliche Siedlung befand sich auf dem Ölrain-Plateau, einem heutigen Villenviertel etwas oberhalb des gegenwärtigen Stadtkerns. Da die Soldaten für ihren Dienst Sold bezogen, war die wirtschaftliche Basis für die Entstehung einer Siedlung rund um das Militärlager vorhanden. Etwa ein halbes Jahrhundert später wurden die in Brigantium stationierten Truppen von Kaiser Claudius abgezogen und an die Donau verlegt. „In einem relativ kurzen Zeitraum hat man versucht, das Lager militärisch unbrauchbar zu machen. Vorgelagerte Umwehrungsgräben, die sogenannten Spitzgräben, wurden verfüllt und die relativ leicht gebauten Holzfachwerkgebäude im Lagerinneren wurden abgetragen“, führt Karl Oberhofer das Vorgehen der Römer Anfang der 40er Jahre im ersten Jahrhundert nach Christus aus. In vielen Fällen werden mit dem Wegziehen des Militärs auch die zivilen Siedlungen aufgelassen, da die wirtschaftliche Grundlage verloren geht – nicht so in Brigantium.

Eine Siedlung im Aufbruch

„Mit der Instandsetzung der Hauptstraße überreichte das Militär vor seinem Abzug den Bewohnerinnen und Bewohnern von Brigantium im übertragenen Sinne ein Präsent. Durch diese Maßnahme wurde die Infrastruktur in einem sehr guten Zustand hinterlassen und das Wachsen der Siedlung war gesichert“, so Oberhofer. Die verkehrsgünstige Lage am Ostufer des Bodensees und am Ausgang des Alpenrheintals förderte das Entstehen und Intensivieren von Handelsbeziehungen und –routen. „Über Land- und Wasserwege aus dem Süden und über das westlich gelegene Rhônetal und die heutige Schweiz wurde die Versorgung der gesamten Provinz Raetien sichergestellt“, erklärt Grabherr. Mit dem florierenden Handel entstanden monumentale Steinbauten und entsprechende Kultanlagen. Mit der neuen Situation verlagerte sich der Kern der Zivilsiedlung vom Ölrain-Plateau zum Hafen, der zur Handelsdrehscheibe der Siedlung wurde. Neben der prächtigen Steinbauarchitektur prägten Handwerkerviertel das entstehende Stadtbild und waren als neue Wirtschaftsgrundlage wesentlich für die erfolgreiche Siedlungsentwicklung von Brigantium.

Erfolgreiche Grabung

Im Rahmen eines vom FWF geförderten Projektes bearbeiten Grabherr und sein Team die Funde einer in den Jahren 2009 und 2010 durchgeführten Grabung. Auf dem etwa 6000 m2 großen Böckleareal konnte der archäologische Dienstleister TALPA GnbR rund 74.000 Fundstücke bergen. Von Trachtbestandteilen wie Fibeln, über Münzen bis hin zu für die Römerzeit besonderem rot gefärbten Tafelgeschirr, der sogenannten Terra Sigillata, fanden Grabherr und sein Team unzählige wertvolle und aufschlussreiche Stücke. Julia Kopf weist darauf hin, dass der Abfall jener Zeit in unmittelbarer Nähe entsorgt wurde: „Hier finden wir den gesamten römischen Haushalt. Was für sie Müll war entpuppt sich für uns als wahrer Schatz.“ Auf einigen Fundstücken, wie etwa einer Ölamphore in der etwa 50 bis 60 Liter Olivenöl von der Iberischen Halbinsel nach Brigantium transportiert wurden, lassen sich Herstellerstempel finden. „Mit solchen wertvollen Hinweisen können wir den Produktionsort ermitteln sowie die Herstellung auf bis zu zehn Jahre genau datieren“, erklärt Karl Oberhofer. In Kooperationen mit dem Bundesdenkmalamt und dem vorarlberg museum konnten beispielsweise dendrochronologische Analysen finanziert werden, um die Art und das Alter der damals verbauten Hölzer zu bestimmen. Ergänzend führte der Arbeitsbereich Archäologie der Römischen Provinzen am Institut für Archäologien geophysikalische Prospektionen durch. Diese Forschungen dienen der exakten Lagebestimmung der noch erhaltenen römerzeitlichen Bodendenkmäler im Stadtgebiet von Bregenz. „In Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt ist eine Georeferenzierung sämtlicher Altgrabungen im heutigen Bregenz geplant. Diese sollen mit der Katastralmappe der Stadt vernetzt werden“, so Oberhofer. Die Forschung von Gerald Grabherr und seinem Team wird unterstützt vom FWF, dem TWF, dem vorarlberg museum, dem Bundesdenkmalamt sowie dem Land Vorarlberg. Grabherr betont die regional bedeutende Untersuchung, die international Beachtung findet: „Bregenz ist gemeinsam mit Salzburg die am frühesten von den Römern besiedelte Landeshauptstadt in Österreich. Dies, die Entstehung einer Zivilsiedlung aus einem Militärlager und deren anschließendes Wachstum macht Brigantium für uns Archäologinnen und Archäologen, aber auch für die Einwohnerinnen und Einwohner von Bregenz, besonders interessant und wird auch weiterhin Teil unserer Forschungen bleiben.“

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe von „Zukunft Forschung“, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck. Eine digitale Version der Magazin-Ausgabe ist hier zu finden.


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