Internationale Tagung - Programm

GRENZVERWISCHUNGEN: VIELFAELTIGE LEBENSWEISEN IM GENDER-, SEXUALITAETS- UND GENERATIONENDISKURS
Konzept: Dr. Jutta Hartmann
Tagungsprogramm (Änderungen vorbehalten)

Donnerstag, 13. Mai:
13:30 Eröffnung
14:00 Jutta Hartmann: Vielfältige Lebensweisen transdiskursiv. Zur Relevanz dekonstruktiver Perspektiven in der Pädagogik
15:00 Susanne Luhmann: Unterwerfung, Ambivalenz, Trauer und Melancholie: Begriffe und Tendenzen im anglo-amerikanischen Diskurs von Subjekt und Subjektivität
16:00 Pause
16:20 Bettina Fritzsche: Pop-Fans - über Schwellenwesen und ihre Experimente mit Liebe und Begehren
17:20 Diskussionsrunden
18:30 Büfett

Freitag, 14. Mai:
09:00 Kristina Hackmann: "wir sind ja wohl kaum lesbisch, ja?" - Konstitutionsprozesse geschlechtlicher und sexueller Selbstverständnisse von Mädchen in der frühen Adoleszenz
10:00 Barbara Keddi: Jenseits der Grenzen von Geschlecht? Lebensthemen und biografisches Handeln junger Frauen und ihrer Partner
10:50 Pause
11:10 Lothar Böhnisch: Die Entgrenzung der Männlichkeit und der Wandel der männlichen Perspektive
12.00 Diskussionsrunden
13.00 Mittagspause
14:30 - 18:00 parallele Workshops zu unterschiedlichen Praxisfeldern pädagogischer und psychosozialer Arbeit:

Samstag, 15. Mai:
09:00 Präsentationen aus den Workshops
10:00 Andrea Maihofer: Geschlecht als hegemonialer Diskurs und gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise
10:50 Pause
11:10 Edgar Forster: Ökonomie der Geschlechter und Männlichkeitskritik
12:00 Diskussionsrunden
13.00 Ende der Tagung

 

 

ABSTRACTS DER VORTRAGENDEN

  • Lothar Böhnisch
    Die Entgrenzung der Männlichkeit und der Wandel der männlichen Perspektive.

    Mit der konstruktivistischen Verengung der Geschlechterperspektive ist der Unterschied zwischen Diskurs und gesellschaftlicher und biografisch-sozialer Wirklichkeit oftmals ausser Blick geraten. Gerade die gegenwärtigen gesellschaftlichen und psychodynamischen Verschiebungen der Geschlechterbezüge lassen aber vermuten, dass sich die Geschlechterfrage trotz Nivellierungen im Alltag in einer neuen Weise kompliziert hat. Die Entgrenzung der Geschlechter im digitalen Kapitalismus auf der einen und die neueren Ergebnisse der Männerforschung und männertherapeutischen Erfahrungen auf der anderen Seite weisen darauf hin, dass Männlichkeit sicher nicht mehr (aber dann doch überraschend wieder) geschlechtsdualistisch auftritt. Dafür aber ist viel Typisches in ambivalenten warenästhetischen Konstellationen verdeckt und in der Form männlicher Bewältigungsmuster wechselnd freigesetzt. Angesichts dieser Ambivalenzen erhält das Paradigma der Entgrenzung der Männlichkeit seine theoretische und empirische Fruchtbarkeit.

    Kurzvita: Prof. Dr. Lothar Böhnisch, Diplomsoziologe; seit 1991 Professor an der Technischen Universität Dresden (Institut für Sozialpädagogik und Sozialarbeit, Lehrstuhl Sozialisation der Lebensalter); Lehrbeauftragter an den Universitäten Zürich, Graz, FU Berlin, Brixen; 1991 Gastprofessor an der Universität Zürich; 1985 - 1990 Aufbau eines regionalen Forschungszentrums und apl. Professur an der Universität Tübingen; 1981 - 1984 kommissarischer Direktor des Deutschen Jugendinstitutes in München.

    Literatur:
    Lothar Böhnisch: Entgrenzung der Männlichkeit. Opladen 2003
    Lothar Böhnisch: Männliche Sozialisation. Weinheim und München 2004.

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  • Edgar Forster
    Ökonomie der Geschlechter und Männlichkeitskritik

    "Ich liebe dich" sagt Doris im Film The Man Who Wasnt There zu ihrem Mann Ed. Wo sie eine Antwort erwartet oder zumindest ein stilles Einverständnis voraussetzt, eröffnet sich ihm ein anderes Begehren, eine ungeahnte Passion, die sein dumpfes Leben konterkariert. Er antwortet ihr nicht, sondern gibt dem inneren Drang nach, ein neues Leben zu beginnen mit fatalen Folgen.
    In dieser Szene verknoten sich Geschlecht und Sexualität. Dabei funktioniert Geschlecht wie eine Gabe. Sie wird ausgetauscht und stellt auf diese Weise eine Ökonomie her, die nach bestimmten Regeln funktioniert. Die Energie, die den ökonomischen Kreislauf speist und ihn dabei ständig sprengt, ist das Begehren. Am Beispiel des Protagonisten Ed Crane lässt sich zeigen, dass es nicht ausreicht, Geschlecht als relationale Kategorie zu fassen, sondern dass es darauf ankommt, seine Männlichkeit als Spuren seines Begehrens zu fassen. Für dieses Begehren passt am besten das Bild eines sich ständig ausdehnenden Netzes. Es pflanzt sich fort und bildet immerzu neue Verknotungen. In diesem Wuchern verändert sich das Begehren und erzeugt einen schillernden Begriff des Sexuellen.
    Worauf zielt die Analyse von Geschlecht als Gabe? Was bedeutet die Kategorie Geschlecht für eine konkrete Analyse, wenn man nicht hinter die Einsichten des Poststrukturalismus zurückfallen will? Eine Möglichkeit könnte darin bestehen, den Spuren des Begehrens zu folgen und sie gegenüber Fragen von Identität zu stärken. Damit können auch scheinbar verfestigte Kategorien wieder verflüssigt werden. Poststrukturalistische Theorien gehen aber noch einen Schritt weiter. Sie begreifen Geschlecht nicht nur als eine beschreibende Kategorie, mit deren Hilfe Wirklichkeit, wie sie vorgefunden wird, dargestellt werden kann. Damit reproduziert man nur bestehende Geschlechterordnungen und -logiken. Demgegenüber soll es hier darauf ankommen, die Kategorien Geschlecht und Begehren auch als Begriffe zu fassen, die es ermöglichen, in das Analysefeld zu intervenieren, sprich andere Zusammenhänge zu fabrizieren und damit gewohnte Denkweisen zu problematisieren.

    Kurzvita:
    Edgar Forster lehrt Erziehungswissenschaft an der Universität Salzburg. Derzeitige Arbeitsschwerpunkte: Allgemeine Pädagogik; Architektur, Kunst und Bildung; Gender Studies unter dem Aspekt von Männlichkeitskritik; Qualitative Sozialforschung.

    Publikationen:
    u. a. im Bereich Gender Studies und Historische Anthropologie; zuletzt: Männlichkeitsrituale als Widerstandsrituale in Erziehung und Bildung. Zur Konstruktion des (kritischen) Subjekts im Männlichkeitsdiskurs. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 6. Jg., Beiheft 2/2004, S. 161-172.
    The Man Who Wasnt There. Die Gabe des Geschlechts. In: Brigitte Hipfl, Elisabeth Klaus, Uta Scheer (Hg.): Identitätsräume. Körper und Geschlecht in den Medien. Eine Topografie. Bielefeld: transcript 2004 (im Erscheinen).

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  • Bettina Fritzsche
    Pop-Fans über Schwellenwesen und ihre Experimente mit Liebe und Begehren 

    Im Zentrum des kulturellen Engagements zahlreicher Mädchen in der (Prä-)Adoleszenz steht die Auseinandersetzung mit ausgewählten Teeny-Bands. Auf der Grundlage einer rekonstruktiven Interpretation von narrativen Interviews und Gruppendiskussionen mit Fans der geschlechtshomogenen Boygroups und Girlgroups wird diese Jugendkultur im geplanten Beitrag als sehr geeignetes Forum für Auseinandersetzungen mit der antizipierten Identität einer sogenannten geschlechtsreifen Jugendlichen vorgestellt: Die Beschäftigung mit Boygroups wird von den Fans genutzt, um erste Erfahrungen mit der heterosexuellen Liebe zu machen, ohne die Mühen und Risiken einer tatsächlichen Interaktion mit dem anderen Geschlecht auf sich nehmen zu müssen. Da die Boygroup-Fankultur in diesem Sinne stark mit der heterosexuellen Liebe assoziiert wird, kann umgekehrt eine Selbstverortung als Girlgroup-Fan die Chance eröffnen, sich von dieser abzugrenzen und ein ausschliessliches Interesse für das eigene Geschlecht zu legitimieren.
    Die im Rahmen der Fan-Kultur vollzogenen Suchbewegungen umkreisen dabei das Ideal einer kohärenten heterosexuellen Geschlechtsidentität und unterlaufen dieses gleichzeitig immer wieder: In den Erzählungen der Fans zeigt sich deutlich ihre Unsicherheit im Umgang mit den Geschlechter-Normen und somit die tatsächliche Fragilität einer dichotomen Geschlechterordnung. Der experimentelle und dynamische Charakter fan-kultureller Praktiken geht mit sehr eigenwilligen und spielerischen Umgangsweisen mit normativen Erwartungen einher und eröffnet ein Feld für gemeinsame Praktiken, die sich mit den hegemonialen Dichotomien von weiblich männlich und homosexuell heterosexuell nicht fassen lassen.

    Kurzvita:
    Bettina Fritzsche, Dr.; 1988-1995 Studium der Erziehungswissenschaft an der Technischen Universität Berlin; 1998 Forschungsaufenthalt am Womens Studies Programme am Roehampton Institute, London; 1998-1999 Kollegiatin im Graduiertenkolleg Geschlechterverhältnis und sozialer Wandel, Universität Dortmund; seit 1999 Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Qualitative Bildungsforschung, Freie Universität Berlin; 2002 Abschluss der Promotion; 2004 Auszeichnung der Dissertation mit dem Marie-Schlei-Preis.
    Forschungsschwerpunkte: Geschlechterforschung, qualitative Methoden, Cultural Studies

    Publikationen:
    Fritzsche, Bettina; Hartmann, Jutta; Schmidt, Andrea; Tervooren, Anja (Hg.): Dekonstruktive Pädagogik. Erziehungswissenschaftliche Debatten unter poststrukturalistischen Perspektiven. Opladen 2001 und
    Fritzsche, Bettina: Pop-Fans. Studie einer Mädchenkultur. Opladen 2003

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  • Kristina Hackmann
    "wir sind ja wohl kaum lesbisch, ja?" - Konstitutionsprozesse geschlechtlicher und sexueller Selbstverständnisse von Mädchen in der frühen Adoleszenz

    Am Beispiel der Prozesse in einer Mädchengruppe möchte ich in meinem Beitrag vorstellen, wie 11-12jährige Mädchen sich mit dem kulturellen System der Zweigeschlechtlichkeit und der Norm der Heterosexualität auseinandersetzen.
    Im Rahmen einer ethnographischen Forschungsstrategie habe ich eine Mädchenarbeitsgruppe begleitet, in deren Mittelpunkt die Eigenproduktion eines Videofilms stand. Auf der Basis einer triangulativen konversationsanalytischen und tiefenhermeneutischen Analyse des Videofilms und der Unterrichtsaufnahmen, konnte u.a. herausgearbeitet werden, innerhalb welcher Gesprächsrahmen die Mädchen Fragen nach Geschlecht und Sexualität verhandeln, auf welche gesellschaftlichen Bilder sie dabei zurückgreifen, welche sie selbst entwickeln, und wie sie diese für den spielerischen Umgang mit eigenen geschlechtlichen und sexuellen Phantasien und Wünschen nutzen. Im Zentrum stehen dabei changierende Bewegungen zwischen polarisierten Positionen, wie z.B. zwischen 'weiblich' und 'männlich' definierten Anteilen, zwischen homo- und heteroerotischen oder romantischen und mit Gewalt verbundenen Phantasien.

    Kurzvita:
    Dr. rer. pol. Kristina Hackmann, Soziologin am Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZFG) an der Universität Oldenburg, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt Status von Frauen in der Wissenschaftsdisziplin Mathematik;
    Arbeitsschwerpunkte: Empirische Frauen- und Geschlechterforschung, Weibliche Adoleszenz und Heteronormativität, Hochschule und Geschlecht, Qualitative Methoden in den Sozial- und Erziehungswissenschaften.
    Publikation: Adoleszenz, Geschlecht und sexuelle Orientierungen. Eine empirische Studie mit Schülerinnen. Opladen, 2003

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  • Jutta Hartmann
    vielfältige Lebensweisen transdiskursiv. Zur Relevanz dekonstruktiver Perspektiven in der Pädagogik 

    Die Prozesse der Pluralisierung von Lebensformen und der Relativierung von Lebensaltern sind im letzten Jahrzehnt zu einem vielbeachteten Thema avanciert. Selbst Geschlechtlichkeit und Sexualität gelten mittlerweile als biografisiert. Gleichzeitig wirken gesellschaftliche Normen und Institutionen, wie z.B. die traditionelle Familienform, Heterosexualität oder Zweigeschlechtlichkeit. Die mit dem Spannungsverhältnis aus Pluralisierung und Normierung einher gehenden Veränderungen, Chancen und Blockaden bringen neue Aufgaben für Erziehung, Bildung und Soziale Arbeit in der ganzen Bandbreite ihrer pädagogischen und psychosozialen Praxisfelder mit sich. Im Mittelpunkt der Tagung steht daher die Frage, wie sich geschlechtliche und sexuelle Existenz- und Lebensweisen in unterschiedlichen Altersstufen innerhalb des Spannungsverhältnisses aus eigensinniger Erweiterung und beschränkenden Anforderungen gestalten und welche Herausforderungen damit an Pädagogik und Erziehungswissenschaft verbunden sind. Unter dem Motto Grenzverwischungen gilt das besondere Interesse jenen Prozessen, die gängige Normalitätsvorstellungen irritieren, indem sie die vorherrschende Zweiteilung von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Homo- und Heterosexualität, von traditionellen und alternativen Lebensformen oder von Erwachsen- und Nichterwachsensein in Frage stellen. Um dieses Spannungsverhältnis aus Pluralisierung und Normierung aufzugreifen und insbesondere die darin sichtbar werdenden dynamisierenden Momente zu betonen Momente also, die vorherrschende Grenzen und Normalitätsvorstellungen in Bewegung bringen habe ich den Begriff vielfältige Lebensweisen in die pädagogische und erziehungswissenschaftliche Diskussion eingebracht. Begriffe sind bewegliche Denkwerkzeuge, die Erkenntnisse über die gesellschaftliche Realität verdichten. Sie folgen der Aufgabe kritischer Wissenschaft, zum Verständnis und zur Veränderung der Welt beizutragen.
    In meinem Vortrag führe ich in die grundlegenden Fragestellungen und Begrifflichkeiten der Tagung ein und hebe die damit verbundene poststrukturalistische Perspektive hervor, die die Herstellung von Identitäten und Selbstverhältnissen in und über Diskurse untersucht und einer dekonstruktiven Perspektive folgend an der Irritation vorherrschender Selbstverständlichkeiten und der Dynamisierung hegemonialer Dualitäten orientiert ist. Diskussionslinien des aktuellen Gender-, des Sexualitäts- und des Generationendiskurses aufgreifend und auf deren Schnittfläche fokussierend, blicke ich mit dem Begriff vielfältige Lebensweisen auf die wechselseitige Verschränktheit geschlechtskonstitutiver, begehrensbezogener und lebenszeitlicher Konstruktionsprozesse, entwickle Fragestellungen für die Tagungsdiskussion und beginne den roten Faden durch die Tagung zu spinnen.

    Kurzvita:
    Dr. Jutta Hartmann, Erziehungswissenschaftlerin, Diplompädagogin, Staatsexamen für Lehramt an Realschulen; seit 2002 Gastprofessorin an der Universität Innsbruck (zunächst Vertretung der Universitätsprofessur Erziehungswissenschaft der Generationen, nun Koordination des Studienzweigs Kritische Geschlechter- und Sozialforschung); 2001-2002 Bildungsreferentin in der Jugend- und Erwachsenenbildung; 1990-2000 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Berlin und in diversen Praxisprojekten; Lehrbeauftragte an den Universitäten Graz, Klagenfurt und Wien sowie an Fachhochschulen für Sozialwesen.
    Publikationen:
    Hartmann, Jutta (2002): vielfältige Lebensweisen. Dynamisierungen in der Triade Geschlecht-Sexualität-Lebensform. Kritisch-dekonstruktive Perspektiven für die Pädagogik. Opladen: Leske & Budrich
    Fritzsche, Bettina/ Hartmann, Jutta/ Schmidt, Andrea/ Tervooren, Anja (2001; Hg.): Dekonstruktive Pädagogik. Erziehungswissenschaftliche Debatten unter poststrukturalistischen Perspektiven. Opladen: Leske & Budrich

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  • Barbara Keddi
    Jenseits der Grenzen von Geschlecht? Lebensthemen und biografisches Handeln junger Frauen und ihrer Partner

    Neuere Ansätze und empirische Ergebnisse der Geschlechter- und Biografieforschung stellen die eindeutige Gültigkeit von Geschlechternormalitäten zunehmend in Frage und gehen von einer Vielfalt von weiblichen und männlichen Lebensentwürfen und einer Vielfalt von Geschlechterverhältnissen aus. In meinem Vortrag möchte ich diese Entstrukturierungen und Verwischungen inhaltlich füllen und Ergebnisse aus einer am Deutschen Jugendinstitut in München durchgeführten qualitativen Längsschnittstudie zu den Lebensentwürfen junger Frauen und ihrer Partner vorstellen sowie theoretische und methodische Folgerungen ziehen. Ich grenze mich von der Mainstream-Auffassung und interpretativen Routine der doppelten weiblichen Vergesellschaftung als generellem Strukturprinzip der Lebensgestaltung junger Frauen (es gibt kein homogenes Kollektiv Frau) ebenso ab wie von der Vorstellung ausschliesslich geschlechtercodierter Lebenszusammenhänge. Diese Ansätze vereinfachen die Unterschiedlichkeit und Mehrdeutigkeit von weiblichem (und auch männlichem) Leben und können leicht zum Korsett werden. Junge Frauen und Männer sind in Strukturen eingebunden, die sie gleichzeitig als AkteurInnen gestalten, reproduzieren und verändern. Entsprechend lässt sich ihr biografisches Handeln nicht (mehr) in einfache Formeln von Geschlecht pressen. Während Individualisierungs- und Rational-Choice-Theorien den Blick auf Lebensentwürfe, Entscheidungs- und Planungsprozesse richten, gehe ich der Biografieforschung folgend davon aus, dass junge Frauen und Männer vor dem Hintergrund biografischer Horizonte handeln, die ihren subjektiven Handlungsrahmen definieren.
    Im Zentrum meiner Analyse stehen das Handeln junger Frauen und ihrer Partner sowie ihre Lebensthemen ohne vorgängige Zu- und Festschreibung auf geschlechtstypisches Handeln oder soziale Skripte und kulturelle Deutungsmuster. Das Einbeziehen der Partner führte nicht nur zu einer neuen Sicht auf männliche Lebenskonstruktionen, es relativierte ihre scheinbare Berufszentriertheit, sondern ergab auch, dass Lebensthemen über die Geschlechtergrenzen hinweg in gleicher Weise formuliert werden, oft bis ins Detail. Dies bedeutet, dass sich junge Frauen und Männer mit dem gleichen Lebensthema in ihren Vorstellungen, Plänen und Umsetzungsschritten ähnlicher sind als junge Frauen untereinander. Je nach Lebensthema wird Geschlecht jedoch in unterschiedlicher Weise wirksam. Die differenzielle Relevanz von Geschlecht wird so empirisch greifbar.

    Kurzvita:
    Barbara Keddi; Dr. phil., Dipl.-Soziologin, Analytische Imaginationstherapeutin; wiss. Referentin am Deutschen Jugendinstitut, München. Arbeitsschwerpunkte: Frauen- und Geschlechter-, Familien- sowie Biografieforschung (weibliche Lebensentwürfe, Paarbeziehungen, Lebensformen, Familiengründungsprozesse, biografisches Handeln), qualitative Längsschnittstudien; strategische Öffentlichkeitsarbeit
    Publikationen:
    Junge Frauen: Vom doppelten Lebensentwurf zum biografischen Projekt. In: Becker, R./Kortendiek, B. (Hrsg.): Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung. Opladen 2004;
    Projekt Liebe. Lebensthemen und biografisches Handeln junger Frauen in Paarbeziehungen. Opladen 2003

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  • Susanne Luhmann
    Subjektivität im Spannungsfeld der Affekte neuere Tendenzen in der anglo-amerikanischen Subjektdebatte 

    Der Hinweis darauf, dass Subjektkonstituierung im westlichen Denken im wesentlichen dichotom und binär gedacht worden ist, ist nicht neu. Eng verbunden hiermit sind Vorstellungen von Subjektivität, die von sich gegenseitig ausschliessenden Identitätskategorien ausgehen, wie zum Beispiel Mann/Frau, hetero-/homosexuell, weiss/schwarz, deutsch/fremd usw. Auch wenn poststrukturalistische und dekonstruktive Theoriebildung solch binär gedachte Konstruktionen zunehmen in Frage gestellt haben bedeutet dies nicht, dass binäres Denken gänzlich aus der Mode geraten ist.
    Hinsichtlich sozialwissenschaftlicher Modelle der Subjektkonstituierung finden wir binäres Denken z.B. in dem andauernden Konflikt zwischen essentialistischen oder naturalisierenden und sozial konstruktivistischen Ansätzen. In diesem Konflikt geht es im wesentlichen darum, ob das Subjekt als sozial (äusserlich) oder biologisch (innerlich) geformt zu verstehen ist.
    Im anglo-amerikanischen Raum ist dieser Konflikt zum Verhältnis von äusserlichen und innerlichen Einflüssen auf die Konstituierung des Subjektes in ihrem geschlechtlichen, sexuellen und ethnischen Selbstverständnis unter dem neu erwachenden Interesse an psychoanalytischer Theorie zunehmend in den Blick geraten. Innerlichkeit wird hier nun nicht biologistisch sondern psychoanalytisch verstanden. In diesem Zusammenhang finden wir zunehmend ein Interesse an Affekten als zentral in der Konstitution des Subjektes. So diagnostiziert z.B. Judith Butler heterosexuelle Männlichkeit von ihrer Struktur her als melancholisch und versteht Trauma als die Basis von heterosexueller Geschlechtsidentität. Sie weist auf die generell ambivalente affektive Bindung an unterwerfende Geschlechterdiskurse hin. Cheng sieht Trauer und Verlust als zentral für ethnische Identitätsbildung. Für Cvetkovich ist Trauma die Gefühlsstruktur in der kapitalistischen Gesellschaft. Aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit und Unvorhersagbarkeit bieten Gefühle wie Zuneigung, Liebe, Faszination und Neugier für Martin zentrale Impulse für queer und anti-normative soziale Formationen.
    Mein Vortrag bietet Einblick in die Rolle von Affekten (Ambivalanz, Trauer und Melancholie) in der Konstituierung von Subjektivität, nimmt damit verbundene Grenzverwischung (Gefühl und Macht, Interiorität und Exteriorität) in den Blick und zeigt die Relevanz dieser Denkrichtung für psychosoziale und pädagogische Arbeit auf.

    Publikationen:
    Luhmann, Susanne (2004): Passing On and Womens Studies: Performances of History, Autobiography, Memory, and Pedagogy, Ann Braithwaite, Susan Heald, Susanne Luhmann, Sharon Rosenberg. Toronto: Sumach Press, Fall 2004 (im Druck).
    Luhmann, Susanne (2001): Suspekte Subjekte? Psychoanalytische Theorie, feministische Pädagogik und universitäres Lernen / Lehren zum Thema Soziale Differenzen am Beispiel der nordamerikanischen Womens Studies, In: dekonstruktive Pädagogik: Erziehungswissenschaftliche Debatten unter poststrukturalistischen Perspektiven, Hg. Bettina Fritsche et al. (119-136). Opladen: Leske und Budrich Verlag, 2001.
    Luhmann, Susanne (1998): Verquere Pädagogik? Queer Theory und die Grenzen anti-homophober Bildungsarbeit. In: Lebensformen und Sexualität: Herrschaftskritische Analysen und pädagogische Perspektiven (42-53). Hg. Jutta Hartman et al. Bielefeld: Kleine Verlag,

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  • Andrea Maihofer
    Geschlecht als hegemonialer Diskurs und gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise - neuere Überlegungen

    Anstatt eines Abstracts die Anfrage von Jutta Hartmann an Andrea Maihofer zu ihrem Vortrag:

    Gerade für eine poststrukturalistisch inspirierte Erziehungswissenschaft scheint mir die Zusammenführung von Diskurs und real gelebter Existenzweise bei der Suche nach einem angemessenen Subjektverständnis sehr gewinnbringend und angesichts häufiger Abwehr gegenüber diskurstheoretischen Überlegungen auch eine geeignete Brücke im Theorie-Praxis-Dialog zu sein. Uns würde daher insbesondere Ihr Versuch interessieren, Geschlecht (auch) auf der Grundlage poststrukt. und dekonstruktiver Theorien theoretisch weiter zu entwickeln, d.h. die für Sie gegenwärtig als zentral erscheinenden Eckpunkte Ihres Konzepts von Geschlecht als hegemonialer Diskurs und gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise sowie Ihre bisherigen Erfahrungen mit diesem, gegebenenfalls dessen weitere Spezifizierung in den letzten 10 Jahren eingebettet in die aktuelle Debatte zur Dynamisierung geschlechtlicher und sexueller Subjektivität unter poststrukturalistischer Perspektive sowie Ihre diesbezüglichen Überlegungen zum Verhältnis von Theorie und Empirie.
    Konkrete Fragen könnten weiterhin z.B. sein: Würden Sie Ihr Konzept von Geschlecht als hegemonialer Diskurs und gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise auf die Kategorie Sexualität oder auf die von Subjekt/Subjektivität übertragen? Welche Unterschiede würden Sie gegebenenfalls in Bezug auf die Kategorien Geschlecht und Sexualität machen? Worin sehen Sie die Praxisrelevanz Ihres Konzepts für die Felder der pädagogischen und psychosozialen Arbeit? Welche Herausforderungen sehen Sie für die weitere Forschung und gesellschaftliche Vermittlung zu geschlechtlichen und sexuellen Selbstverständnissen/Selbstverhältnissen?

    Kurzvita: Prof. Dr. Andrea Maihofer ist Professorin für Gender Studies an der Universität Basel und Leiterin des Zentrums Gender Studies; sie hat in Philosophie promoviert und in Soziologie habilitiert. Ab 1995 war sie mehrere Jahre Vertretungsprofessorin an verschiedenen Universitäten, insbesondere zweieinhalb Jahre in Erfurt; seit 2002 Leiterin des Graduiertenkollegs Wissenschaft Geschlecht Symbolische Ordnung an der Universität Basel; seit 2003 Vizepräsidentin des Centrums für Familienwissenschaften (CFW) in Basel und Vorsitzende der Gender-Kommission der KOFRAH/CODEFUHES (Konferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Schweizer Universitäten und Hochschulen).
    Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Geschlechterforschung, Sozialisation sowie Rechts- und Moraltheorie; derzeitiger Forschungsschwerpunkt ist die Frage des aktuellen gesellschaftlichen Wandels und seine Bedeutung für die Geschlechterverhältnisse, zentral sind dabei die Veränderungen der Familie, der beruflichen Anforderunsprofile, der Identitätskonzepte und Subjektivierungsformen einschliesslich der Entwicklung neuer Körperpraxen.
    Publikationen:
    Neben zahlreichen Publikationen in Zeitschriften und Sammelbänden erschien 1992 das Buch "Das Recht bei Marx. Zur dialektischen Struktur von Gerechtigkeit, Menschenrechten und Recht" (Baden-Baden) und
    1995 "Geschlecht als Existenzweise. Macht, Moral, Recht und Geschlechterdifferenz" (Frankfurt),
    zuletzt Maihofer, Andrea (2003): Von der Frauen- zur Geschlechterforschung. Modischer Trend oder bedeutsamer Perspektivenwechsel? In: Widerspruch 44/2003 Feminismus, Gender, Geschlecht, S. 135-146.

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  • Peter Ebel
    Prozesse vielfältiger Lebensweisen und deren Relevanzen im Kontext systemischer Beratung, Psychotherapie und Supervision

    Welche Geschichten wurden und werden in Familien und Freundschaftssystemen, in der Schule, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, über Männer erzählt, die früher eine Frau geliebt, mit mehreren Intimität erlebt und gelebt haben, als Vater ihre Kinder lieben und mit ihrem Partner zusammenleben? Wie und wo wurde und wird über eine Frau gesprochen, die eine Frau liebt, sich ein Kind wünscht und in der Triade von Frau Frau Kind leben möchte? Welche Vorbilder für vielfältige Lebensweisen gibt es in den eigenen Herkunftsfamilien? Welche inneren Bilder von Lebensweisen konstruieren Menschen in der Zirkularität von Denken, Beobachten und Bedeutungsgebung? Wie reagieren Menschen auf ihre individuelle Abbildung gesellschaftlicher Realitäten? Welche Regeln steuern das Verhalten von Männern und Frauen in welchen Systemen?
    Welche Möglichkeiten bieten systemische Beratungs- und Therapieprozesse für das Erkennen von Strukturen und Mustern, die Hinweise auf Auslassungen, Unvereinbarkeiten, Ausgrenzungen und Widersprüche geben? Welche Sprache, welches Sprechen transportieren Möglichkeitsräume und welche werden implizit wie explizit negiert? Auf dem Hintergrund systemischen Denkens, das ein allgemeines wissenschaftliches Paradigma kennzeichnet - heterogene Theorieansätze umfasst, die einen nichtreduktionistischen Umgang mit Komplexität gemeinsam haben, werden diese und andere Fragen mittels systemischer Techniken im Workshop reflektiert und Ressourcen für das Entwickeln einer professionellen Haltung zugänglich gemacht. Der Fokus wird auf den Zusammenhang von Wertschätzung, bezogen auf den Wert eines Menschen, des Lebens an sich und der eigenen inneren Entwerter und Entwerterinnen gerichtet werden. Dieses soll ermöglicht werden mit systemischen Fragetechniken, mit der Genogrammarbeit, mit den Aufstellungen von Beziehungen, der Arbeit mit Wahrnehmungspositionen und der Technik des Reframing. Das Umdeuten von Inhalt, Bedeutung und Kontext bietet die Möglichkeit zur Dekonstruktion von Beobachtungen und Geschichten, blendet Ausgeblendetes wieder ein, führt das Ausgegrenzte, im Sinne von Jacques Derrida, wieder ans Licht. Im Workshop werden sowohl offene als auch verdeckte Arbeitsweisen angeboten, um die zu erwartenden Wünsche nach Schutz und Vertraulichkeit angemessen würdigen zu können.

    Kurzvita:
    Peter Ebel, Jahrgang 1960, Psychotherapeut (ECP), Systemische Therapie ( SG), Klientenzentrierte Psychotherapie (GwG), approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Systemischer Supervisor (SG, DGSv) und Sozialwissenschaftler, arbeitet in freier systemischer Praxis mit Einzelnen und Familien, bietet Aufstellungen für Paare vielfältiger Lebensweisen an, ist Lehrender Supervisor in der Systemischen Gesellschaft (SG) und Mitglied des Teams im IST - Institut für Systemische Therapie GmbH, Berlin.
    Publikation: Systemische Gruppentherapie: M. Schimpf, B. Börsch, H. Stahl, P. Ebel. In: Ich Du Wir. Systemische Arbeit in und mit Gruppen. J. Hargens, H. Molter. Borgmann. 2003.

 

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  • Sabine Fabach
    Über das Ende von Zweidimensionalität und Verlässlichkeit
    Herausforderungen an psychosoziale Beratung und Therapie

    Die vertrauten Dualitäten von Frau-Mann, Hetero-Homo verlieren ihre Gültigkeit, neue Dimensionen des sich selbst Definierens entwickeln sich.
    Gender, Sex, Sexualität und Identität beginnen sich aus vorgefertigten Schablonen zu lösen und geraten dabei in Konflikt mit den vertrauten Bildern und Orientierungen. Aber auch das scheinbare "everythings goes" kann zur neuen Vorschreibungen und Normen führen und somit die Lebenspraxis weit verfehlen.
    Doch wie und was genau bewirken nun diese neuen Dimensionen und: wie könnte die Geschichte des "Was bin ich" neu erzählt werden? Wie lassen sich all diese schönen neuen Möglichkeiten in die gelebte Praxis umsetzen? Und wie lässt sich der vermutlich entstehende Konflikt mit den Grundbedürfnissen nach Verlässlichkeit und Sicherheit (im Selbst wie auch in der Umwelt) austragen? Dieser neue Freiraum im Denken und Erleben verlangt auch im beraterischen und therapeutischen Feld eine neue Offenheit, die erst eingeübt werden muss, und vielleicht auch eine neue Unterstützungskompetenz, die erst entwickelt werden müsste.
    Dieser Workshop will eine Reise in die vielen Dimensionen des geschlechtlichen und sexuellen Seins wagen und neben den neuen Potenzialen und Möglichkeiten auch den Ballast und die Stolpersteine entdecken, die den Weg so spannend machen. Nach einem Impulsvortrag über meine praktischen Erfahrungen in der Beratungsarbeit möchte ich mit den TeilnehmerInnen in Kleingruppen-Arbeit, Rollenspielen und Diskussionen die persönlichen Grenzen und Potentiale spürbar machen und gemeinsam erarbeiten, welche Auswirkungen diese Auflösung der Zweidimensionalität auf beraterische Tätigkeit hat.

    Kurzvita:
    Maga. Sabine Fabach, Psychotherapeutin, Supervisorin, Psychologin, Mitbegründerin der "Frauensache", Institut für frauenspezifische Psychotherapie, Supervision, Coaching und Weiterbildung; langjährige Beratungserfahrung im Lesbisch/Schwul/Bi/Transsexuellen Bereich.
    Publikationen:
    Fabach, Sabine: Homophobie und Identität II: Psychologische Perspektiven. In: Barbara Hey, Ronald Pallier, Roswith Roth (Hrsg). Que(e)rdenken: Weibliche/männliche Homosexualität und Wissenschaft. Studien Verlag, Innsbruck 1997.
    Fabach, Sabine: Sexuelle und sexualisierte Gewalt zwischen Lesben. In: Michi Ebner, Claudie Goutrie, Maria Neuwald, et.al (Hrsg). Entscheidend einschneidend. Mit Gewalt unter Frauen in lesbischen und feministischen Zusammenhängen umgehen. Milena Verlag, Wien 2001

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  • Olaf Stuve
    An welcher Gruppe wollt ihr teilnehmen: an der Mädchen- oder der Jungengruppe?- Grenzverwischungen in der ausserschulischen Jugendarbeit 

    Ausserschulische Jugendbildung hat Privilegien: Sie kann häufig viel weiter gehen als schulische Arbeit nur denken kann. Gleichzeitig ist sie nicht so erfolgsorientiert wie die Jugendsozialarbeit. Daher kann oder muss in ihr die grenzüberschreitende (?)Frage nach der geschlechtlichen und sexuellen Zuordnung auch schon mal konkret gestellt werden. Zugleich sollte sie nur die Fragen stellen, die in der Wirklichkeit der Jugendlichen auftauchen - sonst wird gar nichts angestossen.
    Diese Überlegungen sind der Ausgangspunkt für einen Überblick über den Einzug grenzüberschreitender (?) Überlegungen bezüglich Geschlecht (da gibt es schon einiges) und Sexualität (da gibt es noch nicht soviel) in den Kanon der Jugendhilfe wie der Jugendbildungsarbeit sein.
    Im zweiten Teil des Workshops stehen Übungen bezüglich der Biographisierung von Geschlecht und Sexualität sowie der Verstricktheit mit anderen gesellschaftlichen Hierarchisierungsverhältnissen. Diese werden gemeinsam erprobt und unter der Bezugnahme auf verschiedene Arbeitsfelder und Zielgruppen auf ihre Praktikabilität hin diskutiert. Durchgängig stelle ich Beispiele aus meiner Praxis der ausserschulischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen und PädagogInnen vor.

    Publikationen:
    Stuve, Olaf (2001): "Queer Theory" und Jungendarbeit. Versuch einer paradoxen Verbindung. In: Fritzsche, Bettina; Hartmann, Jutta; Schmidt, Andrea; Tervooren, Anja (Hg.): "Dekonstruktive Pädagogik. Erziehungswissenschaftliche Debatten unter poststrukturalistischen Perspektiven". Opladen; S. 281-294
    Stuve, Olaf (2004): Angriffe auf die Zweigeschlechtlichkeit. In: Birgit zur Nieden; Silke Veth (Hrsg.) 2004: "feminstisch - geschlechterreflektierend - queer? Perspektiven aus der Praxis politischer Bildungsarbeit. Reihe Rosa Luxemburg Stiftung. Berlin.

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  • Anne Thiemann
    Vielfalt bereichert. Diversity-Arbeit mit Kindern im Grundschul- und Mittelstufenalter mit Schwerpunkt sexuelle Vielfalt

    Die gesellschaftliche Pluralisierung hinsichtlich Lebensformen, ethnischem und kulturellem Hintergrund, Hautfarbe, sexueller Identität und Orientierung, Religion u.v.m. spiegelt sich in den pädagogischen Institutionen wider. Während sich das Bildungssystem, wie spätestens seit PISA nachgewiesen, im Verlauf nach oben homogenisiert, ist in vorschulischen Einrichtungen und Grundschulen ein breiter Querschnitt der Bevölkerung aufzufinden.
    Doch nicht alle Kinder können sich in den Unterrichtsinhalten, den Schulstrukturen und der Gestaltung der Räumlichkeiten wiederfinden, denn diese sind nach wie vor weitgehend an Werten und Normen der Mehrheitsgesellschaft orientiert. Die Folge ist, dass eine Vorstellung von normalem und richtigem Leben vermittelt wird, die für davon abweichende Erfahrungen und Lebenssituationen von Kindern keinen Raum lässt. Für viele Kinder bedeutet dies, dass ihre Familienkultur als unnormal oder falsch abgewertet und übergangen wird.
    Diese Praxis steht im Widerspruch zu unterschiedlichen menschenrechtlich festgelegten Ansprüchen. So ist im Übereinkommen über die Rechte des Kindes (die sog. Kinderkonvention) das Recht auf Bildung ohne jede Diskriminierung für alle Kinder festgelegt (Art. 28), welches sich u.a. auf die volle Entfaltung der eigenen Persönlichkeit richten und Kindern Achtung vor den eigenen Eltern, seiner kulturellen Identität, seiner Sprache etc. vermitteln (Art. 29) soll.
    Wie kann Schule den Kindern und ihren unterschiedlichen familiären und ethnisch-kulturellen Hintergründen gerechter werden? Im Rahmen des Workshops wird der in den USA und Südafrika entwickelte Anti-Bias-Ansatz skizziert, mit welchem in den Bereichen vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung gearbeitet wird. Exemplarisch soll das Konzept des Berliner Anti-Bias-Projekts KINDERWELTEN - vorurteilsbewusste Arbeit in Kindertageseinrichtungen vorgestellt werden, um darauf aufbauend Leitlinien für eine entsprechende Arbeit an Grundschulen zu entwickeln.
    Besonderes Augenmerk gilt dabei den inhaltlichen Schwerpunkten sexuelle Orientierung, Identität und Gender. Es werden Methoden/Übungen vorgestellt und gemeinsam erprobt, die vor allem in der Schulpraxis im Grundschul- und Mittelstufenbereich eingesetzt werden können.

    Kurzvita: Anne Thiemann, Jg. 1964, Dipl.Soz.Päd., Mediatorin, Anti-Bias-Trainerin; mehrjährige Tätigkeit in der Anti-Gewalt-Arbeit (Frauenhaus); Jugendbildungsreferentin bei KomBi Berlin Kommunikation und Bildung vom Anderen Ufer, Arbeit mit schulischen und ausserschulischen Kinder- und Jugendgruppen zu den Bereichen: sexuelle Orientierung, Identität und Gender; z.Zt. Masters-Absolventin Social Work as a Human Rights Profession, Tätigkeit am Deutschen Institut für Menschenrechte (Bereich Menschenrechtsbildung)

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  • Elisabeth Tuider
    Identitätskonstruktionen durchkreuzen. Queer Hybridität Differenz in der Sexualpädagogik

    Im Rahmen sexualpädagogischer Theorie- und Praxisarbeit wird mit einer Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass jeder Mensch in eine der Kategorien gehört: Frau oder Mann, Hetero oder Homo und (für die Unentschlossenen die Restkategorie: Bisexualität), MigrantIn oder EinheimischEr, behindert oder nicht-behindert. Die kausale Beziehung zwischen einem vermeintlich eindeutigem biologischem Körper, einer eindeutigen geschlechtlichen Identität und dem sexuellen Begehren des ïanderenï Geschlechts wird auch in der Definition von Sexualität zementiert. Dagegen betonen die theoretischen šberlegungen zu Queer, Hybridität und dem dritten Raum das Leben in der Schwebe zwischen verschiedenen Positionen, die Uneindeutigkeit und Vieldeutigkeit, die Vermischung und Kreuzung mehrerer Geschichten und Kontexte sowie das mühevolle Ringen um Vermittlung (vgl. Rodriguez 2001, 1999, Hall 2000a, 2000b, Bhabha 2000 und Bronfen 1997).
    Im Workshop soll es darum gehen, die eigenen pädagogischen Selbstverständlichkeiten vor der Existenz queerer und hybrider Lebensweisen zu reflektieren: inwieweit sind wir selbst in die bewusst-lose Aufrechterhaltung von Privilegien und in die Reproduktion von wertlos gewordenen Kategorisierungen verstrickt? Inwiefern stecken wir - in guter Absicht - diejenigen, deren Prozesse unterstützt werden sollen, d.h. die ïMädchenï, ïSchwulenï, ïLesbenï, ïAusländerInnenï, ïBehindertenï und ïAltenï selbst wieder in Schubladen, in denen sie sich aneinander angleichen müssen und stellen damit die Ausgrenzung des Uneindeutigen her? Anhand einiger didaktischer Beispiele und Filmausschnitte sollten Anregungen gegeben werden, die bisherige Pädagogik der Eindeutigkeit zugunsten einer Pädagogik der Vielfalt bzw. Verqueeren Pädagogik zu verlassen.

    Kurzvita: Elisabeth Tuider (Dr. phil.), 1973, Studium der Pädagogik und Psychologie an den Universitäten Wien, Stockholm, Uppsala, Hamburg und Kiel; Seit 2 Jahren Wiss. Assistentin an der Univ. Münster am Institut für Soziologie mit den Schwerpunkten: Feministische und Queer-Theory, Cultural- und Postkolonial-Theory, Transgenderthematiken, Lateinamerika-Studien; Ausserdem: 2. Vorsitzende des Vorstandes der Gesellschaft für Sexualpädagogik; Organisation der Film- und Vortragsreihe XYZ-Geschlechterzeichen ungelöst (Univ. Münster) und langjährige Mitarbeit in der AG LesBiSchwule Studien/Queer-Studies (Universität Hamburg)
    Publikationen:
    Tuider, Elisabeth: Menschen in Kartons. Sexualitäten und Geschlechter als postmoderne Eventualitäten, in: Heidel, Ulf; Micheler, Stefan;
    Tuider, Elisabeth (Hg.): Jenseits der Geschlechtergrenzen. Queer-Studies an der Universität Hamburg. Männerschwarm, Hamburg, 2001;
    Tuider, Elisabeth: Es ist eine Prinzessin! Sozialisationstheorie zwischen Habitus und Dekonstruktion. in: Timmermanns, Stefan; Tuider, Elisabeth; Sielert, Uwe (Hg.): Sexualpädagogik weiter denken. Postmoderne Entgrenzungen und pädagogische Orientierungsversuche. Juventa, Weinheim 2004;
    Kaltmeier, Olaf; Kastner, Jens Petz; Tuider, Elisabeth (Hg.): Neoliberalismus Autonomie Widerstand. Analyse Sozialer Bewegungen in Lateinamerika, Dampfboot Verlag, Münster, Herbst 2004

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  • Christian Klesse
    Poststrukturalistische Theorien als Herausforderung für empirische Praxisforschung: methodische Fragen in der Heteronormativitätsforschung

    Was sind die Auswirkungen eines positiven Bezuges auf postrukturalistische Theoriebildung für eine empirische Forschungspraxis in den Sozial- und Erziehungswissenschaften?
    In diesem Workshop werden wir einige der forschungsmethodischen und erkenntnistheoretischen Fragen verfolgen, die sich aus dem radikalen Bruch poststrukturalistischer Theorien mit vielen der paradigmatischen Annahmen eines herkömmlichen Wissenschaftsverständnisses ergeben. Ich werde diese Fragen anhand von einigen Beispielen aus einer Forschung über nicht-monogame schwule und bisexuelle Beziehungspraxen und Heteronormativität illustrieren, die ich in den Jahren 1997-2003 in Grossbritannien durchgeführt habe. Der Workshop ist so konzipiert, dass die darin behandelten Themen allerdings nicht nur für diejenigen relevant sind, die ein spezifisches Interesse an Heteronormativitätsforschung haben, sondern ist für alle offen, die sich über eine herrschaftskritische und nicht-heteronormative Forschungspraxis Gedanken machen wollen.
    In einem einleitenden Kurzvortrag werde ich die These darlegen, dass sich poststrukturalistisches theoretisches Verständnis seiner Tendenz nach gegen jeglichen Absolutismus in der Methodenfrage richtet. Poststrukturalistische Theorie ist einer multi-methodischen Forschungspraxis förderlich und bedarf einer auf Kontextualisierung zielenden Methodologie, der es gelingt, die gesellschaftliche und historische Spezifität der zu erforschenden Phänomene oder Prozesse zu erhellen. Letztendlich wird relevanter Wissensgewinn allerdings nicht durch einen isolierten Fokus auf die Frage der richtigen Anwendung richtiger Methoden erwartet, sondern baut auf einen intellektuellen Prozess, in dem im Idealfall theoretisches Verständnis, forschungsethische Sensibilität, methodische Praxis und Interpretation auf das Engste miteinander verknüpft sind. Kritischer Poststrukturalismus hat Identitäten dekonstruiert und gleichzeitig die Bedeutungskomplexe Macht und Differenz in den Vordergrund gerückt. Anhand einiger Beispiele aus meiner Forschungserfahrung und in kleineren Übungen werden wir diskutieren, welche Implikationen das für Methodenpraxis, Intersubjektivität in der Forschungsbeziehung und den erkenntnistheoretischen Status von Forschungswissen haben kann.

    Kurzvita: Christian Klesse (PhD); Sozialwissenschaftler; gegenwärtig Lehrbeauftragter für Gender Studies an der Universität Hamburg; Doktorant der Soziologie an der University of Essex, Colchester, GB (1997-2003); MA Gender and Ethnic Studies, University of Greenwich, London, GB (1995-1996); Magisterstudium der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (HF), Pädagogik, Politikwissenschaft (NF) und Journalismus (BF) an der Universität Hamburg (1989-1995); jahrelange Berufserfahrung in der Kinder- und Jugendarbeit; gegenwärtige Forschungsinteressen: Sexualitäten und Gender, Race/Ethnizität und Rassismus und Antisemitismus, soziale und kulturelle Identitäten, soziale Bewegungen, Methodik, kritische soziale Theorie.
    Publikationen:
    Klesse, Christian (2000) '"Modern Primitivism": Non-Mainstream Body Modification and Racialized Representation' in Mike Featherstone (ed.) Body Modification, London, Thousand Oaks, New Delhi: Sage: 15-39 (Wiederveröffentlichung)
    Klesse, Christian (1999) '"Modern Primitivism": Non-Mainstream Body Modification and Racialized Representation', Body & Society 5 (2-3): 15-38

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