Kartographie

Augen öffnen

Im Rahmen eines interdisziplinären Seminars zum Thema Rechtspopulismus haben sich Gilles Reckinger vom Institut für Europäische Ethnologie und Christian Bauer vom Institut für Praktische Theologie gemeinsam mit Studierenden mit den rechten Strömungen in unserer Gesellschaft auseinandergesetzt. Die Lehrveranstaltung wurde mit dem diesjährigen „Lehreplus!-Preis“ ausgezeichnet.

Ausgehend von den Beobachtungen des Aufstiegs des Rechtspopulismus in Europa haben sich Gilles Reckinger und Christian Bauer dazu entschieden, ein fächerübergreifendes Seminar zum Thema anzubieten. „Vor dem Hintergrund unserer wissenschaftlichen Disziplinen der Europäischen Ethnologie und der Praktischen Theologie haben wir es uns im vergangenen Wintersemester zur Aufgabe gemacht, gezielt da hinzusehen, wo es in der Gesellschaft brennt“, erläutert Bauer seine Motivation gemeinsam mit Reckinger das Seminar anzubieten. Dieser betont: „Wir sind beide neugierig und schätzen unsere jeweiligen Fachzugänge. So konnten wir nicht nur uns, sondern auch unsere wissenschaftlichen Inhalte besser kennen lernen.“ Die Wissenschaftler interessieren sich dafür, wie die politischen Veränderungen in der Gesellschaft gedeutet werden können. In ihrem Seminar haben sie den Zugang gewählt, empirisch im Feld zu forschen. „Wir haben die Studierenden aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen dazu aufgefordert, raus zu gehen und ihre Fragestellungen nicht im Seminarraum, sondern außerhalb der Universität zu untersuchen“, so Reckinger, der betont, dass auch die Wissenschaft gefordert ist, die brisanten Themen der Gesellschaft zu erkennen und hinzuschauen. „Dabei haben nicht nur wir, sondern auch die Studierenden die Erfahrung gemacht, dass es notwendig ist, die eigene ‚Blase’ zu verlassen, wobei es natürlich nicht möglich ist, die eigenen politischen Einstellungen, Ansichten und Verhaltensweisen ganz auszublenden“, betont Bauer.

Über Fächergrenzen hinweg

Neben den fachnahen Diskussionen über die Rolle der Religion oder den Heimatbegriff, waren die beiden Wissenschaftler allen Fragestellungen der Studierenden gegenüber offen. Studierende der Rechtswissenschaft, der Kunstgeschichte, Mathematik, Psychologie, Theologie oder Europäischen Ethnologie haben sich gemeinsam über den Wandel der Gesellschaft Gedanken gemacht. „Interessant waren für uns nicht nur die unterschiedlichen Fragestellungen, sondern auch die unterschiedlichen wissenschaftlichen Herangehensweisen und die Wahl der Methoden“, so Bauer. Für die beiden Leiter des Seminars war es wichtig, dieses offen und prozesshaft anzulegen und die Studierenden dazu zu ermutigen, sich der Wirklichkeit auszusetzen. Nicht nur die Frage nach der am besten geeigneten Methode, sondern auch die Auseinandersetzung mit der Problematik, wie weit jeder und jede bereit ist zu gehen, wurde diskutiert. „Jedes Individuum hat eigene Grenzen und kann entscheiden, wann der Punkt erreicht ist, an dem man nicht mehr weitergehen kann“, verdeutlicht Reckinger, der zudem betont, „In der Europäischen Ethnologie ist mein empirisches Credo, nichts und niemanden zu verabscheuen, nicht auszulachen und nicht zu bemitleiden, sondern sich um Verstehen zu bemühen.“ Der Ethnologe und der Theologe sind sich einig, dass sie selbst im Seminar, aber auch von den Studierenden viel gelernt haben. Manuela Rathmayer und Veronika Hofmann waren zwei Studentinnen, die am Seminar teilgenommen haben. Sie interessierten sich für die Geschichte und haben historisch-archivarisch geforscht. „Wir haben eine Kartographie von 1876 bis 2018 erstellt, in der wir die wichtigsten Wege und Plätze der Rechten in Innsbruck aufgezeichnet haben. Um die Orte gibt es eine große Geheimniskrämerei und viele Schriften waren nur für den internen Gebrauch gedacht. Dies machte die Forschung interessant, aber schwierig zugleich“, so die beiden Studentinnen. „Ich bin der Ansicht, dass ich nicht pauschal über politische Seiten urteilen kann. Mir geht es um ein Verstehen, warum sich Menschen für eine Richtung entscheiden“, verdeutlicht Rathmayer. Auch Hofmann hat sich ein Verstehen dieser Bewegung erhofft: „Meine Irritation über das Vertreten von rechtem Gedankengut war meine Motivation mich für das Seminar anzumelden. Am Schluss hat die gemeinsame Arbeit an der Kartographie, aber auch die Diskussionen im Seminar dazu beigetragen, besser zu verstehen, wie die Netzwerke funktionieren und sich erhalten.“ Am Schluss sind sich die Wissenschaftler und die Studierenden in einem Punkt einig: Es war ein Anfang, aber ein Seminar allein ist zu wenig. „Es gibt nicht die eine rechte Szene. Je näher man hinschaut, desto unschärfer werden die Grenzen. Wählerinnen und Wähler haben heute die unterschiedlichsten Motive sich für eine Partei zu entscheiden und es ist schwer, pauschal über eine Wählergruppe zu urteilen. Was mich aber erschreckt hat war, wie gesellschaftsfähig und alltäglich viele Positionen geworden sind“, betont Bauer. Auch Reckinger untermauert: „Unser Seminar war ein Auftakt. Wir werden uns damit aber auch weiterhin wissenschaftlich auseinanderzusetzen haben. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir autonom forschen und lehren dürfen, frei von ökonomischen und politischen Einflussnahmen. Das sehen wir als ein großes Privileg, das man auch verteidigen muss.“ Die beiden Wissenschaftler wollen sich mit diesem Seminar einen ersten Schritt setzen, sich auch wissenschaftlich gesellschaftspolitisch zu engagieren und sehen in der Multiperspektivität der Universität eine große Ressource dafür.


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