Ingrid Tamerl
Das Holzfass in der römischen Antike mit einer Studie zu Fassfunden in Raetien
(Diplomarbeit Innsbruck 2008)

 

Fasswagen
Fasswagen aus Augsburg
Römisches Museum Augsburg

Diese von Univ.-Doz. Dr. W. Czysz betreute Diplomarbeit ist eine Auseinandersetzung mit dem Holzfass in der römischen Antike. Er ermöglichte mir, bislang unpublizierte Funde aus Aislingen, Oettingen i. Bay., Gablingen und Regensburg-Burgweinting vorzustellen. Ein weiterer Fund aus Pförring konnte aus zeitlichen Gründen nicht mehr vollständig berücksichtigt werden. Alle Fundorte liegen auf dem Gebiet der ehemaligen Provinz Raetien.
Ich stützte mich auf die dendrochronologischen Untersuchungen von F. Herzig, der mir dankenswerterweise seine Unterlagen zur Verfügung stellte.

Nach einer Klärung der antiken Terminologie und nach Befragung der antiken Schriftquellen, schien es angezeigt, zu Beginn auf einige allgemeine Gesichtspunkte einzugehen. Dabei kamen Inhalt, Verwendung und Größe, das Fassbinderhandwerk mit seinen spezifischen Werkzeugen und die Holzarten im Fassbau zur Sprache. Bis jetzt fehlen eindeutige Belege, die ein bestimmtes Volk als Erfinder des Fasses ausweisen. Es ist aber festzuhalten, dass sich seit der Antike weder die Herstellungstechnik noch die verwendeten Werkzeuge wesentlich verändert haben. Die dominierenden Holzarten im antiken Fassbau waren jedoch Tanne und Fichte, während heute die Eiche bevorzugt wird. Auch die Fassreifen waren aus Holz. Dafür verwendete man weiche und elastische Holzarten wie Hasel, Esche, Weide oder Birke. Die Reifen wurden von einem sog. Reifenschloss zusammengehalten. Solche Objekte stammen beispielsweise aus Regensburg-Burgweinting (D) und Pförring (D).

Die Frage, was die antiken Fässer beinhaltet haben, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Es ist naheliegend, dass sie dem Transport oder der Lagerung von Wein dienten, aber auch Bier, Essig, Wasser, eingelegter Fisch, garum und feste Produkte wie Salz, Korn oder Oliven stehen zur Diskussion. Beläge auf den antiken Dauben sind sehr selten anzutreffen. Das Fass aus dem zweiten Brunnen in Regensburg-Burgweinting (Befund 3439) wies an der Innenseite der Dauben oberhalb der Bodennut einen hellbraunen Belag auf. Dieser kann aufgrund seiner Lage nur vom ehemaligen Fassinhalt stammen, die Untersuchung im Labor erbrachte aber keine eindeutigen Ergebnisse.

Bei den meisten Fassfunden handelt es sich um ausrangierte Holzbehälter. Diese fanden als Auskleidung von Brunnenschächten Verwendung und blieben wegen der ausreichenden Feuchtigkeit im Boden erhalten. Bei tieferen Schächten wurden oft mehrere Fässer übereinander gestellt, um die gewünschte Höhe zu erreichen. Naturgemäß kamen für diese Art der Zweitverwendung nur Großfässer mit einer Mindestlänge von 1,5 m in Frage, und es könnte der Eindruck entstehen, dass es in der Antike nur große Fässer gegeben hat. Aber andere Funde und die Bildquellen zeigen, dass neben den großen auch mittlere und kleinere Fässer benutzt wurden. Die kleinen Fässer sind aber im Vergleich mit den Großfässern seltener erhalten. Die Größe der Fässer – der Fassbinder spricht von Länge – liegt zwischen 30 und 200 cm.

Die neuen Funde aus Aislingen, Oettingen i. Bay., Gablingen und Regensburg-Burgweinting fügen sich gut in das bisher bekannte Wissen ein. Bis auf den Fund von Aislingen – hier liegt eine Kombination aus Tanne und Fichte vor – wurden diese Fässer aus Tannenholz gefertigt.
Es gab zwar keine Inschriften, dafür aber stellt der gute Erhaltungszustand von Dauben, von zahlreichen Reifenteilen und Fragmenten von Reifenschlössern eine Besonderheit dar.

In einem weiteren Schritt werden die Fässer aus Raetien in den größeren Zusammenhang der Funde im gesamten römischen Imperium gestellt. Dabei ging es auch um die Forschungslage und die Auseinandersetzung mit der Literatur. Erste Anstöße zur eigentlichen Erforschung römischer Holzfässer gab G. Ulbert 1959. Er zeichnete den Weg vor, indem er erste Überlegungen anstellte und eine Fundkarte veröffentlichte. Diesen Anregungen folgten die Autoren G. Baratta, A. Desbat und É. Marlière (s. Literaturangaben am Ende), deren Thesen und Fragestellungen in meiner Diplomarbeit ausführlich erörtert werden.

Die Fassinschriften, die innen oder außen an Dauben oder Böden mit verschiedenen Werkzeugen angebracht wurden, stellen ein besonders interessantes Forschungsgebiet dar. Die Inschriften lassen sich einerseits nach der Anbringungsart (Brennmarken, Schlagstempel, Ritzinschriften und Pinselaufschriften) und andererseits nach der Interpretation bzw. Deutung in Gruppen unterteilen. Während Stempel und Pinselaufschriften der Amphoren Rückschlüsse auf Herkunft, Produzent, Inhalt und Zeitstellung zulassen, geben die Inschriften auf Fässern in dieser Hinsicht nur vage Auskünfte.

Was die Primärnutzung von Fässern betrifft, so sind die Bildquellen aufschlussreicher als die Holzfunde. Diesen zahlreichen Fassdarstellungen ist ebenfalls ein Kapitel gewidmet. Der Darstellungskontext erlaubt eine Einteilung in verschiedene Themengruppen. Die Darstellungsfreude der Römer stellt ein vielseitiges Material bereit, das Einblick gewährt in zahlreiche alltägliche Situationen, in denen Fässer zum Einsatz kamen. Bei der Weinlese, im Transportwesen (Abb. 1), in Geschäften und Schenken und bei Kriegsvorbereitungen ist das Fass ein oft dargestelltes Requisit. Es taucht auch im religiösen Bereich auf, z. B. als Attribut des Gottes Sucellus oder als Grabmonument (Cupa-Grab).

Moselschiff
„Moselschiff von Neumagen“
Abguss in Trier (Original Rheinisches Landesmuseum Trier)

Stellt man die Verbreitung der Fassfunde jener der Fassdarstellungen gegenüber, so erkennt man Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Die Fundorte von Fässern konzentrieren sich auf Britannien, Gallien und Germanien, und es gibt durchaus auch Belege für Pannonien, Noricum und Raetien, während in Spanien, Portugal und Italien (mit der Ausnahme von Grado) keine Fassfunde vorliegen. Die bildlichen Darstellungen verteilen sich im wesentlichen über dieselben Gebiete, sie sind aber – und das ist der Unterschied – auch in Italien und auf der iberischen Halbinsel vertreten. Die große Zahl von Fassdarstellungen in letztgenanntem Bereich erklärt sich durch die hohe Dichte der hier gefundenen Cupa-Gräber, wo ein aus dem Stein gemeißeltes Fass den Grabstein bildet.

Meine Arbeit enthält aktualisierte Kataloge sowohl der bis 2008 gemachten Funde als auch sämtlicher bekannter Fassdarstellungen, die erstmals nach ihrem Inhalt geordnet wurden.

Die Gegenüberstellung von Fassfunden und Bildquellen lässt auch Vergleiche bezüglich der Datierung zu. Der größte Anteil der Fassfunde entfällt auf das 1. Jh. v. und das 1. Jh. n. Chr., in der Zeit danach nehmen die Fassfunde deutlich ab. Die meisten bildlichen Darstellungen von Fässern treten vor allem im 2. und 3. Jh. n. Chr. auf.

Obwohl das Fass ein sehr alltäglicher Gebrauchsgegenstand ist, so kommt man nicht umhin, dem handwerklichen Geschick der antiken Fassbinder die größte Hochachtung entgegenzubringen. Es ist zu bedauern, dass die Holzfässer im Laufe des 20. Jh. durch Behälter aus Stahl und Plastik ersetzt worden sind und dass somit ein jahrhundertealtes Handwerk allmählich in Vergessenheit gerät.

Literatur:
G. Baratta, Circa Alpes Ligneis Vasis Condunt Circulisque Cingunt. Archeologia Classica XLVI, 1994, 233-260
A. Desbat, Un bouchon de bois du premier s. après J.-C. recueilli dans la Saône à Lyon et la question du tonneau à l’époque romaine. Gallia 48, 1991, 319-336
A. Desbat, Le tonneau antique. Questions techniques et problème d’origine. In:   D.Meeks/D.Garcia (Hrsg.), Techniques et économie antiques et médiévales. Le temps de l’innovation. Colloque International Aix-en-Provence 1996 (Paris 1997) 113-120
É. Marlière, L’outre et le tonneau dans l’Occident romain. Monographies Instrumentum 22 (Montagnac 2002)
G. Ulbert, Römische Holzfässer aus Regensburg. BVbl. 24, 1959, 6-29

Bestand: Universitäts- und Landesbibliothek Innsbruck DG43696

Kontakt: Ingrid Tamerl



Für den Inhalt verantwortlich: die Verfasserinnen und Verfasser der jeweiligen Arbeiten
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2003

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