A wie Antritts­vor­lesung und Ant­werpen

Am 21. Oktober standen in der Claudiana gleich zwei Vorträge im Zeichen von Medical Humanities und Translation. Cornelia Feyrer (INTRAWI) hielt ihre Antrittsvorlesung zu Kulturemen und Translation in der Gesundheitskommunikation und Leona van Vaerenbergh (Univ. Antwerpen) sprach in ihrem Gastvortrag über Mehr­sprachigkeit und Translation in der Medizin­kommunikation.
Foto-Collage der Vortragenden
Bild: von links: Gastvortrag von em. Univ.-Prof. Dr. Leona van Vaerenbergh (Universität Antwerpen); Begrüßung und einleitende Worte durch den Dekan der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, Univ.-Prof. Dr. Sebastian Donat, MA; Antrittsvorlesung von ao. Univ.-Prof. MMag. Dr. Cornelia Feyrer (Institut für Translationswissenschaft). (Credit: Natalie Mair)

Gelungene Kommunikation und ein funktionierendes Interaktionsmanagement ist in einem so sensiblen Bereich wie jenem der Gesundheit ein omnipräsentes Thema – und TranslatorInnen leisten einen mehr als gesellschaftsrelevanten Beitrag dazu. Denn eine für das Übersetzen von Fachinhalten zentrale Überlegung muss sein, dass auch Fachwelten nicht linear ausgerichtet, sondern mit anderen Lebensbereichen zu komplexen – und auch kulturgeprägten – Interaktionsgefügen vernetzt sind. Dies gilt im Besonderen für einen so vital mit allen Lebensbereichen vernetzten Fachbereich wie jenen der Medizin- und Gesundheitskommunikation.

Die Antrittsvorlesung von ao. Univ.-Prof. MMag Dr. Cornelia Feyrer (INTRAWI) zur Relevanz von Kulturemen und Translation in der Gesundheitskommunikation behandelte Textsorten und Diskursformen der medizinischen (Fach)Translation in verschiedenen romanischen Kulturen. Der Beitrag fokussierte auf die nicht zu vernachlässigende Kulturdeterminiertheit von Fachkontexten unter dem Motto ‚Fachinhalte intelligent übersetzen‘. Vergleichend switchte sie dabei zwischen deutsch-, französisch- und spanischsprachigen Pharma-Anzeigen hin und her und illustrierte deren sprachliche und bildliche Anpassung von einem Land zum anderen. Wenn auf einer Anzeige die Venus von Willendorf mit amputierter Brust erscheint, oder wenn ein Bild von Füßen mit angehängtem Schildchen im Leichenschauhaus Gesundheitsrisiken drastisch illustriert, die dank des beworbenen Arzneimittels glücklicherweise vermieden werden können, dann sind das Beispiele für Risikokommunikation in der Medizin, und zwar in der extremen Form des „Guerillamarketing“. Gewisse Kultureme sind dabei weitgehend universell, etwa die Mona Lisa, die auf einer Anzeige mit aufgedunsenem Gesicht erscheint, um das Cushing-Syndrom zu illustrieren; andere müssen von einer Kultur zur anderen angepasst werden, weil nicht überall die Venus von Willendorf oder Napoleon als emblematische Gestalten unmittelbar verstanden werden. Bei der Anti-Tuberkulose-Kampagne, die in Anlehnung an die „SOS-Racisme“-Bewegung mit der nach vorne ausgestreckten abwehrenden Hand operiert, mussten nur die auf die Handfläche aufgemalte Flagge und das dahinter sichtbare Gesicht geändert werden, um die Botschaft an das Publikum verschiedener Länder anzupassen.

Diese sehr vielfältigen, differenzierten Adaptierungsprozesse zeigen, wie das Denken in wissenschaftlich innovativen und anwendungsorientierten Strukturen genuin ist für ein Fach wie die Translationswissenschaft, das in sehr heterogenen, vielschichtigen und komplexen Interaktionsgefügen seine Ausprägungsformen findet. Cornelia Feyrers Vortrag illustrierte deutlich, wie sehr Gesundheitskommunikation interdisziplinär ausgerichtet ist. „Intelligentes Übersetzen heißt in diesem Kontext, dass sich TranslatorInnen auf die zunehmende Mediatisierung und Hybridisierung ihrer Textsorten und Diskursformen einstellen und ihre Rolle als AkteurInnen in der stark interdisziplinär ausgerichteten Gesundheitskommunikation bewusst wahrnehmen“, so Feyrer in ihrer Konklusion.

Univ.-Prof. Dr. Leona van Vaerenbergh, die an der Philosophischen Fakultät der Universität Antwerpen Übersetzen und Dolmetschen unterrichtet hat, arbeitet seit vielen Jahren zu unterschiedlichen Themen der Medizinkommunikation (u. a. zu Richtlinien, validierten Instrumenten und Technologien der medizinischen Kommunikation). Zwei Forschungsprojekte zur Optimierung der Lesbarkeit von Arzneimittelinformationen wurden in Belgien unter ihrer Leitung durchgeführt. Aktuell forscht sie v. a. zur Experten-Laien-Kommunikation in der Medizin. Zwischen dem 21. und 23. Oktober war Frau Van Vaerenbergh mit drei Vorträgen in Innsbruck zu Gast, sie illustrierte für Studierende des INTRAWI Sprach- und Stilrichtlinien in der pharmazeutischen und medizinischen Kommunikation und referierte zur Verdolmetschung in psychiatrischen Gesprächen.

Den Auftakt bildete jedoch der Vortrag am 21. Oktober im historischen Ambiente der Claudiana als Ko-Referentin zu Cornelia Feyrers Antrittsvorlesung, in einem Themenabend zu modernen interkulturellen Medical Humanities, Medizinkommunikation und -translation. In ihren Ausführungen zeigte Leona Van Vaerenbergh anschaulich am Beispiel validierter Instrumente, zu denen Fragebögen, Skalen und Testverfahren zählen, was Qualitätskontrolle und Professionalität in der schriftlichen und mündlichen Translation ausmacht. Anhand der Beschreibung psychiatrischer Konsultationen wurde deutlich, welch zentrale Rolle der Wahl der geeigneten Kommunikationsform im Kontakt mit Anderssprachigen zukommt und wie wichtig dabei der Einsatz von qualifizierten DolmetscherInnen ist. 

Das zahlreich erschienene Publikum war beeindruckt und nahm sich wahrscheinlich vor, künftig „Guerillamarketing“ als solches zu erkennen und auch die gezielt eingesetzten Kultureme in der Werbung noch bewusster und kritischer wahrzunehmen.

(red/Eva Lavric)

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