Aus eins mach zwei: Die öster­reichisch-slowe­nische Grenz­ziehung

In der Kärntner Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 entschieden sich 59 Prozent für einen Verbleib bei Österreich. Andrej Rahten, slowenischer Botschafter in Österreich von 2013 bis 2017 und Historiker an der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Ljubljana, hielt am 30. Mai 2018 einen Vortrag über die Vorgeschichte der Abstimmung.
Gruppenfoto Ringvorlesung
Bild: Kurt Scharr und Ingrid Böhler mit dem Vortragenden, Andrej Rahten (von links). (Credit: Judith Dengler)

Die Pariser Friedenskonferenz ist eine breit diskutierte Materie, welche die Fachwissenschaft bis heute beschäftigt. Laut Andrej Rahten waren seine slowenischen Kollegen und Kolleginnen gerade in den vergangenen Jahren besonders intensiv auf diesem Gebiet tätig. Für ihn Grund genug, diese Ergebnisse gebündelt in einem Vortrag zusammenzufassen. Beim Fokus auf das slowenische „Kapitel“ der Pariser Friedensverhandlungen während bzw. kurz nach der Gründung des SHS-Staates, in welchen Slowenien als relativ kleiner Teil eingeflossen war, fallen besonders slowenische Verhandlungsschwächen und zahlreiche ausländische Gegner des SHS-Staates auf.

Slowenische Nationalisten hofften nach Ende des Krieges vor allem auf den damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson, welcher das neue Europa am liebsten nach nationalen Zugehörigkeiten eingeteilt hätte. Das hätte für den slowenischen Teil des SHS-Staates einige Gebietsgewinne bedeutet. Da Wilson aber widerwillig dem Londoner Pakt von 1915 zustimmen musste, welcher besagte, dass diverse mehrheitlich slowenisch-sprachige Gebiete an der oberen Adria und im Karst, darunter Istrien, an Italien übergeben werden mussten, kehrte in dieser Hinsicht Enttäuschung ein.

Durch diese bereits vor Verhandlungsbeginn geschaffenen Tatsachen blieb der slowenischen Politik nichts anderes übrig, als sich auf noch immer österreichische Gebiete zu konzentrieren, wo man sich bessere Chancen auf eine günstige Grenzziehung erhoffte.

Die slowenische Delegation

Bei den nach Paris entsandten Verhandlern setzte die slowenische Politik großteils auf Neulinge. Nur Ivan Zolger hatte zuvor schon in der Monarchie Erfahrung als Politiker gesammelt. Ansonsten gab es mit Ivan Schwegel noch einen früheren k.u.k. Konsul. Eine wiederholt vorgetragene Forderung dieser Männer war es, dass sowohl Klagenfurt als auch Villach von Österreich abgetreten werden sollten. Zur Erreichung dieses Ziels folgte die slowenische Delegation allerdings dem Credo, dass sich Slowenien auf die Entente-Mächte verlassen könne, weshalb sie in den Verhandlungen eher zurückhaltend agierte. Auch in der Bevölkerung gab es kaum Bemühungen, den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Auf österreichischer Seite trat allerdings das Gegenteil ein und es formierte sich breiter Widerstand gegen eine Abtretung der Gebiete. Zudem war die slowenische Delegation auch mit weniger Autorität ausgestattet, war sie doch schon innerhalb des SHS-Staates nur die drittwichtigste Kraft, klar hinter Serbien und Kroatien. Da zudem der slowenische Delegationsführer bei den Siegermächten wegen seines früheren k.u.k. Ministeramts unbeliebt war, hätte es bei den Verhandlungen zumindest serbische Hilfe gebraucht. Die serbischen Vertreter in Paris waren aber in erster Linie auf die eigenen Grenzziehungen fokussiert. Zudem wurden die Slowenen zu vielen weitreichenden Gesprächen gar nicht erst eingeladen, weshalb die Verhandlungsposition der Delegation aus Ljubljana äußerst schwach blieb.

Die Volksabstimmung

Woodrow Wilson traf schließlich die Entscheidung, dass das Klagenfurter Becken wegen der engen wirtschaftlichen Verflechtungen politisch einheitlich bleiben solle. Bei der Frage, ob das Gebiet zu Österreich oder Slowenien kommen solle, sprach Wilson sich für eine Volksabstimmung aus. Diesen Wunsch griff die slowenische Delegation auf, wenngleich sie sich vor einer Wahlniederlage fürchtete, weshalb sie mehrere Zonen verlangte, die unabhängig voneinander abstimmen sollten. Die Entente entschied sich aber dazu, Wilsons Plan weitgehend zu folgen. Vor allem Italien stellte sich auf die Seite Österreichs. Zum einen musste so auf der wichtigen Verbindungsroute zwischen Triest und Wien nur eine Grenze überwunden werden. Zum anderen sollte der zukünftige SHS-Staat im Interesse Italiens, das eine Hegemonie über den Balkan anstrebte, auch möglichst schwach gehalten werden. Es wurde schließlich eine große Zone entworfen, in der zuerst eine Abstimmung stattfand. In der zweiten, kleineren Zone, die auch Klagenfurt beinhaltete, sollte nur dann abgestimmt werden, wenn sich die größere für Slowenien entschieden hatte. Dazu kam es aber bekanntermaßen nicht und beide Zonen blieben bei Österreich.

(Aaron Salzmann)

Der Vortrag zum Nachsehen

 

Dossier: 100 Jahre Republik Österreich – die neuesten Beiträge

weitere Beiträge

Nach oben scrollen