Wie ändern sich Beruf und Freizeit in der Zukunft?

Welche Auswirkungen wird das Phänomen „Freizeit“ auf unsere Lebens- und Arbeitswelt im 21. Jahrhundert haben? – Diese und weitere Fragen warf Prof. Reinhold Popp vom Zentrum für Zukunftsstudien an der FH Salzburg im Vortrag „Zukunft: Lebensqualität im Spannungsfeld zwischen Beruf und Freizeit“ auf.
Prof. Reinhold Popp
Bild: Prof. Reinhold Popp

Dieser Vortrag war der zweite aus der Reihe „Zukunft und Gegenwart der Arbeit“, die vom Arbeitskreis „Wissenschaft und Verantwortlichkeit“ in Zusammenarbeit mit dem Zukunftszentrum Tirol organisiert wird.

 
Wissenschaftliche Zukunftsforschung

Prof. Popp stellte gleich zu Beginn klar: „Die“ Zukunft gibt es nicht! In Wahrheit gibt es nur „Zukünfte“, also mehrere Szenarien, wie sich unsere Gesellschaft in der Zukunft entwickeln könnte. Welche Szenarien realisiert würden, hinge von der Gestaltungskraft gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Interessengruppen ab.

 
 Zukunft: Zeitbudget

Aufgrund der kollektiven Verkürzung der Berufszeit, v.a. aber der Verlängerung der durchschnittlichen Lebenszeit-Erwartung hat sich in den Ländern der sog. Ersten Welt das Verhältnis zwischen beruflich gebundener - und außerhalb des Berufs verbrachter Zeit im Laufe des 20. Jahrhunderts in fast unglaublichem Ausmaß verschoben. 90% seiner Lebenszeit verbringt der Mensch heute außerhalb des Lebensbereichs „Beruf“. Vor allem die Lebensphase von 50 aufwärts wird immer mehr zu einer Freizeitphase. Die Frage lautet nun: Was sollen wir mit so viel dazu gewonnener Lebenszeit eigentlich anfangen? Wie lässt sich dieses „Lebenszeitbudget“ sinnvoll gestalten?

Der wahrscheinlich wichtigste Trend der ersten Jahrzehnte unseres 21. Jahrhunderts besteht, so Popp, in einem tiefgreifenden Wertewandel im Hinblick auf den selbstbewussten, möglichst selbstbestimmten und subjektiv befriedigenden Umgang mit der Lebenszeit. Die Menschen werden zunehmend die Ressourcen Geld, Raum und Bildung zur Gestaltung des Zeitbudgets einsetzen, um eine möglichst hohe Lebensqualität zu erreichen, also - so die Definition des Zentrums für Zukunftsstudien - Grundbedürfnisse des materiellen Wohlstandes, soziale Identität und Zugehörigkeit, Beteiligung, Selbstverwirklichung, Persönlichkeitsentwicklung, sinnvolle Arbeits- und Freizeitgestaltung zu verwirklichen.

 
 Zukunft: Beruf : Lebensqualität

Für die Zukunft warnte Popp vor einer fatalen Fehleinschätzung der zukünftigen Dienstleistungsentwicklung: Es werde nicht zu einer Ablöse der „Industriegesellschaft“ durch eine „Wissensgesellschaft“ kommen, sondern vielmehr werden sog. Knowledge-Workers in einem expandierenden Dienstleistungssektor arbeiten, der eng mit der industriellen Produktion verzahnt ist. Daneben werden Dienstleistungsberufe aus den Bereichen Aus- und Weiterbildung sowie Gesundheits- und Sozialwesen, sowie freizeitbezogene - und ökologische -  Dienstleistungen von Bedeutung sein. Lebenslanges Lernen werde unverzichtbar sein, sich aber zunehmend von Schulen und Universitäten an freizeitbezogene Lernorte (z.B. World Wide Web) verlagern, so Popp.

 
„Normal-Arbeitsverhältnis“ – Normal?

Die sozial abgesicherte Vollzeitanstellung wird im Jahr 2020 nur noch für 45% der ArbeitnehmerInnen Realität sein. Zum Vergleich: In den 1970ern waren es noch 90%, heute sind es noch ca. 55%. Häufiger wird der Typus des sog. „Job-Nomaden“ sein, mit den entsprechenden Auswirkungen auf den Immobilienmarkt. Immer stärker werde auch der sekundär-ökonomische Bereich, eine Grauzone zwischen Nachbarschaftshilfe und Schwarzarbeit. Modelle zur Grundsicherung großer Bevölkerungsteile wie das Grundeinkommen werden weiter diskutiert werden.

 
Zukunft: Freizeit : Lebensqualität

Freizeit wird (auch) in Zukunft als gigantischer Job-Motor fungieren. Daneben wird es auch weiterhin ehrenamtliches Engagement mit allen Chancen und Risken geben; die Entwicklung vom Versorgungs- hin zum Erlebniskonsum zeichnete Popp am Beispiel der Shopping Cities, die zunehmend als Treffpunkte, Kommunikationszentren und Spielplätze für Jung und Alt dienen werden. In Zukunft werde es notwendig sein, Bürger vermehrt zu Partizipation und solidarischem Engagement zu animieren.