Die Fantasie an die Macht!

Dieser Wahlspruch der französischen Studenten- und Arbeiterrevolte im Mai ´68 nahm der Frankreich-Schwerpunkt zum Motto für eine Podiumsdiskussion, die in prominenter Besetzung, moderiert von Prof. Eva Lavric, fragte, was damals wirklich geschah und was es heute für uns zu bedeuten hat.
Das „revolutionäre“ Podium v.l.: Univ.-Prof. Mag. Dr. Eva Lavric, Dr. Lotte Zörner, Lorenz Gallmetzer, Dr. Bibia Pavard, Prof. Gerald Stieg, Pauline Henri.
Bild: Das „revolutionäre“ Podium v.l.: Univ.-Prof. Mag. Dr. Eva Lavric, Dr. Lotte Zörner, Lorenz Gallmetzer, Dr. Bibia Pavard, Prof. Gerald Stieg, Pauline Henri.

„Eine große Bewegung in Richtung Freiheit, ein Vulkanausbruch, der die erstarrten, autoritären Strukturen der Gesellschaft erschütterte – in der Universität, in der Familie, in der Politik – und sie durch einen frischen Wind ersetze, dessen Atem heute noch spürbar ist“, das diagnostizierte Lorenz Gallmetzer, langjähriger ORF-Korrespondent in Paris und Leiter des Club 2, auf die Frage, wie man einem jungen Menschen von heute klarmachen könnte, was damals geschehen sei.

 

Und das zahlreich erschienene studentische Publikum – es dominierten tatsächlich die Jungen gegenüber den „´68er-Veteranen“ – lauschte gespannt, als Dr. Lotte Zörner von Institut für Romanistik schilderte, was sie im Sommersemester 1968 als Austauschstudentin in Frankreich, in Dijon, erlebt hatte: Generalstreik, Abbruch aller Verkehrsverbindungen, Fernsehbilder von Barrikaden und Demonstrationen, endlose Diskussionen an den Universitäten und eine Arbeiterschaft, die sich allerdings weigerte, den revolutionären Kampf mit der Waffe weiterzuführen. Trotzdem müsse sie heute noch, wenn sie den gepflasterten Universitäts-Vorplatz sehe, daran denken, wie leicht sich so etwas in gefährliche Wurfgeschosse verwandeln könne.

 

Reaktionäre Revolutionäre?

Auch Prof. Gerald Stieg, der heute selbst an der Sorbonne Germanistik lehrt, kam 1968 als Innsbrucker Student nach Paris und erlebte dort noch das Ende der Revolte an der besetzten Sorbonne, die letzten, schon schwach besuchten Versammlungen und den symbolträchtigen Moment, als ein (im übrigen schwarzer) Polizist auf die Kuppel der Sorbonne kletterte und dort die rote und die schwarze Fahne der Revolution wieder durch die Trikolore ersetze.

 

So umstürzlerisch sich die revoltierenden Studenten gaben, so konservativ waren viele ihrer Verhaltensmuster, wenn es um die Rolle der Frauen in der Bewegung ging: Diese durften Manifeste tippen und die Revolutionäre verköstigen, deren Leitfiguren waren aber allesamt Männer. Gerade der ´68er-Wind der Freiheit war es allerdings in der Folge, der die Frauen ermutigte, die patriarchalischen Strukturen und die diskriminierende Rechtslage nicht für gegeben hinzunehmen, und der sie in den 70er Jahren in die großen Kämpfe der Frauenbewegung hinein begleitete: Freie Empfängnisverhütung, freie Schwangerschaftsunterbrechung, rechtliche Gleichstellung in Gesellschaft und Familie, das waren die Ziele, für die die Frauenbewegung in den folgenden Jahren kämpfte und die sie auch erstritt. Darüber berichtete die junge Politikwissenschafterin Bibia Pavard aus Lille, die für die Frauenbewegung nicht die Ereignisse im Mai, aber die ganze Zeit um 1968 und ihren Geist als entscheidend einstufte.

 

„Es ging damals ja auch um die sexuelle Befreiung beider Geschlechter“, erinnerte sich Prof. Stieg. „Der eigentliche Ausgangspunkt der Revolte war ja die Auflehnung gegen die strikte Trennung von Burschen und Mädchen in den Studentenheimen gewesen.“ Auch in diesem Sinne wirke 1968 noch nach, man mache sich heute keine Vorstellung, sie verkrustet, autoritär und verlogen die Gesellschaft damals gewesen sei. Das habe insbesondere für die Universitäten gegolten, für die Mai ´68 sehr wohl zu einer tiefgreifenden Reform und zu einem neuen Geist geführt habe.

 

„Unter dem Pflaster liegt der Strand!“

„Insofern“, bekräftigte Lorenz Gallmetzer, „hat die ´68er-Bewegung ja doch ihr Ziel erreicht. Sie hat zwar nicht die politische Macht errungen, doch darum ist es ihr in Wirklichkeit niemals gegangen. Sie richtete sich gegen den Über-Patriarchen de Gaulle, gegen die brutalen Polizei-Exzesse – die erst der eigentliche Anlass waren, dass die Arbeiter sich mit den Studierenden solidarisierten –, gegen den Vietnamkrieg im Sinne einer Hippie- und Friedensbewegung, vor allem aber gegen die verzopfte Moral, die Verlogenheit und Autoritätsgläubigkeit in der Gesellschaft, die Generation der Väter, die sich noch im Krieg die Hände schmutzig gemacht hatte und die jetzt nichts mehr davon wissen wollte.“

 

Die ´68er hätten in Wirklichkeit gesiegt, so sein Fazit, eben weil unsere Gesellschaft heute anders sei, in vieler Hinsicht freier, liberaler. Heute, in Zeiten der Globalisierung, seien die Bedrohungen und Bedrängnisse nicht mehr so einfach an einer konkreten Autorität festzumachen, gegen die man sich in einer Bewegung der Revolte auflehnen könne. Weiter denn je, so Prof. Stieg, sei man aber entfernt von der damaligen Vision eines Rechts auf Muße, auf Faulheit, auf den Genuss des Lebens und der Sinnlichkeit, die die ´68er ja auch auf ihre Fahnen geschrieben hatten.

 

„Die Fantasie an die Macht!“ – was das heute bedeuten könnte, so Dr. Lotte Zörner abschließend, das müsse schon die neue Generation wieder selbst für sich erfinden!

 

(Frankreich-Schwerpunkt)