Was Europa von Kanada lernen kann

Am gestrigen Mittwoch eröffnete Univ.-Doz. Dr. Rainer Bauböck, Senior Researcher an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die Ringvorlesung "Kanada: MulturKontaktKultur" des Zentrums für Kanadastudien der LFU. Thema seines Vortrages war „Kanadischer Multikulturalismus: nationaler Sonderweg oder globaler Wegbereiter?“
v.l.: Magdalena Stiftinger (Zentrum für Kanadastudien), Prof. Ursula Moser (Leiterin des Zentrums für Kanadastudien), Univ.-Doz. Dr. Rainer Bauböck, Chris Mathewson (International Council for Canadian Studies).
Bild: v.l.: Magdalena Stiftinger (Zentrum für Kanadastudien), Prof. Ursula Moser (Leiterin des Zentrums für Kanadastudien), Univ.-Doz. Dr. Rainer Bauböck, Chris Mathewson (International Council for Canadian Studies).

Kandada hat als erster Staat im Jahr 1971 eine Politik des offiziellen Multikulturalismus eingeführt. In den 1980er Jahren wurde diese Idee in mehreren europäischen Staaten aufgegriffen. Kanadische politische Philosophen wie Charles Taylor, Will Kymlicka und James Tully, die in den 1990er Jahren für multikulturelle Konzeptionen von Liberalismus und Demokratie argumentierten, fanden in akademischen Debatten ein globales Echo. In Westeuropa zeichnet sich jedoch heute eine Kehrtwende ab, die quer durch die ideologischen Lager religiöse Toleranz, kulturelle Anerkennung und Minderheitenautonomie in Frage stellt.

 

Vorbild Kanada?

 

„Vor allem in den Bereichen Verfassung, Einwanderung und Nationalitäten- bzw. Sprachkonflikte kann Europa Vieles von Kanada lernen“, so Dr. Bauböck in seinen Ausführungen. „Kanada steckt seit 1982 in einer Verfassungskrise, zerbrochen ist das Land aber nicht daran. Die EU, die ebenso in einer Verfassungskrise steckt, könnte sich hier Kanada als Beispiel nehmen, indem sie ihre Verfassung weniger als ein Gründungsereignis denn als einen Prozess begreift, in welchem sie ihre Verfassung stets neu überdenkt und interpretiert“, erklärte Dr. Bauböck.

 

Nationalität und Multikulturalität

 

Des Weiteren strich Bauböck die Besonderheiten kanadischer Einwanderungspolitik hervor: „Diese findet in der Bevölkerung breite Akzeptanz, weil sie aktiv Ängste und Vorbehalte ausräumt und die kulturelle Vielfalt, welche die Einwanderer nach Kanada bringen, als Ressource versteht“.

 

Genau so wie Kanada sei auch die EU ein multinationales und multilinguales Gebilde. „Die kanadische Politik hat aber erkannt, dass gesellschaftliche Einheit nicht staatlich erzwungen werden kann. Anstelle von sozialer und kultureller Assimilierung und Uniformität setzt Kanada daher folgerichtig auf den Prozess wechselseitiger Anerkennung. Die Ressourcen kanadischer Einwanderungs- und Gesellschaftspolitik werden nicht dafür vergeudet, Besonderheiten der kanadischen Bevölkerung einzuebnen und zu egalisieren, sondern genutzt, um ein Gleichgewicht zwischen den Kulturen zu ermöglichen und diese Balance aufrecht zu erhalten“, führte Bauböck aus.

 

Im Anschluss an den Vortrag Bauböcks entstand im ausgefüllten Hörsaal eine rege Diskussion zwischen dem Vortragenden und den Studierenden, welche das Interesse der Studierenden und Besucher für die Veranstaltung eindrucksvoll unterstrich.

 

Zur Person:

 

Univ.-Doz. Dr. Rainer Bauböck ist Politikwissenschaftler und Senior Researcher an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Institut für Europäische Integrationsforschung, und stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung an der Akademie. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Theorie, Migration, Staatsangehörigkeit, Multikulturalismus und Minderheitenrechte. Von 1986 bis 1999 war Bauböck Assistenzprofessor am Institut für Höhere Studien, Wien. Außerdem ist er regelmäßig als Lehrender an den Universitäten Innsbruck und Wien tätig. Während des Sommersemesters 2005 lehrte er als Gastprofessor an der Yale University (USA). Neben seiner Tätigkeit als Mitherausgeber zahlreicher Journale ist Bauböck auch als Autor von Publikationen zum Thema internationale Migration und Integration tätig.