Für ein Studium ist´s nie zu spät!

Auch der 78-jährige Dr. Sigfried Orgler, pensionierter Jurist, schätzt die Möglichkeit des freien Zugangs zum Studium. "Mich hat die politische Vergangenheit meiner Familie bewogen, Politikwissenschaften zu studieren. Ich studiere aus Wissensdurst und auch um zu verstehen, was die heutige Jugend bewegt."
Dr. Rosi Hirschegger mit einem ihrer Studienkollegen
Bild: Dr. Rosi Hirschegger mit einem ihrer Studienkollegen

Seit dem Studienjahr 1981/82 ist an der Universität Innsbruck ein Seniorenstudium möglich. Damals waren in Innsbruck 70 Seniorenstudierende angemeldet, heute sind es 2.181. 57 % davon sind Frauen, die ab einem Alter von 40 Jahren als Seniorenstudentinnen bezeichnet werden. Bei Männern liegt das Mindestalter bei 45 Jahren, wobei diese Grenzen aus rein verwaltungstechnischen Gründen gezogen wurden. Denn alt und jung studieren beim sogenannten österreichischen Integrationsmodell völlig gleichberechtigt miteinander. "Senioren studieren genauso wegen des Abschlusses wie Junge, sie sind oft sogar ehrgeiziger!" erklärt Bruno Pichler, Leiter des Seniorenreferats der ÖH und selbst Seniorenstudent. "Aber bei Ihnen steht das Interesse ganz weit vorne." Das Verhältnis zwischen alt und jung ist kollegial und durchaus befruchtend. "Bei Prüfungen sind wir gemeinsame Leidensgenossen, und beide profitieren voneinander", begeistert sich Larcher.

Das ÖH-Seniorenreferat hilft weiter

Das ÖH-Seniorenreferat ist die Anlaufstelle für Seniorenstudierende. Pichlers Hauptaufgabe besteht neben fachlicher Beratung auch darin, Interessierten die Scheu vor den "heiligen Hallen" zu nehmen, sie aber auch zu warnen, sich nicht zu viel vorzunehmen. Am häufigsten werden die Studienrichtungen Geschichte, Kunstgeschichte und Volkskunde belegt, es gibt aber auch Seniorenstudierende in Architektur, Medizin und Physik. So beendete im Wintersemester 2000 eine 73-jährige Studentin ihre Dissertation in Theoretischen Physik mit Auszeichnung!

Das Interesse, vor allem aber die berufliche Weiterbildung standen bei Dr. Rosi Hirschegger, 82, beim Entschluss zu studieren im Vordergrund. Die ehemalige Leiterin eines Kindergartens in Innsbruck begann das Studium der Pädagogik und Psychologie "aus ihrer Erfahrung als Kindergartenpädagogin heraus. Ich merkte, dass ich anstand, und gegen den Widerstand meiner städtischen Vorgesetzten setzte ich mein Studium durch, weil ich unbedingt wollte!" Nach der Promotion 1986 begann sie Politikwissenschaften zu studieren. "Ich war immer schon ein sozial und politisch engagierter Mensch und werde von meinen jungen Studienfreunden auch immer wieder als Zeitzeugin befragt. So habe ich miterlebt, wie die Studiengebühren 1972 von Kreisky aufgehoben wurden und sich die Unis auch für Kinder aus sozial schwachen Schichten öffneten! Die Einführung der Studiengebühren ist ein Rückschritt und auch ein Anschlag auf die Seniorenstudierenden, denn es gehen ja nicht nur Hofräte studieren!" Auch Pichler erwartet durch die Studiengebühren einen Rückgang an Seniorenstudierenden. Es könnte vor allem Frauen treffen, die sich wegen zu geringem Einkommen das Studium nicht mehr leisten können, da es für Senioren auch keine Stipendienmöglichkeiten gibt.

Seniorenstudium trotz Studiengebühren

Dennoch werden die befragten Seniorenstudierenden ihr Studium trotz Gebühren fortsetzen. Sie schätzen die Möglichkeiten an hochwertiger Weiterbildung, an Kontakten zur Jugend und können endlich das studieren, was sie immer schon wollten und bisher aus familiären, beruflichen oder finanziellen Gründen nicht konnten. Auch ihr familiäres Umfeld beurteilt ihr Studium durchwegs positiv. "Mein Sohn sagte unlängst zu mir: Vater, du gewinnst durch das Studium von Tag zu Tag!" fasst Orgler lachend die Haltung seiner Familie zusammen. Rosi Hirschegger möchte abschließend alle Seniorinnen und Senioren ermuntern, ein Studium zu beginnen. "Noch ist die Universität offen für jeden!"



Ein Beitrag aus der UNIZEITUNG März 2001. Die "UNIZEITUNG. Das Journal der Universität Innsbruck" erscheint viermal jährlich als Wochenendbeilage der Tiroler Tageszeitung. Unter public-relations@uibk.ac.at können Sie kostenlos ein Exemplar der UNIZEITUNG bestellen.