Ein Tag im Zeichen Amazoniens

Am 30. März 2017 wurde im Foyer des Bruno-Sander-Hauses die Poster­ausstellung „Perspektiven für Amazonien? Agro­forstwirtschafts­systeme und alternative Wert­schöpfungs­ketten“ eröffnet. Innsbrucker Master­studierende der Geographie präsentierten in diesem Rahmen die Ergebnisse ihrer Feld­forschung über das RECA-Projekt in Amazonien.
Agroforstwirtschaft
Bild: Ein Eindruck der Agroforstwirtschaft. (Credit: Lukas Kindl)

Der Name RECA steht für „Reflorestamento Econômico Consorciado Adensado“ und ist eine kleinbäuerliche Kooperative, die sich Ende der 1980er Jahre aus dem Zusammenschluss lokaler Kleinbäuerinnen und -bauern gründete. Grund dafür war unter anderem, dass sich der brasilianische Staat aus den ehemaligen Förderprogrammen zur Kolonisierung Amazoniens entlang der Route BR-364 zurückzog und sich somit die Lebensbedingungen der AgrarpionierInnen verschlechterten. Heute, 30 Jahre später, fungiert RECA als best-practice-Beispiel für ein alternatives und nachhaltiges Entwicklungskonzept in Amazonien.

Um besser zu verstehen, wie die Kooperative funktioniert, welche Wertschöpfungsketten die Produkte durchlaufen und welche Chancen das Projekt ihren Mitgliedern bietet, haben die Masterstudierenden, zusammen mit Univ.-Prof. Martin Coy und Dr. Gerhard Rainer, das RECA-Projekt in Nova Califórnia (Bundesstaat Rondônia) besucht. Dabei konnten die Studierenden ihre bisherigen Erfahrungen in der empirischen Forschung und der Anwendung von Methoden umsetzen. Im Rahmen der Feldforschung zeigte sich, dass die Kooperative auf ein agroforstwirtschaftliches Landnutzungssystem setzt, bei dem die Bäuerinnen und Bauern bewusst regionale Pflanzen (Açaí, Paranüsse, Palmherzen, etc.) in Form einer Mischkultur anbauen. Über die Kooperative erfolgt die Lagerung, Verarbeitung und Verpackung. Die parallele Vereinsstruktur ermöglicht die Vermarktung der Produkte des Waldes. Durch die betriebene Agroforstwirtschaft tragen die Mitglieder zum Erhalt der Biodiversität sowie des Waldes bei. Der Zusammenschluss der Kleinbäuerinnen und -bauern ermöglicht eine gute und stabile Lebensgrundlage und zudem die Loslösung von finanziellen Abhängigkeiten und staatlichen Programmen. Durch die Wertschöpfungsketten werden die Produkte (Öl der Cupuaçu-Samen, Palmherzen, etc.) teilweise bis in die Bundestaaten São Paulo und Rio de Janeiro verkauft.

Die letzten Jahrzehnte in Brasilien und insbesondere in Amazonien waren von fehlgeleiteten Entwicklungen geprägt. Immer größer wird das Spannungsfeld zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Eliten, dem Extraktivismus, den sozio-ökologischen Herausforderungen, dem Rückgang des Regenwaldes, der Lebensräume der indigenen Völker sowie den turbulenten politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Brasilien. Die große Aufgabe ist es, aus den gemachten Fehlern zu lernen, den dort lebenden Menschen und dem Ökosystem das Überleben zu ermöglichen und zugleich wirtschaftliche und politische Stabilität zu erlangen – eine große Aufgabe. Es stellt sich also die Frage, inwiefern zum Beispiel das RECA-Konzept eine zukunftsweisende Richtung für Amazonien vorgibt und ob es auf andere Orte übertragbar ist. Aufgrund der Tatsache, dass die sozialen Strukturen des „bottom-up“-Projektes und die Wertschöpfungsketten langsam gewachsen sind und es von den Partizipationsmöglichkeiten seiner Mitglieder lebt, ist eine erfolgreiche Übertragbarkeit nur schwer möglich.

 

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Ein Bauer bei der Palmito-Ernte in Brasilien. (Foto: Lukas Kindl)

 

Das zentrale Thema zur Zukunft Amazoniens war auch Gegenstand der Podiumsdiskussion „Current trends in Brazil and perspectives for a social-ecological transformation“, zur der das ZIAS nach der Eröffnung der Posterausstellung geladen hatte. Als Vortragende waren zu Gast:

  • Marcel Bursztyn (Professor am Centro de Desenvolvimento Sustentável (CDS) der Universität Brasília)
  • Mauro Pires (Abteilungsleiter für Extraktivismus und nachhaltige Entwicklung (Secretaria de Extrativismo e Desenvolvimento Rural Sustentável) des brasilianischen Umweltministeriums (MMA), Brasília)
  • Sérgio Lopes (Begründer des RECA-Projektes, Stellvertretender Landesminister für Industrie, Handel und Produzierendes Gewerbe des Bundesstaates Acre)

Die Vortragenden schilderten den ZuhörerInnen ihre Eindrücke von den aktuellen Entwicklungen in Brasilien. Dabei war ein wesentliches Thema die tiefe ökonomische und politische Krise, in der man sich befindet. Das Land vollzieht einen rasanten ökonomischen Rückschritt und ist gebeutelt von einem politischen Erdbeben, das mit der Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff (Partido dos Trabalhadores) im vergangen Sommer kein Ende fand. Lange hatten die BrasilianerInnen auf eine Politik für alle gehofft. In den 13 Jahren der PT-Regierung wurden bedeutende Programme, wie das Zero fome (Null Hunger) etabliert, war ein Anwachsen der Mittelschicht, des Bildungssektors und innovative politische Konzepte zu verzeichnen. Dennoch wurde die PT letzten Endes durch das (auch parteiinterne) korrupte System der politischen Elite zu Fall gebracht.

Seit dem Regierungswechsel im Jahr 2016 ist der politische Einfluss des Agrobusiness bzw. der Agrarlobby extrem gewachsen. Viele Kongressangehörige sind zugleich UnternehmerInnen und verfolgen somit verstärkt ihre wirtschaftlichen Interessen. Obwohl das Agrobusiness für Brasilien sehr wichtig ist, leistet es, laut Sérgio Lopes, keinen Beitrag zu Brasiliens Ernährungssicherheit. Diese Aufgabe stemmen Millionen von Kleinbäuerinnen und -bauern.

 

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Ein Mädchen in Nova Califórnia beim Telefonieren. (Foto: Lukas Kindl)

 

Eine weitere Problematik ist, dass Brasiliens Rohstoffe in der Regel exportiert werden und somit keine Wertschöpfung im Lande erzielt wird. Eine Wertbindung bleibt demzufolge aus. Das hat einen wesentlichen Einfluss auf die Produktivität des ressourcenreichen Landes. Drängende Probleme sind auch in Amazonien zu finden, wo sich seit den 1990er Jahren vermehrt die Widersprüchlichkeiten zwischen Wachstumsgedanken und Nachhaltigkeit abzeichnen. Das zunehmend nach Amazonien vordringende Agrobusiness expandiert massiv und hat einen rasant wachsenden Flächenbedarf zur Folge. Das lässt sich ua. auf die internationale Nachfrage nach Fleisch zurückführen. Die Infrastruktur, die Energieversorgung und das Straßennetz unterliegen modernisierungs- und wachstumsorientierten politischen Strategien und Maßnahmen, welche die „Inkorporation“ des Gebietes vorantreiben. Hinzu kam, dass im Jahr 2012 Änderungen im Waldgesetz in Kraft traten sowie der Druck von Lobbyisten die weitere Errichtung von Schutzgebieten bis heute hemmt.

Gegen Ende der Diskussion zeigte sich, dass Marcel Bursztyn auf die Wirkungsmacht von (global-orientierten) KonsumentInnen setzt, die durch ihr Kaufverhalten unverantwortlichen Produktionsbedingungen eine Absage erteilen und den Weg zu einer sozialökologischen Transformation ebnen können. Er spricht von einer Revanche des Konsums, die die Diktatur der Produktion durchbrechen soll. Zwar zeichnen sich gegenwärtig modernisierungs- und wachstumsorientierte Entwicklungen ab, doch auf lange Sicht muss eine Änderung in die andere Richtung möglich werden. Mauro Pires spricht sich hinsichtlich Brasiliens Zukunft für die Entwicklung neuer politischer Perspektiven aus, bleibt aber in puncto der zeitnahen Umsetzung skeptisch. Sérgio Lopes kritisiert, dass der notwendige Reinigungsprozess im politischen System von Brasilien bisher nicht effektiv umgesetzt wurde.

Trotz der aktuellen Situation und der beunruhigenden Perspektiven, sind die Vortragenden der Podiumsdiskussion positiv gestimmt. Es bleibt zu hoffen, dass der ökonomische Rückschritt in Zukunft neue Wege zu innovativen Politiken und nachhaltigen Strategien ebnet. Die Adaptierung von Konzepten, wie RECA, ist zumindest in der Agrarwirtschaft ein Anreiz für Kleinbäuerinnen und -bauern, sich auf die eigenen Füße zu stellen, als Gemeinschaft Stabilität und Stärke zu erlangen und eine Alternative zum Agrobusiness zu sein.

(Anja Speyer)


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