Französische Dichter als sprachliche Seiltänzer

Dass in Ionescos "Kahler Sängerin" die Regeln normaler Konversation ad absurdum geführt werden und in Becketts "Warten auf Godot" die Personen viel reden, ohne je wirklich etwas zu sagen, ist bekannt. Aber hätten Sie gewusst, dass die junge französische Autorin Marie NDiaye einen Roman in einem Satz geschrieben hat?
Prof. Ursula Moser (5. v.l.) und Prof. Eva Lavric (7. v.l.) mit den SeminarteilnehmerInnen.
Bild: Prof. Ursula Moser (5. v.l.) und Prof. Eva Lavric (7. v.l.) mit den SeminarteilnehmerInnen.

Und der Schriftsteller Georges Perec einen ganzen Roman ohne den Buchstaben "e"? All diese Werke und noch einige mehr untersuchten Prof. Ursula Moser und Prof. Eva Lavric vom Institut für Romanistik in einem interdisziplinären Seminar aus literaturwissen­schaftlicher und linguistischer Perspektive.

 

Die beiden Romanistinnen sind von ihrem Versuch in "Team-Teaching" begeistert: "Die beiden sonst getrennten Perspektiven wirken ungeheuer befruchtend aufeinander. Etlichen Werken kann man nur durch eine Kombination der beiden Blickwinkel wirklich gerecht werden." Auch die Studierenden wissen das zu schätzen und haben sich zahlreich in dieses Doppelseminar eingeschrieben, obwohl sie eigentlich nur einen einzelnen Seminar-"Schein" gebraucht hätten.

 

Um auf Georges Perec zurückzukommen: Man mag sich fragen, warum sich ein Autor den Zwang antut, auf einen Buchstaben des Alphabets völlig zu verzichten – eine Technik, die übrigens mit dem Fachausdruck "Lipogramm" bezeichnet wird. Noch dazu auf den häufigsten Buchstaben, denn immerhin enthalten in einem normalen französischen Text rund zwei Drittel der Wörter ein "e" in irgendeiner Form. Nun, sein Roman heißt bezeichnenderweise "La disparition" ("Das Verschwin­den"), und er erzählt vom mysteriösen Verschwinden seines Protagonisten sowie sämtlicher Freunde, die sich auf die Suche nach ihm gemacht hatten. Handlung und lipogrammatische Schreibweise werden verständlich, wenn man weiß, dass Georges Perec als Kind seine Mutter und seine gesamte Familie im Holocaust verloren hat, dass also seine wichtigste Bezugsperson eines Tages ganz einfach spurlos verschwunden ist…

 

Neben diesen ernsten Bravourstücken gibt es auch sehr spielerische, wie die berühmten "Exercices de style" von Raymond Queneau, in denen er eine extrem banale Geschichte, wie in einem musikalischen "Thema mit Variationen", neunundneunzig Mal in den verschiedensten Stilen und Schreibweisen überaus virtuos abwandelt. Von diesem Werk inspiriert, haben die Studierenden als Draufgabe eine hundertste Variation derselben Geschichte geschrieben, und zwar in einem Dialekt, den Queneau nur deswegen nicht in sein Buch einbezogen hat, weil er ihn offensichtlich nicht beherrschte:

 

Gsibergerisch – XSIbergerisch

 

Amol z'Mittag, inam gstecktvolla Bus hean i an junga Kerle gseha mit ama brutal langa Hals und ama glungana Huat. Uf zmol hänkt er sinam Nochbur s'Mul a, weil er eahm uf d'Füaß stoht. Denn hockt er se uf an freia Platz ane.

Später siaht er'n nomol am Sankt Lazarus Bahnhof. Döt trifft er an Kolleg, der eahm säit, er söll s'Häß körig alega.

 

(Erzählerisches Grundgerüst der Geschichte: Eines Mittags in einem Bus sieht der Erzähler einen jungen Mann mit langem Hals und originellem Hut, der mit seinem Nachbarn zu streiten beginnt, weil der ihm angeblich auf die Füße steigt. Dann setzt er sich auf einen freien Platz.

Später sieht der Erzähler an der "Gare Saint Lazare" denselben jungen Mann wieder, wie er mit einem Bekannten über gewisse Details seiner Kleidung spricht.)