Das Chanson als Ausdruck von Protest, Opposition und Revolte

Wussten Sie dass ein gewisser docteur Guillotin nur durch Zufall zum Namensgeber für das gleichnamige Tötungsinstrument der Französischen Revolution wurde? Und hätten Sie geahnt, dass sich hinter dem romantisch anmutenden Chanson Je t´attends à Charonne die traurige Geschichte eines Jungen verbirgt, der während einer Demonstration gegen den Algerienkrieg zu Tode kam?
Dr. Heinz-Christian Sauer
Bild: Dr. Heinz-Christian Sauer

Heinz Christian Sauer, der lange Zeit auf Ö 1 die Radiosendung La Chanson moderierte, gab kürzlich auf Einladung der Abteilung Textmusik in der Romania des Instituts für Romanistik dem begeisterten Innsbrucker Publikum in seinem Vortrag über das "chanson politique" in Frankreich unter anderem auf diese Fragen Antwort. Der Referent entwarf ein faszinierendes, äußerst vielgestaltiges Mosaik des politischen Liedes in Frankreich.

Kritische Betrachtung historischer Persönlichkeiten

Von der großen Unzufriedenheit mit der Herrschaft Ludwig XIV. im absolutistischen Frankreich des 17. Jahrhunderts bis hin zum Wahlerfolg des rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen vor wenigen Jahren – das Chanson widmet sich nahezu jeder Thematik mit gesellschaftlichem und politischem Zündstoff. Dabei wird allerdings damals wie heute vielfach mit Anspielungen statt mit expliziter Bezugnahme auf historische Persönlichkeiten gearbeitet: Louis Chedid meint im Chanson Le Gros blond Jean-Marie Le Pen und thematisiert seinen enormen Stimmenzuwachs in den 80er Jahren; 300 Jahre früher verweist der im Chanson Comprenez-vous, voller Hass genannte Fisch (frz. "poisson") auf niemand geringeren als Madame de Pompadour, die Mätresse Ludwig XIV, deren Geburtsname Jeanne-Antoinnette Poisson war.

Dass die historische Wahrheit im Chanson nicht immer detailgetreu widergespiegelt, sondern übersteigert und verfälscht wird, illustriert Sauer anhand des Sturms auf die Bastille: In den Chansons wird die Stürmung eines fast leeren Gefängnisses, ungeachtet freilich des hohen Symbolwertes, zu einer heroischen Tat stilisiert– ein Topos der bis heute erhalten geblieben ist und sich in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Im Zusammenhang mit der Französischen Revolution durfte natürlich auch eine Auseinandersetzung mit der "inoffiziellen" Nationalhymne der Franzosen, dem Chanson "Ça ira", nicht fehlen, das Sauer dem Publikum in einem Filmausschnitt mit Edith Piaf in der Rolle einer Aufständischen präsentierte.

Kriege werden verarbeitet

Im 20. Jahrhundert sind nicht so sehr Revolutionen als vielmehr die traumatischen Erfahrungen der Weltkriege bevorzugte Themen der "chanson politique". So widmet sich La Chanson de Craonne dem blutigen Gemetzel auf dem Plateau von Craonne im ersten Weltkrieg. Die von allen Seiten in Paris einfallenden Wölfe in Les loups sont entrés dans Paris symbolisieren die deutschen Truppen, die 1940 in Paris einmarschierten. Andere Chansons wagen sich daran, das Unfassbare auszudrücken: So tastet sich Nuit et brouillard durch weiche Klänge und einen langsamen Rhythmus, der mit dem Inhalt in auffallendem Kontrast steht, an die Thematik des Holocaust heran.

Aber nicht nur die beiden "großen Kriege", auch der Algerienkrieg wird in zahlreichen der präsentierten Chansons zum Thema gemacht. Eines der Lieder, das antimilitaristische und in einer offiziellen Fassung auch pazifistische Chanson Le déserteur von Boris Vian, besticht durch die Zeitlosigkeit der Thematik: Ursprünglich von Vian als Reaktion gegen den Algerienkrieg geschrieben, wurde es von der amerikanischen Band Peter, Paul & Mary als Protestsong gegen den Vietnamkrieg interpretiert.

Das moderne Chanson

Aber auch Konflikte außerhalb Frankreichs finden Eingang in die "chanson politique": Charles Aznavour, selbst Armenier, thematisiert den Völkermord der Türken an der armenischen Bevölkerung Anfang des 20. Jahrhunderts. Dass er gerade im vergangenen Jahr an die Türken appelliert hat, den Genozid endlich zuzugeben, bezeugt die ungebrochene Aktualität derartiger Chansons.

 

Die gewählten Beispiele weisen das Chanson eindrucksvoll als Ausdrucksmittel für Protest, Opposition und Revolte aus. Als ein mit hoher Suggestivkraft ausgestattetes Sprachrohr der Unterdrückten ist es ein Genre, das, damals wie heute, aus Lethargien aufzurütteln vermag und zum Nachdenken anregt.