Yoga

Bewe­gung macht den Unter­schied

Sport ist gesund für Körper und Geist. Gerade Patient*innen mit psychischen Erkrankungen bewegen sich jedoch oft zu wenig, was sich wiederum negativ auf ihre psychische und physische Konstitution auswirkt. Warum das so ist und welche Bewegungsformen sich besonders gut für diese Personengruppe eignen, daran forscht die Sportwissenschaftlerin und Psychologin Carina Bichler.

In ihren Studien verbindet die Sportwissenschaftlerin und Psychologin Carina Bichler ihre beiden Disziplinen, um so die Auswirkungen von körperlicher Aktivität bei Patient*innen mit psychischen Störungen zu untersuchen. „Mein Ziel ist, Therapien im Rahmen psychischer Erkrankungen, wie etwa Depressionen, Angststörungen oder Traumata, durch ein bewegungsorientiertes Angebot zu ergänzen. Bisherige Therapieformen setzen vor allem auf Psychotherapie und Medikation, Bewegung spielt meist nur am Rande eine Rolle und ist noch kein integrativer Bestandteil“, erklärt Carina Bichler ihre Motivation.

Dass körperliche Betätigung sich positiv auf Körper und Geist auswirkt, ist schon lange bekannt und auch wissenschaftlich bewiesen. So empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Erwachsenen 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche. Doch Sport ist nicht gleich Sport: Gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen haben andere Bewegungspräferenzen und Motive, sich zu bewegen, als Personen ohne psychische Erkrankungen. Hinzu kommt, dass Menschen mit psychischen Störungen oft Barrieren wahrnehmen, die sie davon abhalten, Sport auszuüben. „Wenn Sport fester Bestandteil von Therapien gegen psychische Erkrankungen werden soll, dann müssen wir genau wissen, welche Arten von Bewegung Patient*innen präferieren und ihnen guttun und die Gründe ermitteln, die dazu führen, warum Patient*innen sich zu wenig bewegen. Nur so können wir die Therapieformen an die Bedürfnisse dieser Personen anpassen“, sagt Bichler.

Bevorzugte Bewegungsformen

Durch die Zusammenarbeit mit Univ.-Prof. Dr. Barbara Sperner-Unterweger, Direktorin der der Universitätsklinik für Psychiatrie II in Innsbruck, war es Carina Bichler möglich, Bewegungspräferenzen, Motive und Barrieren bei ambulanten und stationären Patient*innen mit psychiatrischen Erkrankungen abzufragen. Außerdem hat die Sportwissenschaftlerin und Psychologin auch Personen in ihre Untersuchungen einbezogen, die sich in Online-Foren zu psychischen Erkrankungen ausgetauscht und angegeben haben, auch selbst an einer solchen zu leiden. Verglichen wurden die Ergebnisse mit einer psychisch gesunden Kontrollgruppe. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich Menschen mit psychischer Erkrankung tendenziell weniger bewegen als gesunde Teilnehmer*innen. Die bevorzugten Bewegungsarten sind dabei weniger kompetitiv und erfordern meist nur mäßige bis moderate Anstrengung.

Am beliebtesten waren in dieser Gruppe Walking und Yoga. Zweiteres zählt auch in der Kontrollgruppe zu den beliebtesten Sportarten“, erörtert Bichler die Ergebnisse. Dass Yoga studienübergreifend zu den beliebtesten Bewegungsformen zählt, überrascht nicht: Wissenschaftliche Studien belegen, dass sich Yoga positiv auf chronischen Stress und Symptome von Depressionen und Angststörungen auswirkt. „Zu den intrinsischen und extrinsischen Hürden, die Patient*innen in unseren Untersuchungen angegeben haben, zählen etwa fehlendes Selbstvertrauen, Angst, sich zu verletzen, die Unsicherheit, in der Öffentlichkeit Sport zu machen oder fehlende Trainingspartner*innen. Am häufigsten haben die Patient*innen angegeben, dass sie sich zu müde fühlen, um zu trainieren. Das liegt nahe, denn das ist symptomatisch für psychische Erkrankungen“, so Bichler weiter.

Motive für Bewegung

Neben den empfundenen Hürden, die psychisch Kranke oft davon abhalten, sich sportlich zu betätigen, sind auch die Motive für Bewegung andere als bei gesunden Teilnehmer*innen: Während bei Menschen ohne psychische Erkrankungen etwa die Förderung der Gesundheit, die Vorbeugung gegen Krankheiten, die Freude an der Bewegung sowie eine soziale Zugehörigkeit als Gründe für Bewegung angegeben werden, spielen diese Faktoren für Patient*innen mit psychischer Störung eine viel geringere Rolle. Sowohl gesunde als auch kranke Teilnehmer*innen nennen als Motivationsfaktoren hingegen etwa Stress- und Gewichtsmanagement, eine Verbesserung von Kraft und Ausdauer sowie die soziale Anerkennung. Es ist eine Kombination aus fehlender Motivation, weniger Beweggründen und persönlichen Barrieren, die dazu führen, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen tendenziell weniger bewegen.

In der Untersuchung von Carina Bichler bewegten sich rund 27 Prozent der Patient*innen weniger als die von der WHO empfohlenen 150 Minuten pro Woche. In der gesunden Kontrollgruppe erreichten nur sechs Prozent diese Mindestbewegungszeit nicht. „In den soziographischen Daten unserer Studienteilnehmer*innen sehen wir, dass Personen mit psychischen Erkrankungen häufig schlechtere Voraussetzungen für einen gesunden und aktiven Lebensstil mitbringen. So rauchen sie etwa häufiger und sitzen mehr. Aus früheren Studien wissen wir auch, dass diese Personengruppe öfter an Übergewicht leidet als psychisch gesunde Menschen. Wir sehen hier also einen Zusammenhang zwischen körperlichen und psychischen Gegebenheiten. Aus diesem Grund sollten auch in Therapien Maßnahmen für beide gesundheitlichen Komponenten gesetzt werden“, argumentiert Bichler. Mit ihren Untersuchungen könne sie ermitteln, in welche Richtung ein Bewegungsangebot gehen müsse, um von Patient*innen gut angenommen zu werden. Für einen langfristigen Erfolg und damit Patient*innen Sport langfristig in ihren Alltag integrieren, sei jedoch immer eine individuelle Anpassung nötig.

Praktische Studien

Ihre Erkenntnisse aus Befragungen von Patient*innen wendet die Psychologin und Sportwissenschaftlerin auch in der Praxis an. So vergleicht sie aktuell den Effekt von therapeutischem Klettern, therapeutischem Nordic Walking und einer Kontrollgruppe, die sich regelmäßig zum Zwecke des sozialen Zusammenseins ohne sportliche Betätigung trifft. „Patient*innen, die sich freiwillig zu der Teilnahme an diesem Forschungsprojekt melden, wissen vorab natürlich nicht, welcher Gruppe sie zugeteilt werden. Wir messen die Effekte dann bis zu sechs Monate nach Ende der Einheiten, um festzustellen, welche Sportart sich besonders positiv auf die psychische Gesundheit der Teilnehmer*innen auswirkt oder ob möglicherweise die soziale Komponente alleine für einen positiven Effekt ausreicht“, sagt Carina Bichler, die diese Forschungsreihe coronabedingt derzeit leider aussetzen muss.

Dieser Beitrag ist in der Dezember-2020-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).

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