Faire Löhne machen sich bezahlt

Wer sich unterbezahlt fühlt, erbringt weniger Leistung als jemand der sich adäquat entlohnt fühlt. Was bisher nur vermutet wurde, konnte der renommierte Schweizer Ökonom Ernst Fehr in Labor- und Feldstudien wissenschaftlich nachweisen. Bei der 27. Böhm-Bawerk-Vorlesung an der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik trug er die Ergebnisse seiner langjährigen Untersuchungen vor.
Der Schweizer Ökonom Ernst Fehr hielt die 27. Böhm-Bawerk-Vorlesung an der Universität Innsbruck.
Bild: Der Schweizer Ökonom Ernst Fehr hielt die 27. Böhm-Bawerk-Vorlesung an der Universität Innsbruck.

Die Fair-Wage-Hypothese geht von der Vermutung aus, dass ein Arbeitnehmer, der für seine Arbeitsleistung fair oder überdurchschnittlich bezahlt wird, auch mehr Arbeitsleistung erbringt. Prof. Ernst Fehr von der Universität Zürich konnte die positiven Beziehungen zwischen Lohn und Arbeitsleistung  durch Laborexperimente und Feldstudien wissenschaftlich bestätigen und genauer beschreiben. Seine zahlreichen Arbeiten zeigen unter anderem, dass mehr Geld nur unter bestimmten Voraussetzungen zu mehr Motivation führt, Lohnkürzungen aber nahezu immer in einen nennenswerten Rückgang des Outputs münden. Außerdem leisten – statistisch betrachtet – all jene, die weniger verdienen als den marktüblichen Lohn, weniger als die adäquat Entlohnten.

 

Laborexperimente machen Feldstudien verständlicher

Fehrs Beobachtungen gründeten zunächst auf Laborexperimenten – sogenannten gift-exchange games. Dabei kann eine Firma einem Arbeitnehmer einen bestimmten Lohn anbieten, worauf der Arbeitnehmer seine Arbeitsleistung festlegen muss. Fehr hat durch seine Experimente herausgefunden, dass hohe Lohnangebote eindeutig zu höheren Arbeitsleistungen führen, selbst wenn die Vertragsbeziehung zwischen Firmen und Arbeitnehmern bald endet. In einer groß angelegten Feldstudie in der Schweiz konnte er die dort gewonnenen Erkenntnisse beweisen.

Im Rahmen seiner Vorlesung an der Universität Innsbruck betonte der Professor für Empirische Wirtschaftsforschung mehrmals die Bedeutung von Laborexperimenten. Mit deren Hilfe  könne man die Reaktion von Arbeitnehmern auf Lohnerhöhungen detaillierter ergründen und besser verstehen. Ausschlaggebend für die Wirkung einer Lohnerhöhung sei nämlich beispielsweise auch die grundlegende soziale Einstellung des Arbeitnehmers, die nur im Labor eindeutig identifizierbar sei. Je nachdem, ob ein Arbeitnehmer ein fairer oder ein egoistischer Typ ist, reagiert er anders auf eine Lohnerhöhung. Am meisten bringt eine Lohnerhöhung laut Fehrs Untersuchungen bei fairen Arbeitnehmern, die sich unterbezahlt fühlen. Auf mehr Geld reagieren sie mit mehr Arbeitsleistung. Bei den egoistischen hingegen erzielt man mit höheren Löhnen generell kaum mehr Output.

 

Pionier auf dem Gebiet der Neuroeconomics

Ernst Fehr ist seit 1994 Professor für Empirische Wirtschaftforschung an der Universität Zürich; seit 2003 ist er zudem Faculty Member am Department of Economics des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er gehört zu den führenden Vertretern einer jungen Bewegung unter Ökonomen, die sich genauer mit menschlichem Entscheidungsverhalten befassen. Fehr zählt zu den Pionieren im relativ neuen Forschungsfeld der Neuroeconomics, indem er Methoden der experimentellen Wirtschaftsforschung mit biologischen und neurowissenschaftlichen Verfahren kombiniert. Für seine Arbeiten erhielt Fehr schon zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Marcel-Benoist-Preis 2008.

 

Böhm-Bawerk-Vorlesungen

Die Vorlesungsreihe wurde zu Ehren des bekannten Ökonomen Eugen Böhm Ritter von Bawerk (1851 – 1914), der von 1880 bis 1889 an der Universität Innsbruck lehrte, initiiert.

 

(ef)