Julia Polleres
Eine römische Ansiedlung mit Mithräum in Königsbrunn,
Landkr. Augsburg
(Diplomarbeit 1999)

Einleitung

Die obengenannte Fundstelle wurde im Zuge von Bauarbeiten für den neuen katholischen Friedhof von Königsbrunn 1975 entdeckt. Sie befindet sich westlich von Königsbrunn und etwa 1300 Meter westlich der Via Claudia.In den Jahren 1976 und 1977 wurde in der römischen Ansiedlung in Königsbrunn insgesamt fünf Monate gegraben. Dabei konnten 8 Gebäude untersucht werden.

Die einzelnen Gebäude

Bei Gebäude 1 handelt es sich um einen gemauerten Keller, der wohl ursprünglich einen Holzboden hatte. In den Kellerraum führten mehrere Holzstufen. Mangels eines Befundes kann keine Aussage über den Charakter des sich darüber befindlichen Gebäudes gemacht werden. Im Treppenbereich des Kellers fanden sich zahlreich bemalte Wandputzfragmente sowie Estrichstücke zweier verschiedener Stärken. Es ist ebenfalls unklar, aus welchem Wohngebäude sie stammen.
Gebäude 2 mit seinen geringen Ausmaßen von 4,6 x 3,9 Metern war mit einer Hypocaustheizung und einem Estrich ausgestattet.
Gebäude 3 ist etwas größer. Es hatte wohl zwei Räume, einer davon mit Hypokaustum und Estrich, einer ohne. In den beiden letztgenannten Gebäuden wurde bemalter Wandputz gefunden.
Auch Gebäude 4 hatte dieselbe Ausstattung. Das südlich davon gelegene ältere Bauwerk (4a) besitzt nur einen Estrich, jedoch kein Hypokaustum.
Schwierig ist die Deutung für diese sehr kleinen beheizbaren Räume mit Estrich. Um Darren kann es sich aufgrund des Estrichs nicht handeln. Eine mögliche Deutung wäre die als Badegebäude. Einräumige beheizte Wohnräume sind bisher nicht nachgewiesen. Denkbar wäre eventuell noch eine gewerbliche Nutzung.
Gebäude 6 ist mit den Außenmaßen von 17,4 x 11,45 Metern das größte. Es handelt sich um einen Steinbau. Ein Estrich hat sich nur im NO-Eck erhalten. Aus dem Inneren stammen nur wenige Wandputzfragmente. Auffallend sind die Mauerverstärkungen bzw. Pfeilerfundamente an der West- und Ostmauer (bei der Ostmauer an der Aussenseite, an der Westmauer an der Innenseite). Die Wandverstärkungen sprechen für eine mögliche Zweistöckigkeit. In der West- bzw. Ostmauer befand sich je eine 30 cm breite Lücke. Diese Öffnungen sind auf jeden Fall zu schmal für Eingänge, geschweige denn für Einfahrten. Vielleicht handelt es sich um einen Wirtschaftsbau, evtl. einen Speicher, der teilweise auch bewohnt war. Leider haben sich aber keine Spuren von etwaigen Trennwänden im Inneren des Gebäudes erhalten.
Gebäude 7 ist sehr schlecht erhalten. Es gab nur noch spärliche Mauerreste aus einzelnen Tuffsteinen erhalten. An der SO-Ecke schließt an das Gebäude eine 50 cm breite Mauer an, die fast 5 Meter nach Osten reicht. Bei diesem Bau handelt es sich ziemlich sicher um kein Wohngebäude, sondern um ein Wirtschaftsgebäude.
Gebäude 8 ist ein holzverschalter Erdkeller. Im Osten lag der ursprüngliche Eingang, zudem man über fünf hölzerne Stufen gelangte. Auch der Kellerboden bestand aus Holz. Von einem darüberliegenden Gebäude konnte nichts mehr nachgewiesen werden.


Abb.1: Gesamtfoto Königsbrunn


Abb.3: Gesamtplan, Königsbrunn.


Das Mithräum (Gebäude 5)

Dieses West-Ost orientierte Gebäude mit den Aussenmaßen von 9,8 x 9,1 Metern kam ganz im Südosten des Grabungsgeländes zum Vorschein. Es ist das einzige, das aufgrund seiner Form in seiner Funktion fast sicher als Mithrasheiligtum angesprochen werden kann. Insgesamt hat es 6 Räume. Der Eingangsbereich (R1) befindet sich im Norden. Dieser besitzt ebenso wie der Mittelraum (R4) einen Estrichboden. Im Mittelraum fanden sich zahlreiche Fragmente von farbigem Wandputz, ausschließlich mit geometrischen Motiven. Im Raum 4 mit den Maßen von 7,3 x 2,25 Metern wurden insgesamt 96 Münzen gefunden. Im Norden bzw. Süden schließen zwei sehr schmale und längliche Räume (R II und VI) an. Am Westende des Gebäudes springt deutlich Raum III aus der Front hervor, der ebenfalls bemalt war. Er weist zum Mittelraum einen Niveauunterschied von 60 cm auf.
Für eine Interpretation des Bauwerks als Mithräum spricht vieles. Der so typische Grundriß ist hier eindeutig festzustellen. Raum IV ist als eigentlicher Kultraum (speläum) anzusprechen, Raum II und VI als Podien oder Bänke, Raum III als Apsis oder exedra, wo ursprünglich das Kultbild stand. Die weiteren Räume könnten als apparatorium gedient haben, wo die Kultgefäße verwahrt und die Kultmahlzeiten vorbereitet wurden.
Im vorliegenden Fall fehlt das Kultbild. Auch an anderen Orten reicht für die Deutung als Mithrastempel der charakterische Grundriß aus wie z.B. in Saarbrücken, in Nida-Heddernheim (Mithräum 4) oder in Riegel. Das völlige Fehlen des Kultbildes kann auf eine planmäßige Räumung hindeuten.
Unter den Funden aus Gebäude 5 in Königsbrunn fällt besonders eine Häufung von kugeligen Sigillatabechern der Form Drag. 54 oder Niederbieber 24a auf. Dieses Phänomen kennt man auch aus Pons Aeni oder Zillis. Diese Gefäßform ist in Siedlungsschichten sehr selten. Sie diente wahrscheinlich eher kultischen Zwecken. Der Fund einer eisernen Pfeilspitze könnte evtl. als Beleg für das Ritual des dritten Weihegrades, nämlich den des miles (Soldaten), hinweisen. Ein Schleifstein steht wohl in Zusammenhang mit Tieropfern im Rahmen des Kultes. Die 96 Münzen aus Gebäude 5 waren fast alle im Mittelraum IV verstreut. Auffallend ist, daß die Masse der Münzen aus dem 4. Jh. stammt, wobei die Münzreihe mit einer Prägung des Gratianus (367/75) endet. Größere aber auch kleinere Münzreihen kennt man aus vielen Mithräen, wobei sie bevorzugt im eigentlichen Kultraum verstreut lagen.


Abb. 3: Mithräum, Königsbrunn.

Zur Deutung und Entwicklung der Gesamtanlage

Villa oder Straßenstation?

Sowohl eine Deutung als Villa aber auch als Straßenstation wurden schon in Erwägung gezogen. Das Problem bleibt immer das fehlende Hauptgebäude. Ungewöhnlich für eine Villa erschien der Charakter der Gebäude 2,3 und 4 (alle mit Estrich und Hypocaustum), bei denen es ich keine Wirtschaftsbauten handeln kann. Einräumige Wohnbauten oder Bäder sind bisher noch nicht nachgewiesen. Nebenwohngebäude sind normalerweise viel größer und mehrräumig. Ein Mithräum innerhalb der Anlage spricht nicht gegen eine Villa. Man kennt Villen mit Mithräum aus Mundelsheim (Baden-Württemberg), Rockenhausen oder Orbe-Boscéaz (Schweiz). Es gibt aber auch eine Straßenstation mit Mithräum: z.B. in Immurium (Moosham). Die römische Ansiedlung in Königsbrunn liegt ca. 1300 m westlich der Via Claudia, also nicht mehr in der direkten Nähe der Fernstraße. Dieser Umstand erscheint eher ungewöhnlich für eine Mansio.

Gräberfeld und Zufahrtsstraße

Das Gräberfeld zur römischen Ansiedlung wurde 1986 im Zuge der Anlage der neuen Wertachstraße entdeckt. Es handelt sich dabei um ca. 40 Brandgräber, die in drei Gruppen angelegt sind. Die Gräbergruppen befinden sich nur ca. 60 m östlich der Siedlung.1985 wurde im Bereich eines frühbronzezeitlichen Gräberfeldes im Luftbild eine römische Stichstraße erkennbar. Dieser Feldweg von ca. 5 m Breite war die Verbindung der Siedlungsstelle mit der Via Claudia.

Die zeitliche Entwicklung anhand der Funde

Die Gründung der Anlag fällt in flavische Zeit, da die frühesten Funde (südgallische Reliefsigillata, Drag. 15/17, 1 Schälchen Lyoner Ware vom Typ Hofheim 22 sowie eine kräftig profilierte Fibel vom Typ Almgren 68), dementsprechend datieren. Der Schwerpunkt der Siedlungstätigkeit fällt ins gesamte 2. und auch noch ins 3. Jh. Gebäude 4 bzw. 4a deutet auf eine Mehrphasigkeit hin, denn hier wurden die späteste Rheinzaberner Reliefsigillata, späte glatte Sigillataformen, rheinische Becher, die aus Gallien importierte céramique métallescente sowie ein muschelförmiger Pferdegeschirrbeschlag (250-280) gefunden. Es ist davon auszugehen, daß Gebäude 4 und das 1998 neu entdeckten Gebäude nördlich des städtischen Friedhofs, in dessen Bereich eine Zwiebelknopffibel und eine Münze des Maximinus II Daia gefunden wurden, die jüngsten Bauwerke der Anlage darstellen.
Möglicherweise hat sich die Besiedlung im 4. Jh. in einen anderen Teil der Anlage verlagert. Jedoch wäre zumindest das Mithräum bis ins dritte Viertel des 4. Jhs. in Benützung gestanden. Die Funde und Befunde des Jahres 1998 zeigen, daß die römische Ansiedlung in Königsbrunn sich sowohl weiter nach Norden als auch nach Süden weiter ausdehnt. Es handelt sich um eine äußerst großräumige Anlage mit einer zeitlichen Benutzung vom letzen Viertel des 1. Jhs. bis zum dritten Viertel des 4. Jhs., dessen Hauptgebäude noch auf die Entdeckung wartet. Weitere geplante Grabungen im Norden des Friedhofs könnten neue Erkenntnisse zu ungeklärten Fragen bringen.

Literatur:
B. Overbeck, Münzfunde aus der römischen Villa von Königsbrunn, Ldkr. Augsburg, in: J. Bellot / W. Czysz / G. Krahe, Forschungen zur Provinzialrömischen Archäologie in Bayerisch-Schwaben. Schwäbische Geschichtsquellen und Forschungen 14 (Augsburg 1985) 281 ff.
W. Czysz, Das Umland von Augsburg in der römischen Kaiserzeit. In: W. Pötzl / O. Schneider (Hrsg.), Vor- und Frühgeschichte, Archäologie einer Landschaft. Der Landkreis Augsburg 2 (Augsburg 1996) 203 ff.

Publikation:
J. Polleres, Eine römische Ansiedlung mit Mithräum in Königsbrunn, Landkreis Augsburg, Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 95, 200, 7-26.



Bestand: Universitätsbibliothek Innsbruck, Sign.: DG31615

Kontakt: Julia.Polleres@uibk.ac.at



Für den Inhalt verantwortlich: die Verfasserinnen und Verfasser der jeweiligen Arbeiten
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2003

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