Schülerinnen beim Betriebspraktikum in der Küche

Betriebs­prakti­kum: Mehr als nur Pflicht

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Annette Ostendorf haben im Rahmen eines Sparkling-Science-Projekts unter aktiver Einbindung von insgesamt 59 Schülerinnen und Schülern zweier BHS in Tirol und Vorarlberg versucht, den Lernraum „Betriebspraktikum“ genauer zu bestimmen.

„Obwohl Betriebspraktika in den Lehrplänen aller Berufsbildenden Höheren Schulen in Österreich verpflichtend vorgeschrieben sind, sind die Lernräume, die ein Betriebspraktikum bietet, bis dato relativ unerforscht. Wir befinden uns hier mehr oder weniger noch in einem pädagogischen Blindflug“, erklärt Annette Ostendorf, Universitätsprofessorin für Wirtschaftspädagogik an der Uni Innsbruck. Aus diesem Grund wollte die Wissenschaftlerin gemeinsam mit ihrem Team die Lernerfahrungen der Schülerinnen und Schüler im Praktikum untersuchen und – ausgehend von den Ergebnissen – auch Qualitätsmerkmale einer optimalen Begleitung eines Betriebspraktikums erstellen.

So entstand das Sparkling-Science-Projekt PEARL – Praktikanten erforschen ihr Arbeiten und Lernen, das im Januar 2015 startete. Projektpartner waren dabei SchülerInnen und Lehrkräfte von jeweils zwei Klassen der Höheren Lehranstalt für Tourismus Bludenz und der Höheren Technischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt (HTL) Anichstraße in Innsbruck. „Wir haben von Anfang an versucht, die Schülerinnen und Schüler als Junior-Forscherinnen und –Forscher aktiv einzubinden“, beschreibt Ostendorf den Projektverlauf. „Dazu haben wir sie vor ihrem Praktikum in mehreren Workshops an den Schulen in die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens eingeführt, gemeinsam eine Art Forschungsplan erstellt und ihnen auch eine Forscher-Box mit notwendigen Materialen mitgegeben. Ferner wurden sie auch an die Universität eingeladen, in Recherchetechniken eingeführt, über ethische Fragen wissenschaftlichen Arbeitens informiert und zu den eigenen BHS-Diplomarbeiten beraten.“

Ausgestattet mit Forschungsplan und Forscher-Box gingen die Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 17 und 19 Jahren in ihr Praktikum im In- und Ausland und absolvierten neben den vorgegebenen Arbeiten auch wissenschaftliche Feldarbeit, indem sie ihre Erfahrungen mithilfe von Logbooks und Fotos dokumentierten. Nach Rückkehr aus dem Praktikum wurden alle nochmals intensiv über ihre Erfahrungen einzeln interviewt. Nach einer ersten Auswertung der Daten wurden die Interpretationen mit einem Teil der PraktikantenInnen diskutiert.

Öffnung des Lernraums

„Auch wenn sich die Erlebnisse der Schülerinnen und Schüler fachlich unterschieden haben – wir begleiteten Praktika in Gastronomie, im kaufmännischen und im technischen Bereich – zeigten sich branchenübergreifende Besonderheiten des Lernens in Betriebspraktika “, berichtet das PEARL-Team. So stellten die WissenschaftlerInnen fest, dass öffnende Momente notwendig sind, um die Lernmöglichkeiten, die ein Betriebspraktikum bietet, für die SchülerInnen auch nutzbar zu machen. Diese Öffnung kann auf mehreren Ebenen stattfinden: Zum einen spielt das Mentoring oder die Begleitung der SchülerInnen im Betrieb eine große Rolle, zum anderen ist auch eine Öffnung und Reflektion der Lernenden selbst nötig, um das Erlernte für sie greifbar zu machen. „Ferner kommen auch den Schulen Aufgaben einer ‚Öffnung’ in Vor- und Nachbereitung des Praktikums zu“, so Annette Ostendorf.

Qualitätssicherung

Gelingt diese Öffnung, profitieren die Schülerinnen und Schüler auf mehreren Ebenen vom Betriebspraktikum: „Neben der fachlichen Ebene lernten die von uns begleiteten Praktikantinnen und Praktikanten sehr viel auf sozialer und persönlicher Ebene“, beschreibt Annette Ostendorf, betont aber, dass sich neben vielen positiven Erfahrungen im Auswertungsprozess auch einige Verbesserungsmöglichkeiten zeigten. „Bei unseren Gesprächen mit den Schülerinnen und Schülern stießen wir auch auf Praktikumserfahrungen, die aus pädagogischer Sicht grenzwertig waren – sei es in Bezug auf Arbeitszeit oder auch in Bezug auf Fürsorge und Betreuung der Praktikanteninnen und Praktikanten “, hält Ostendorf fest. „Hier sehe ich Betriebe und die Schule in der Pflicht, für eine gewisse Art von Qualitätssicherung zu sorgen“, betont die Wirtschaftspädagogin. Einen Schritt in diese Richtung geht auch eine im Zuge des Projektes begonnene Master-Arbeit von Studierenden der Wirtschaftspädagogik zur Entwicklung und Einführung einer Online-Praktikumsbörse. Aber nicht nur in Bezug auf die Auswahl des Praktikumsbetriebes spielt die Schule eine wichtige Rolle, auch die Nachbereitung des Erlebten und Erlernten sollte laut den Wissenschaftlern keine Einbahnstraße sein. Derzeit arbeiten die WissenschaftlerInnen an einem Lehrbuch, das PraktikumsbegleiterInnen in Schule und Betrieb helfen soll, Betriebspraktika pädagogisch sinnvoll zu gestalten und zu begleiten. „Das Projekt PEARL selbst war für die beteiligten Schülerinnen und Schüler sicherlich ein besonderes Moment in ihrem Praktikum. Es förderte deren ‚forschende Haltung’ und gab viele Anstöße zum Nachdenken über eigene Lernerlebnisse. Natürlich kann ein Projekt wie PEARL nur die beteiligten SchülerInnen einbinden, aber vielleicht könnten einzelne Elemente aus dem Projekt – eine Art Mini-PEARL – auch an anderen BHS umgesetzt werden“, resümiert Annette Ostendorf.

Dieser Artikel ist in der Februar-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).


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