Die Europäische Stadt: Perspektiven zwischen E-City und Cosmopolis

Im Rahmen der derzeitigen Veranstaltungsreihe der Uni Innsbruck „Die Perspektiven der europäischen Stadt“ gilt es deren Wandel und Zukunft aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Am 5. Mai 2008 fand der 3. Vortrag statt, bei dem es um die städtebauliche Sicht ging. Vortragender war der deutsche Raumplaner Klaus R. Kunzmann.
Klaus R. Kunzmann referierte am 5. Mai zum Thema "Europäische Stadt - Chance oder Auslaufmodell"
Bild: Klaus R. Kunzmann referierte am 5. Mai zum Thema "Europäische Stadt - Chance oder Auslaufmodell"

Die europäische Stadt unterliegt seit jeher einem permanenten Wandel. Unterschiedliche Entwicklungen, allen voran die seit dem 19. Jahrhundert abwechselnd auftretende Stadt- und Landflucht, haben die Europäische Stadt beeinflusst und ein ständiges Neukonstruieren notwendig gemacht. Gegenüber der afrikanischen oder amerikanischen Stadt grenzt sich die Europäische Stadt durch ihr beträchtliches historisches und kulturelles Erbe ab, und nimmt  somit im globalen Kontext eine Sonderstellung ein. Dies macht es für die Zukunft der europäischen Stadt aber nicht unbedingt leichter, da es einerseits gilt Altes zu bewahren, während man gleichzeitig auf aktuelle Bedürfnisse und  Forderungen seitens der Bewohner und der Wirtschaft zu reagieren hat.

 

Exportartikel und Wiederentdeckung

Während sich die städteplanerische Zukunft Europas als schwieriger Drahtseilakt zwischen Tradition und Moderne entpuppt, wird anderswo eifrig kopiert. Denn europäische Städte findet man keineswegs ausschließlich in Europa: In Dubai, China oder Brasilien existieren Städte, bei deren Anblick man sich in Amsterdam oder Venedig glaubt. Als architektonisch perfekte Klone ihrer europäischen Vorbilder ragen sie dort aus einer ansonsten fremden Kulturlandschaft hervor.

Die europäische Stadt hat als  Exportartikel mittlerweile die halbe Welt erobert - ob als ernsthaft geplanter Lebens- und Wirtschaftsraum oder schlichter Dekorationsartikel.

Und selbst in Europa vollzieht sich mancherorts eine Wiederentdeckung der historischen europäischen Städtearchitektur deren Modell die italienische Stadt ist. Scheitern die Architekten hier an den Wünschen und Bedürfnissen der Gesellschaft oder geht es schlicht um Nostalgie?

 

Schillernde Visionen

Richtungweisend sind solch vereinzelt existierende „Nostalgiestädte“ dennoch nicht, denn die Baumeister des 21. Jahrhunderts haben weitaus mehr zu bieten.  Unter neuen demographischen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen wollen die Architekten und Raumplaner einen funktionierenden Kompromiss zwischen Tradition und Moderne finden. Für die Entwicklung der Europäischen Stadt eröffnen sich in unseren Tagen die unterschiedlichsten Perspektiven. Die schillernden Visionen der Politiker, Wirtschaftstreibenden, Architekten und Raumplaner  reichen dabei von der grünen Eco-City über die technologiedominierte  E-Ciy  bis hin zur multikulturellen und harmonischen Cosmopolis oder der Kreativen Stadt. 

 

Trend zur Kreativen Stadt

Gegenwärtig ist vor allem ein Trend zum Konzept der Kreativen Stadt spürbar, da amerikanische Ökonomen mit Begeisterung predigen, dass Metropolen zukünftig nur dann erfolgreich sein werden, wenn sie kreativ sind und kreative Menschen anziehen. In der Kreativen Stadt sind Technologie, Talent und Toleranz gleichermaßen ausgeprägt und der wirtschaftliche Erfolg der Metropole wird durch die Kreativität der Bevölkerung gesichert. Die Ecocity hingegen tritt als ökologisch korrekte Stadt auf und strebt nach beinahe Utopien wie der vollständigen Versorgung der Bevölkerung mit Bio-Lebensmitteln aus der Region. Die E-City wiederum agiert als Technopolis  und bietet das komplette elektronische Leben: von E-Health bis E-Traffic. In der Comopolis schließlich sollen Menschen aus vielen Regionen und Kulturen friedlich zusammenleben.

Zwischen Traum und Realität bestehen dabei natürlich erhebliche Diskrepanzen. Und generell  hat keines dieser Modelle den zukünftigen Erfolg der europäischen Stadt für sich allein gepachtet.

 

Lebensqualität und Qualifikationsstrategien

“Die Europäische Stadt muss Lebensqualität und Qualifikationsstrategien bieten. Dabei muss ein Gleichgewicht zwischen Staat, ziviler Gesellschaft und der Wirtschaft herrschen“, definiert  der Raumplaner Klaus R.  Kunzmann klar die Anforderungen an and die europäische Stadt der Zukunft. Lebensqualität, Bildung und Internationalität seien die drei Säulen, auf denen es die europäischen Städte der Zukunft zu errichten gälte.

 

Diskussionsrunden

Nach den Vorträgen des Soziologen Walter Siebel (7.April 2008), des Geographen Heinz Fassmann ( 21.4.2008) und des Raumplaner Klaus. R. Kunzmann (5.Mai.2008) geht es mit zwei Diskussionsrunden rund um das Thema „Perspektiven der europäischen Stadt“ weiter. Am 19. Mai 2008 findet die erste Diskussionsrunde statt, die den  Titel „Stadt-Land-Beziehungen“ trägt. Diskutieren werden Christiane Thalgott (Stadtbaurätin a. D.) und Thomas Sieverts (Architekt) unter Moderation von Eugen Antalovsky. Die 2. Diskussionsrunde wird am 2. Juni 2008  mit dem Thema „Global Cities und der Rest“  stattfinden. Diskutieren werden Roger Keil (Politikwissenschaftler und Stadtforscher) und Martin Wentz (Stadtrat a.D., Stadtplaner). Moderiert wird der runde Tisch von Yuri Kazepov.

 

Text: Eva Griesser