Von Kants ‘ewigem Frieden’ zur Gegenwart des Krieges

Das US-amerikanische Fulbright-Austauschprogramm hat eine ihrer “Fulbright Distinguished Chair” Professuren an die Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie gegeben. Seit Februar hat Keith Doubt, Wittenberg University, Springfield/Ohio diese am Institut für Soziologie inne. Anlässlich seiner Antrittsvorlesung sprach Prof. Doubt, zur “Gegenwärtigen Soziologie des Krieges”.
Prof. Keith Doubt
Bild: Prof. Keith Doubt
Domizid - Urbizid - Genozid - Soziozid

Mit Blick auf das organisierte Gewalthandeln in Staaten, die aus der früheren Blockdisziplin eines bipolaren Weltsystems entlassen wurden, das frühere Jugoslawien der 90er Jahre und Tschetschenien, so Keith Doubt, aber auch auf Ruanda, den Mittleren Osten und heute den Irak entlarvt das Resultat des Krieges nicht allein die physische und materielle Vernichtung, sondern auch diejenige einer besonderen Form: Soziozid.

Während “Domizid” die Zerstörung des Zu-Hauses im Wortsinn meint, zielt “Urbizid” auf ein Kennzeichen der Kriegführung im 20. Jahrhundert, die systematische Vernichtung von Städten. Neben dem Völkermord im “Genozid” gibt es indes im “Soziozid” ein weiteres Resultat totaler Gewalt, wie Doubt entlang von Beispielen analysiert, die das Weiterleben einer Gesellschaft verunmöglicht.

In Kontrast zu Immanuel Kants Schrift “Zum ewigen Frieden”, die 1795 forderte, dass sich “kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben [dürfe], welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen,” ist es die heutige Realität von Kriegen, dass neben Menschen, seit dem zwanzigsten Jahrhundert insbesondere Zivilisten, ihre Häuser, Bauten, auch ihre Erinnerungen, ihre Wertschätzungen, Bedeutungs­universen, Rituale, Umgangsformen und Erwartungshaltungen, kurz: ihre Lebenswelten, zerstört werden. Dies ist zum Beispiel dort der Fall, wie Doubt aus Bosnien belegt, wo den Überlebenden ihre Chance genommen ist, ihre Toten zu begraben und zumindest auf diese Weise die Praxen des Zusammenlebens aufrechtzuerhalten.

 

Die Diskussion geht weiter

Wie nach den Zerstörungen des “Sozio­zids” staatliche Legitimität und die Herrschaft des Rechts wiederhergestellt werden können, ist schwer vorstellbar. Aus Zeitgründen konnten nicht alle aufgeworfenen Fragen in der von Institutsleiter Prof. Helmut Staubmann  moderierten Diskussion ausdiskutiert werden. Doch erlaubte die intrafakultäre sowie von Kolleginnen und Kollegen anderer Fakultäten und sogar aus dem Ausland gut besuchte Veranstaltung beim anschließenden Stehempfang so manches Nachgespräch. Wie Dekan Fritz Plasser einleitend ausführte, bleibt die Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie am Ball, was Internationalisierung und Austausch betrifft. Schon in Kürze kommen mit Victor Lidz, Philadelphia, und Anand Kumar, Neu Delhi, bereits die nächsten Gäste in die Gesprächsgemeinschaft der Fakultät. Die Diskussion geht weiter.

Wer mehr über die Analysen von Keith Doubt erfahren möchte: derselbe (2006), Understanding Evil: Lessons from Bosnia, Fordham University Press.