Kinder brauchen Männer

Zu diesem Schluss kamen Univ.-Prof. Dr. Josef Christian Aigner vom Innsbrucker Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung und sein Forschungsteam, das erstmals eine Vollstudie an allen in Österreich tätigen männlichen Kindergartenpädagogen und Kinderbetreuern durchgeführt hat.
Männer sind in Kinderbetreuungseinrichtungen nur schwach vertreten (Foto: flickr.com/woodleywonderworks)
Bild: Männer sind in Kinderbetreuungseinrichtungen nur schwach vertreten (Foto: flickr.com/woodleywonderworks)

 

Insgesamt arbeiten rund 530 Männer als Betreuer in Kindertageseinrichtungen - also z.B. auch in Horten -; 133 davon in Kindergärten. „Mit einem Männeranteil von circa 1,4% liegt Österreich unter den schlechtesten Ländern Europas. Deutschland weist beispielsweise im Bereich der Kinderbetreuung einen Männeranteil von 3,7%, Norwegen von etwa 9% auf“, erklärt Prof. Josef Christian Aigner ein Ergebnis des Forschungsprojektes elementar. Auch an den Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (in Österreich ‚nur‘ mit Matura-Abschluss) zeige sich das selbe Bild: Nur 3,3% der Schüler sind männlich, davon planen wiederum gerade einmal 10-15% in diesem Beruf zu arbeiten.

 

„Auch an Österreichs Volksschulen fehlen die Männer beziehungsweise verschwinden sie zusehends: waren es in den 1970er Jahren noch mehr als 45%, so halten wir nun bei knapp 10% männlichen Volksschullehrern. Das Studium zum Volksschullehramt betreiben nur mehr knapp 7% männliche Teilnehmer – und dies mit einer hohen Abbruchquote“, beschreibt Aigner die aus seiner Sicht erschreckenden Zahlen. Denn Expertinnen und Experten seien sich einig, so der Erziehungswissenschaflter, dass die Präsenz von Männern in der Elementarpädagogik wichtig sei. „In unserem Forschungsprojekt haben wir versucht zu klären, welche besonderen Merkmale die untersuchten männlichen Kindergarten-Pädagogen in Herkunft, Biografie und Bildungsgang aufweisen und wie sie sich in ihrer Tätigkeit fühlen, um damit eventuell Hinweise auf eine verstärkte Anwerbung von Männern zu bekommen“, erklärt Aigner.

Biographische Gemeinsamkeiten

Im Rahmen der Studie fanden die Wissenschaftler heraus, dass sich viele Männer, die heute im Betreuungsbereich tätig sind, diesen Beruf erst im zweiten Bildungsweg für sich entdeckten. „Viele von ihnen haben vorher in typischen Männerberufen gearbeitet und entdecken erst spät die Freude an der Arbeit mit Kindern“, so Aigner. Eine weitere Gemeinsamkeit in der Biografie männlicher Kinderbetreuer, die die Wissenschaftler herausfanden, ist die Beziehung zur eigenen Mutter. „Einer besonderen Art der Bindung zur Mutter oder einer anderen vorbildhaften Frau, die den Burschen sozusagen den „Sanctus“ für die Berufswahl geben, stehen in der Familiengeschichte eher blasse Väter gegenüber“, erklärt Josef Christian Aigner.

Bereicherung für das Team

Trotz vieler Gemeinsamkeiten mit ihren weiblichen Kolleginnen zeigte sich im Rahmen der Studie auch Unterschiede, so z.B. in der raumgreifenderen und köperbetonteren Art zu spielen oder dass Männer einen anderen Zugang zu Kindern und auch zur Teamarbeit haben. „Die ebenfalls von uns befragten Frauen waren der Ansicht, dass Männer die Teamkultur und das Klima im Kindergarten insgesamt bereichern“, beschreibt Aigner.

Geringe Anerkennung

Eine hemmende Wirkung zur Wahl und Ausübung dieses Berufs für viele Männer habe die Bedeutung des Kindergartens als betont „weiblich-mütterlicher Raum“, in dem eher „männlich“ geltende Arten des Verhaltens und Spielens wenig Anerkennung fänden. Auch die geringe gesellschaftliche Anerkennung dieses Berufs und die schlechte Bezahlung würden eine negative Rolle spielen, allerdings nicht – wie man meinen könnte - an erster Stelle, so der Erziehungswissenschaftler.

Fachtagung

Am 11. und 12. Juni will das Innsbrucker Forschungsteam im Rahmen der Fachtagung „Kinder brauchen Männer! Männer in der Kinderbetreuung – neue Perspektiven für die Elementarpädagogik“ nun die Ergebnisse des Projekts elementar präsentieren. Zugleich sollen Workshops einen konkreten und praxisorientierten Austausch von Interessierten und ExpertInnen zum Thema ermöglichen. Details zur Anmeldung und weitere Informationen finden Sie hier.

(ip/sr)