Internationale Entwicklung: Zyklus statt bloßem Paradigmenwechsel

Mit einem Vortrag zur Transformation des Entwicklungsbegriffs im 20. Jahrhundert eröffnete Dr. Gerald Hödl, Projekt Internationale Entwicklung an der Universität Wien, am Mittwoch, 14. Oktober, eine Vortragsreihe zur Nord-Süd-Thematik.
Dr. Gerald Hödl
Bild: Dr. Gerald Hödl

In einer historischen Annäherung an die Entwicklungsforschung ist zumeist ein Paradigmenwechsel des Entwicklungs(hilfe)-Begriffs im 10-Jahres-Rhythmus beschrieben, beginnend mit der namentlichen Erwähnung der unterentwickelten Welt durch US-Präsident Harry S. Truman im Jahr 1949. Von einer Beschränkung auf zunächst wirtschaftliches Wachstum änderte sich die inhaltliche Ausrichtung der Entwicklungshilfe/Entwicklungszusammenarbeit: Jedem eingestandenen Scheitern folgte ein neues Paradigma. Dieser fortlaufende Paradigmenwechsel führte aktuell zu einem umfassend verstandenen Entwicklungsbegriff, in dem Nachhaltigkeit, Armutsbekämpfung und Partizipation als Zielvorstellungen gelten. Hödl beschrieb in seinem Vortrag Vom ‚Colonial Development‘ zum ‚Post-Development‘ einen Ansatz, der über dieses paradigmatische Denken hinausgeht. Dazu nahm er zunächst Abschied vom gängigen Verständnis der Entwicklungshilfe/Entwicklungszusammenarbeit und beschrieb  Entwicklung als (kapitalistisch-)zielgerichtete Intervention. Diese folge einem langen Zyklus, in dem sich als Ziele die Inwertsetzung (z. B. Produktionssteigerung) mit der Stabilisierung der Herrschaft bzw. Gesellschaft abwechseln. Den Untersuchungszeitraum hat er dazu weit über die Nachkriegsjahre zurückgestreckt, bis ans Ende des 19. Jahrhunderts – der Hochzeit des Imperialismus. Als zyklische Wendepunkte lassen sich in dieser Zeitspanne die Wirtschaftskrisen Anfang der 1930er und Anfang der 1970er Jahre charakterisieren. Beide Ereignisse waren dabei auch von politischen Krisen begleitet. Hödl ließ daher die Frage offen, ob die jüngste (momentan noch rein) wirtschaftliche Talsohle ebenfalls einen solchen Wendepunkt darstellt, dem – gemäß der Zyklus-Theorie – eine neue Phase der Stabilisierungsbemühungen folgen würde.

 

In diesem Zyklus sind die klassischen Entwicklungs-Paradigmen sichtbar. Sie treten – lange vor Truman in der Phase eines Colonial Development beginnend  als dominante Merkmale der jeweiligen Zeitspannen auf: der Glaube an die Möglichkeiten der Technik (bis ca. 1930), Ökologie (keine Erfindung der jüngeren Geschichte, sondern bereits Paradigma bis 1945), Wachstums- und Modernisierungstheorien (ab Anfang der 1950er), eine Rückkehr zu ökologischen Überlegungen (ab 1970), Neo-Liberalismus (ab 1980), Globalisierung (seit den 1990ern) bis zum aktuellen Paradigma des Entwicklungsbegriffs.

 

Die zeitliche Klammer in Hödls Vortrag würde mit dem kritischen Ansatz des Post-Development geschlossen. Diese junge Denkrichtung stellt Entwicklung als Theorie und Praxis grundlegend in Frage. Von dieser Kritik distanzierte sich Hödl in der Diskussion: sie verzichte durch die völlige Negation auf die Möglichkeit einer Änderung und unterstütze somit eher das bestehende System und seine Unzulänglichkeiten.

 

Vortragsreihe

 

Gerald Hödl eröffnete mit seiner Präsentation eine Vortragsreihe des Innsbrucker Forums Entwicklungsforschung (IFEF, eine Initiative der Universität Innsbruck) in Kooperation mit dem Arbeitskreis Wissenschaft und Verantwortlichkeit (WuV, einer Plattform für fächerübergreifenden Austausch). Ziel der Vortragsreihe „Entwicklung in der Krise – krisenhafte Entwicklung“ ist es, Entwicklung und Entwicklungsforschung aus dem jeweiligen Blickwinkel der an IFEF beteiligten Institute zu beleuchten. Gerald Hödl kam auf Einladung des Instituts für Zeitgeschichte, die weiteren Themen und Termine der Veranstaltungsreihe finden Sie hier. 

 

 

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