José Casanova: „Der Säkularismus ist nicht ein religiöses, sondern ein soziologisches Problem”

Anfang Juni ging eine dreitägige Fachtagung der ARGE und der interdisziplinären Forschungsplattform „Weltordnung- Religion- Gewalt“der Uni Innsbruck zu Ende. Den Eröffnungsvortrag hielt der äußerst prominente Soziologe José Casanova, der weltweit als einer der profundesten Kenner des Phänomens des eurozentrischen Säkularismus gilt.
José Casanova: „Der Säkularismus ist nicht ein religiöses, sondern ein soziologisches Problem”
Bild: José Casanova: „Der Säkularismus ist nicht ein religiöses, sondern ein soziologisches Problem”
Europa und die Religiosität

Dass die Religiosität der Menschen in Europa stetig abnimmt, scheint eine unumstößliche und zugleich unaufhaltsame  Tatsache zu sein. In ganz Europa, ausgenommen Polen, verringert sich die  Zahl der regelmäßigen Kirchengänger zusehends und  es macht sich bemerkbar, dass mehr und mehr  Menschen von der traditionellen christlichen Religionsausübung Abstand nehmen. Leere  Kirchen bedeuten  in Casanovas Augen generell jedoch noch nicht, dass sich die Europäer nicht mehr mit christlichen Werten identifizieren. Selbst in den säkularisiertesten Ländern Europas entdecke man noch immer eine im christlichen Glauben verankerte kulturelle Identität, wenn man nach dem Glauben der Menschen frage.

 

Säkularisierung als Bedingung für Modernität?

Wie aber lassen sich die Verdrängung der Kirche aus der Gesellschaft und die scheinbar erhaltene christliche Identität der Europäer in Einklang bringen? Das Problem, dem der Glaube im postchristlichen Europa, wie es Casanova nennt, gegenübersteht, hat für ihn nicht nur einen religiösen, sondern vor allem einen soziologischen Hintergrund. Der soziologisch relevante Aspekt liegt für Casanova dabei darin, dass die heutige europäische Bevölkerung die Säkularisierung als logische Voraussetzung für eine moderne Gesellschaft begreift. Die Verbannung der Religion in den Privatbereich wird im Europa unserer Tage als alternativlose Notwendigkeit auf dem Weg in ein modernes Zeitalter gesehen. Paradoxerweise zeigt sich in den USA- ein Land das als der  Inbegriff für Modernität auftritt - eine entgegen gesetzte Tendenz: In Amerika, so Casanova, fühlen sich die Menschen beinahe schuldig, weil sie nicht so religiös sind, wie sie ihrer Ansicht nach sein sollten.

 

Säkularisierung  und europäische Demokratie

Der unterschiedliche Zugang  den Europa und die USA zum Thema Säkularisierung zeigen, ist mit der unterschiedlichen Geschichte der beiden Kontinente zu begründen. In Europa wurde die Trennung von Kirche und Staat  nach der französischen Revolution als unabdingbare Bedingung für eine moderne Gesellschaft erachtet. Der europäische Säkularismus bedient sich heute dem gleichen Argument, und zwar, dass die Religion die Demokratie gefährde. In diesem Zusammenhang stellt Casanova fest: „ Die Trennung von Staat und Kirche ist keine Bedingung für Demokratie. Die Säkularisierung kommt nach und nicht vor der Demokratie!“

 

USA schon  säkulär  geboren

In den USA  liegen die Dinge etwas anders und auch das Verhältnis zwischen historisch- philosophischem und politischem Säkularismus scheint weniger diskrepant zu sein. Amerika, das traditionelle Einwanderungsland, sieht sich selbst als religiöse Nation und moderne Demokratie, in der Religionsausübung und Religionsfreiheit dieselbe Stellung innehaben. Dass die amerikanische Gesellschaft einen ganz anderen Umgang mit dem Thema der Säkularisierung pflegt, liegt für Casanova daran, dass die USA schon als moderne säkularisierte Gesellschaft geboren waren. Ihre heutige Moderne wurde – anders als im traditionell christlichen Europa- nicht von einer alten Tradition her erarbeitet.

 

Blasphemie gegenüber  Säkularismus

In Europa nehmen die Auffassungen, die die Menschen in ihrem säkularisierten Staat haben, oft die ungewöhnlichsten Auswüchse an: Das Tragen des Kopftuches an Universitäten, wie etwa in der Türkei, oder der religiöse Pluralismus Großbritanniens werden von manchem externen Beobachter als Blasphemie gegenüber dem Säkularismus gesehen. Eine eigentlich paradoxe Einstellung, wenn man daran denkt, dass die Demokratie das Recht auf freie Religionsausübung klar in ihren Gesetzen verankert. Das Thema Europa, Religion und Politik, der eurozentrische Säkularismus, zeigt sich als ein sehr komplexes und verworrenes Thema. Jetzt liegt es an Europa zu begreifen, dass der Säkularismus im postchristlichen Europa eine neue Richtung braucht.

 

Globaler Säkularismus

In der abschließenden Diskussion der Fachtagung „Politik, Religion und Markt: Die Rückkehr der Religion als Anfrage an den politisch - philosophischen Diskurs der Moderne“ wurde die Säkularisierung als europäisches Phänomen und Ausprägungen des globalen Säkularismus in Indien oder China diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass der Säkularismus sich mit den Kolonien  über die ganze Welt verbreitete, von den einzelnen Staaten jedoch ganz unterschiedliche Modelle der Säkularisierung gehandhabt werden. Auch die Verwendung und Definition solcher Begriffe wie Säkularisierung und Säkularismus standen im Zentrum der Diskussion.

 

Zur Person

Der Religionssoziologe und gebürtige Spanier José Casanova studierte zunächst in Spanien Philosophie und kam dann nach Österreich,  um an der UNI Innsbruck Theologie zu studieren. In den siebziger Jahren ging Casanova nach New York. Seit 2006 ist er Vorsteher der Soziologischen Fakultät an der New School for Social Research in New York.

 

(eg)