Bildung, Forschung – Leere?

Das Europäische Forum Alpbach und die Gedächtnisstiftung Peter Kaiser luden am 12. November unter dem Motto „Bildung, Forschung – Leere“ zu einer Podiumsdiskussion mit Erhard Busek, Adrienne Goehler und Thomas Goppel ein. Zur Sprache kamen insbesondere die Themen Bologna, Schulsystem und LehrerInnenbildung. Moderiert wurde die Diskussion von Rektor Karlheinz Töchterle.
v.l.: Erhard Busek, Rektor Karlheinz Töchterle, Adrienne Goehler und Thomas Goppel
Bild: v.l.: Erhard Busek, Rektor Karlheinz Töchterle, Adrienne Goehler und Thomas Goppel

Welche Bereiche des künstlerischen und kulturellen Lebens sind von der gegenwärtigen Finanzkrise betroffen und welche nicht? – Dieser Leitfrage widmeten sich mehrere prominent besetzte Panels im Rahmen der Tagung „Finanzkrise = Kulturkrise?“, die das Europäische Forum in Kooperation mit der Gedächtnisstiftung Peter Kaiser von 11. bis 13. November an der Universität Innsbruck veranstaltete.

Besondere Brisanz hatte angesichts der aktuellen Studierendenproteste die von Rektor Karlheinz Töchterle moderierte Podiumsdiskussion „Bildung, Forschung – Leere“ am 12. November. Mit Erhard Busek (Präsident des Europäischen Forums Alpbach sowie ehemaliger ÖVP Spitzenpolitiker und Inhaber mehrerer Regierungsämter), Adrienne Goehler (Publizistin, Kuratorin, ehemalige Wissenschaftssenatorin und langjährige Präsidentin der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg) und Thomas Goppel (bayrischer CSU-Politiker, ehemaliger CSU-Generalsekretär und ehemaliger bayrischer Kultusminister) brachten drei TeilnehmerInnen mit unterschiedlichen bildungspolitischen Hintergründen ihre Erfahrungen und Impulse am Podium ein. Leere orteten alle drei im Bildungssystem, insbesondere im Grund- und Mittelschulbereich. Aber auch die Umsetzung der Bolognadeklaration und die LehrerInnenbildung standen im Zentrum der Kritik der ReferentInnen.

 

Exerzierfeld für Ideologen

„Die Bildung ist in Österreich ein Exerzierfeld für Ideologen“, meinte Erhard Busek, der dem österreichischen Bildungssystem ein schlechtes Zeugnis ausstellte. Egal ob es sich um die Ganztags- oder die Gesamtschule handle, man habe es in Österreich verabsäumt, das Schulsystem an die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse anzupassen. Insgesamt fehle eine europäische Dimension im Bildungswesen, zum Beispiel in Hinblick auf Zugangsregelungen. Die aktuelle Diskussion in Österreich verkenne allerdings, dass zahlreiche Einrichtungen in Österreich seit vielen Jahren mit Zugangsregelungen operieren würden. Als Beispiele nannte er Fachhochschulen, Pädagogische Hochschulen aber auch Hochschulen der Bildenden Künste. „Massenuniversität und Qualität in der Lehre sind einfach nicht vereinbar“, hob er hervor.

 
Plädoyer gegen Bologna und für Kreativität

Aus einer anderen Perspektive kritisierte Adrienne Goehler das Bildungssystem in Österreich und Deutschland. Es mangle von der Grundschule an an Kreativität, stellte Goehler fest. Diese sei jedoch der wichtigste Rohstoff in allen Hochpreisländern und zudem der einzige, der sich vermehre. „Kreativität ist ein Motor. Sie muss aus ihrem luxuriösen Nischendasein in den Mittelpunkt gerückt werden“, forderte sie. Ein Beispiel dafür, dass derzeit in vielen Bereichen genau das Gegenteil passiere, sei der Bologna-Prozess. „Bologna ist die Industrialisierung des Wissens in einer post-industriellen Zeit. Dabei brauchen wir keine modularisierten, genormten Knowledge-Packages“, verdeutlichte Goehler ihren Standpunkt. Gefördert werden müsste vielmehr die Wahrnehmungs- und die selbstständige Urteilsfähigkeit der Studierenden.

 

Apparatschik-Model Bologna

Am Schulsystem, aber auch an der LehrerInnenausbildung sowie am Bologna-Prozess übte Thomas Goppel heftige Kritik. 80 Prozent der Deutschen würden ihre Kinder in Privatschulen schicken, wenn sie könnten, erklärte er. Für ihn bedeute dies, dass das Schulsystem falsch sei und ebenso wie die Ausbildung von LehrerInnen einer grundlegenden Veränderung bedürfe. Dies beginne bereits bei der Auswahl der für den Lehrerberuf geeigneten KandidatInnen, so Goppel. Lehrer würden zu häufig an Burnout leiden und der Beruf sei zu wenig durchlässig. „Einmal Lehrer, immer Lehrer. Auch wenn jemand für den Beruf nicht geeignet ist“, formulierte es Goppel. Bologna müsse auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise geändert werden, es sei ein Apparatschik-Modell, man habe sich vom anglo-amerikanischen Vorbild nur das System, nicht aber die Inhalte abgesehen.

(ef)

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