Geisteswissenschaften als Projekt der gesamten Gesellschaft

Passt Bildung nicht in unsere Zeit? – So lautete die Frage, die die Teilnehmer der letzten Podiumsdiskussion im Rahmen der „Bildungsdebatte Österreich“ beschäftigte. Dafür fand sich im ORF Tirol Kulturhaus neben Professoren aus den USA und Frankreich, dem Rektor der TU Wien kein geringerer als der österreichische Wissenschaftler des Jahres 2006 Prof. Konrad Paul Liessmann ein.
Das Podium: v.l.: Prof. Raaflaub, Prof. Skalicky, Prof. Confais und Prof. Liessman
Bild: Das Podium: v.l.: Prof. Raaflaub, Prof. Skalicky, Prof. Reinalter, Prof. Confais und Prof. Liessman

Bei den ersten beiden Veranstaltungen der von der Philosophisch-Historischen Fakultät initiierten Bildungsdebatte standen regionale und nationale Bildungsfragen im Mittelpunkt. Der letzte Teil mit dem Titel „Passt Bildung nicht in unsere Zeit? Die Zukunft der Geisteswissenschaften im internationalen Vergleich“ sollte die österreichische Bildungssituation in einen internationalen Kontext stellen. In diesem Sinne ließ der Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät, Christoph Ulf, in seiner Begrüßung die Ergebnisse der vergangenen Diskussionen Revue passieren, bevor er den Ball an Moderator Prof. Helmut Reinalter und folgende Diskussionsteilnehmer weiterspielte:

 

  • Prof. Jean-Paul Confais (Département Langues étrangères, Université de Toulouse II Le Mirail)
  • Prof. Kurt Raaflaub (Department of Classics, Brown University, Rhode Island)
  • Prof. Konrad Paul Liessman (Institut für Philosophie, Universität Wien)
  • Prof. Peter Skalicky (Rektor der TU Wien)

 

Als Diskussionsanstoß fasste Prof. Reinalter die Krisensituation der Geisteswissenschaften in Österreich in vier Punkten zusammen, wollte diese Punkte jedoch nicht als „Thesen und Theorien, sondern als Fragen“ verstanden haben. Besonders intensiv aufgegriffen wurde in der darauffolgenden Diskussion die Aussage Reinalters, wonach Wissenschaften heute in erster Linie aus ökonomischer Perspektive bewertet würden. Zentrale Streitfrage war dabei, welche Rolle der Wettbewerbsgedanke für die Positionierung der Wissenschaften in Politik und Gesellschaft spielt und warum die Geisteswissenschaften im Wettbewerb um Forschungsgelder die schlechteren Karten haben.

 

Autoimmunerkrankung der Geisteswissenschaften bekämpfen

Prof. Skalicky bekannte sich zu Beginn der Runde voll zur Unireform 2002 und lobte die Autonomie, die den Universitäten damit zugestanden werde. Die Behandlung der einzelnen Disziplinen würde damit von einem bildungspolitischem zu einem „100 Prozent hausgemachten Problem“, da es im Ermessen der einzelnen Universitäten läge, neue Fakultäten zu gründen und andere aufzulassen. In Hinblick auf die Verteilung der finanziellen Ressourcen könne er keine Kluft zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften sehen. Letztere benötigen allerdings laut Skalicky naturgemäß mehr Budget, da für die naturwissenschaftliche Forschung aufwändige Laboratorien notwendig seien. Außerdem vermutete er in der negativen Selbstwahrnehmung der Geisteswissenschaften eine intellektuelle Autoimmunerkrankung, die es zu bekämpfen gelte.

 

Anwendbarkeit nicht unbedingt ein Indiz

 

„Die Geisteswissenschaften durchlaufen unterschiedliche Konjunkturen“, meinte Prof. Liessmann und fügte hinzu, dass Bildungsfragen immer mehr zu Fragen eines bestimmten Milieus würden. Was früher zum kanonisierten Allgemeinwissen zählte, ist heute eine Sache für Special-Interest-Gruppen. Im Gegensatz zu Skalicky kann er sehr wohl eine Konkurrenzsituation unter den unterschiedlichen Wissenschaftsdiziplinen erkennen. Das Bestehen im Wettbewerb dürfe aber laut Liessmann „nicht der entscheiden Motivationsfaktor für Wissenschaftler sein.“ Es gehe vielmehr um das Interesse an der Sache. Da sich am Markt letztendlich jene wissenschaftlichen Erkenntnisse durchsetzen, die in der Praxis unmittelbar angewendet werden können, haben laut Liessmann die Naturwissenschaften einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Anwendbarkeit sei aber nicht unbedingt ein Indiz für Relevanz und Qualität in der Forschung. Geistwissenschaften können demnach, wie Grundlagenforschung im Allgemeinen, nicht ökonomisiert werden.

 

Geisteswissenschaftliche Studien mit Berufsorientierung?

 

In Frankreich, so Professor Confais, spüre er keine Krise der Geisteswissenschaften, zumindest nicht was deren Akzeptanz betreffe. Allerdings mussten auf Druck der Regierung in den Geisteswissenschaften berufsorientierte Studiengänge geschaffen werden, was mitunter sehr schwierig sei, wie er beklagte. Insgesamt vollziehe sich, so Confais, in allen Fächern eine Spaltung zwischen berufsorientierten und wissenschaftlichen Studiengängen. Aufgrund der stärkeren Berufsorientierung, mangle es in bestimmten Fächern an Nachwuchs, weil es einfach keine entsprechenden Stellen für Abgänger gäbe. Auch die Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften sei in Frankreich nicht so ausgeprägt wie in Österreich, da man nicht eine Uni für alle Disziplinen sondern, nach Disziplinen getrennte Universitäten habe.

 

Den Faktor Mensch besser bewältigen

 

Professor Raaflaub sieht die Geisteswissenschaften als unerlässlichen „Luxus“. Sie verleihen den anderen Wissenschaften einen menschlichen Rahmen und helfen, Wissen verantwortlich zu verwalten und mit Problemen umzugehen, die sich durch neue Erkenntnisse ergeben. Letztendlich ist es laut Raaflaub Aufgabe der Geisteswissenschaften, „den Faktor Mensch besser zu bewältigen.“ Deshalb seien „die Geisteswissenschaften ein Projekt der gesamten Gesellschaft.“ In den USA sind Geisteswissenschaften sehr populär, werden häufig von den Studenten gewählt und haben unter den Schwerpunktfächern einen hohen Anteil. Auch das Bewusstsein um deren Stellenwert sei in den USA vielerorts vorhanden. Als Beispiel dafür führte Prof. Raaflaub die North Western University in der Nähe von Chicago an, die durch die Entdeckung eines Medikaments reich wurde, und ein Drittel ihrer Einnahmen für die Geisteswissenschaften beiseitelegte.
Raaflaub könnte sich als Grundlage für alle Fachstudien eine Mischung aus Gymnasium und dem amerikanischen Collegesystem vorstellen. Diese wäre für angehende Studenten eine „preparation for life“ und würde den Geisteswissenschaften wieder ausreichend Raum in unserer Zeit geben.

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