Wissenschaftliche Nachbeben

Das Erdbeben im Februar in Chile war mit einer Stärke von 8,8 das fünftstärkste seit Beginn der Aufzeichnungen 1900. Anders als in Haiti oder China forderte das Erdbeben und der folgende Tsunami in Chile mit 450 Toten verhältnismäßig wenig Opfer. Prof. Axel Borsdorf liefert einen Erklärungsansatz für die vergleichsweise geringe Opferzahl und zeigt Wege zur besseren Risikokontrolle auf.
Prof. Borsdorf konnte sich im März ein Bild von den Schäden in Chile machen. (Foto: wikipedia.de/Jorge Barrios)
Bild: Prof. Borsdorf konnte sich im März ein Bild von den Schäden in Chile machen. (Foto: wikipedia.de/Jorge Barrios)

Axel Borsdorf, Professor am Institut für Geographie sowie am Institut für Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, hatte aufgrund eines Forschungsaufenthaltes im März 2010 in Chile die Gelegenheit, das Schadensausmaß des Erdbebens zu sehen und mit Experten vor Ort zu sprechen. „Die Stadt Concepción hat sich durch das Erdbeben um drei Meter bewegt; Santiago de Chile um 25 Zentimeter“, führt Borsdorf aus. „Die großmaßstäblichen Karten in Chile müssen neu gezeichnet werden!“. Die geringen Opferzahlen sind seiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass die Chilenen die wichtigsten Verhaltensregeln im Fall eines Erdbebens kennen. „Chile ist ein klassisches Erdbebenland. Die Menschen sind auf diese Gefahr eingestellt und lernen schon in der Schule die wichtigsten Verhaltensregeln“, erklärt Borsdorf. Auch die Bauweise in Chile sei im Sinne der Risikoprävention entsprechend resistent. Die Tatsache, dass die meisten Chilenen nicht in ihren durch das Beben zerstörten Häusern, sondern aufgrund des Meerbebens, das das Land kurze Zeit nach der Erderschütterung heimsuchte, starben, erklärt der Geograph mit einer Fehlinformation. „Chiles Präsidentin gab Entwarnung und teilte – ohne vorher Rücksprache mit Wissenschaftlern gehalten zu haben – mit, dass ein Tsunami nicht zu befürchten sei. Dies führte dazu, dass einige Menschen wieder in ihre Häuser zurückkehrten“, berichtet Borsdorf. Rund 250 Menschen wurden dann von der Riesenwelle überrascht und starben.

 

Risikomanagement verbessern

 

„Diese Fehlinformation machte mir klar, dass das Naturgefahrenmanagement in Chile verbesserungsfähig ist“, so Borsdorf. Vor seiner Reise nach Chile informierte er sich beim alpS Zentrum für Naturgefahren- und Risikomanagement über das dort entwickelte Risikomanagementsystem ORTIS. „Bei ORTIS sind die Prozesse Risikoanalyse, Risikosteuerung und Risikoüberwachung aufeinander abgestimmt. Ich ließ mich von den Kollegen von der Leistungsfähigkeit dieses Produktes überzeugen und versuchte dann vor Ort, Wissenschaftlern und Politikern das System näher zu bringen“, berichtet der Geograph Borsdorf. Ein Problem mit dem er sich bei den Gesprächen auseinandersetzen musste, war die zentralistische Organisation Chiles. „Der Katastrophenschutz ist in Santiago de Chile angesiedelt und nur zu den Bürozeiten erreichbar. Das Erdbeben passierte aber nachts, und aus diesem Grund standen die Experten nicht zur Verfügung. Dies führte dazu, dass die direkt nach dem Erdbeben vom Geologischen Dienst der USA im Internet zur Verfügung gestellten Tsunami-Berechnungen nicht beachtet wurden und auch der Staatspräsidentin nicht bekannt waren“, beschreibt Borsdorf. In seinen Gesprächen versuchte er die Verantwortlichen vom dezentral ausgelegten Risikomanagementsystem ORTIS, das bereits in Österreich, Deutschland und Indonesien zum Einsatz kommt, zu überzeugen. „Agieren ist besser als reagieren – das gilt insbesondere in der Vorsorge für Naturereignisse. Jedes Desaster bringt neue Einsichten und öffnet Möglichkeiten für die Prävention und die Krisenbewältigung. Der erste Tag nach einem solchen Ereignis ist der erste Tag vor dem nächsten. Die Vorbereitung darauf muss schon an diesem Tag beginnen!“ Ist die in Innsbruck entwickelte Technologie nur etwas für entfernte Länder? Der Gefahr durch Erbeben sollte man sich auch in Innsbruck bewusst sein, so Borsdorf: „In der Innsbrucker Altstadt sind noch die nach einer Erdbebenserie im 18. Jahrhundert erfolgten Gebäudeabstützungen zu sehen. Wir sollten uns vor Augen halten, dass Erdbeben der Stufe 8 in Innsbruck durchaus möglich sind.“

 

Vortrag

In seinem öffentlichen Vortrag „Das Erd- und Meerbeben in Chile und andere Naturkatastrophen in Südamerika. Lehren für das Risikomanagement“ berichtet Axel Borsdorf von seinem Forschungsaufenthalt in Chile. Zeit: 4.Mai, 20:15 Uhr, Hörsaal 6, Innrain 52

(sr)