Nearshore und Offshore - ein Erfahrungsbericht

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Software Circle Tirol berichtete Mag. Robin Hengl am transIT über die Nearshore-Erfahrungen seiner IT-Firma.
Mag. Robin Hengl spricht über seine Erfahrungen mit Nearshoring und Offshoring.
Bild: Mag. Robin Hengl spricht über seine Erfahrungen mit Nearshoring und Offshoring.

Outsourcing - das Auslagern von Funktionen und Arbeitsschritten ins Ausland - bleibt populär: Der Markt wächst zwischen 5% und 10% jährlich. Aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit verlagern auch Tiroler IT-Unternehmen einzelne Arbeitsschritte ins Ausland. Dabei wird zwischen Offshoring – etwa nach Südostasien – und Nearshoring – die Auslagerung in nähere Regionen wie Osteuropa – unterschieden.

Robin Hengl berichtete über die Erfahrungen seiner IT-Firma, e-seal, mit diesem Thema: e-seal ist seit Ende der 90er Jahre im Bereich der Softwareentwicklung tätig und auf Business Anwendungen spezialisiert. Anfangs mitgerissen vom IT-Boom, bekam das Unternehmen aber die nach und nach einsetzende Flaute zu spüren. Die zusätzlich aufkommende Konkurrenz aus osteuropäischen Ländern wie Tschechien und Rumänien – deren Angebote aufgrund des niedrigen Lohnniveaus kaum zu unterbieten waren – bewegten dazu, Teile der Programmierung auszulagern.

Großes Potential – und aufwändige Strukturanpassungen

Das kolportierte Einsparungspotential liegt bei bis zu 70%, tatsächlich ist es wohl geringer. Qualifizierte und hoch motivierte Informatiker drängen auch in Osteuropa auf den Arbeitsmarkt. In der IT-Branche werden in Offshoring oder Nearshoring Ländern höchste Löhne bezahlt, die Tätigkeit wird als Chance für den sozialen Aufstieg gesehen. „Ein guter Programmierer kann das Zehnfache einer Sekretärin verdienen”, so erzählt Hengl. Zudem ist Outsourcing mit höherer Flexibilität verbunden – zugekauft wird je nach Bedarf.

Doch der Einsatz entfernter Ressourcen ist nicht ohne Risiko und bringt auch einen enormen Dokumentations- und Kommunikationsaufwand mit sich. Nur ein stark formalisierter Entwicklungsprozess und eine detaillierte Projektplanung können die Risiken abmildern. Outsourcing in Offshore- oder Nearshoreländer will gelernt sein. Neben Source Code-Verwaltung, Änderungsmanagement und Collaboration Tools stellen klare Guidelines sicher, dass der Code für alle Beteiligten nachvollziehbar bleibt. „Der Prozess der Softwareentwicklung ändert sich vollständig”, berichtet Hengl. Die Herstellung der Kontakte und die Umstellung des Entwicklungsprozesses bringen einen enormen Initialaufwand mit sich – beim ersten Projekt sind Startschwierigkeiten unumgänglich.

Kulturelle Faktoren unterschätzt

„Die kulturellen Eigenheiten werden meist unterschätzt”, erzählt Robin Hengl. Neben der Sprachbarriere bestehen durchaus auch kulturelle Differenzen, Hengl berichtet am Beispiel Rumänien von geringer Firmenloyalität, der Wichtigkeit von Prestige und Titel, dem hohen Stellenwert der Nationalität und südländischen Umgangsformen.

e-seal setzt heute in der Softwareentwicklung auf gemischte Teams. „Unsere Kunden haben immer auch einen österreichischen Ansprechpartner“. Mittlerweile sieht Robin Hengl das Unternehmen wieder als voll wettbewerbsfähig an. „Kunden schätzen unseren guten Preis, die hohe Qualität und dass sie sich nicht selber mit der diffizilen Nearshore oder Offshore Thematik befassen müssen, denn langfristig kann sich kein Unternehmen leisten diesen Trend zu ignorieren“, so ist Hengl überzeugt.

Software Circle Tirol

Der Software Circle Tirol dient der Stärkung des Tiroler IT-, Technologie- und Wirtschaftsstandorts und dem Erfahrungsaustausch von namhaften IT-ExpertInnen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe werden aktuelle Themen in der regionalen IT-Landschaft aufgegriffen und nach einem Impulsreferat diskutiert. Die monatlichen Events werden vom Institut für Informatik, der Fachgruppe UBIT (Unternehmensberatung und Informationstechnologie) der Wirtschaftskammer und von trans IT organisiert. Die nächste Veranstaltung findet am 22. Juni zum Thema “e-Procurement - Product Representation in the Semantic Web” statt, Dr. Martin Hepp von DERI Innsbruck gibt ein einleitendes Impulsreferat.

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