Ausbildung ist nicht Bildung

Mit dieser und anderen brisanten Thesen lieferte der Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät Christoph Ulf in seinem Einführungsvortrag jede Menge hochinteressanten Stoff für die Podiumsdiskussion „Ist lebenslanges Lernen Bildung“. Der Abend verlief trotz der unterschiedlichen Positionen der Teilnehmer harmonisch.
Dekan Christoph Ulf bei seinem Einführungsvortrag
Bild: Dekan Christoph Ulf bei seinem Einführungsvortrag

Die Wichtigkeit und Aktualität des diskutierten Themas lockte zahlreiche UniversitätsprofessorInnen, InstitutsleiterInnen, Studierende, Interessierte und nicht zuletzt Rektor Manfried Gantner ins bestens besuchte ORF Tirol Kulturhaus am Rennweg.

 

Denkfallen als Anstoßpunkte

In seinem Einführungsvortrag zur anschließenden Diskussion formulierte und widerlegte Dekan Ulf folgende fünf Denkfallen in Hinblick auf das Thema Bildung im Zeitalter der Globalisierung, der Wissens- und Wettbewerbsgesellschaft und des ständigen Wandels.

  1. Globalisierung ist etwas Neues
  2. Wettbewerb ist ein menschlicher Trieb
  3. Denkleistung lässt sich in Zahlen messen
  4. Ausbildung ist Bildung
  5. Lebenslanges Lernen ist Bildung

 

Bei der Darlegung der vierten Denkfalle stellte Dekan Ulf die These auf, dass „Ausbildung ein Ablaufdatum hat, Bildung hingegen keines.“ Mit dieser Feststellung sowie mit seinen fünf Denkfallen gab Dekan Ulf wichtige Anstoßpunkte für die Diskussionsteilnehmer. Darüber hinaus präsentierte er Zahlen zur Verlagerung der finanziellen Ressourcen der Universität Innsbruck zu Ungunsten der Geisteswissenschaften, und verlieh seiner Verwunderung Ausdruck, dass dies „ohne öffentlichen Aufschrei geschehen sei“.

 

Konkurrenzdenken versus Persönlichkeitsbildung

Im Rahmen ihrer Anfangsstatements legten die fünf TeilnehmerInnen Kommerzialrat Arthur Thöni (Thöni Industriebetriebe GmbH), Dr. Andreas Braun (GF Swarovski Kristallwelten), Prof. Sabine Schindler (Institut für Astro und Teilchenphysik), Prof. Brigitte Mazohl (Institut für Geschichte und Ethnologie) und Prof. Paul Naredi (Institut für Kunstgeschichte) ihre zum Teil unterschiedlichen Grundhaltungen zum Diskussionsthema dar.

Prof. Naredi-Rainer versteht Bildung als Formung der Persönlichkeit und des ganzen Menschen, die nicht an einen unmittelbar erkennbaren Zweck gebunden sein muss. Prof. Schindler hingegen erläuterte die Konkurrenzsituation beim Kampf um Forschungsgelder, dem man sich stellen müsse, um bei der Geldmittelverteilung nicht zu kurz zu kommen. Prof. Mazohl hielt dem entgegen, dass sich die geisteswissenschaftliche Forschung dem ungeeigneten Kriteriendiktat der Naturwissenschaften unterwerfen müsse, wenn sie Geld für Forschung wolle. Zudem kritisierte sie die momentane Entwicklung der Universitäten, die völlig konträr zu den selbstformulierten Leitbildern verlaufe. Es fände zu wenig Selbstreflexion statt, und die Universität entwickle sich vom Ideal eines „Hauses der Weisheit“ weg. Arthur Thöni hielt fest, wie unabdingbar sprachliche, kulturelle und soziale Kompetenzen für die Herausforderungen eines international tätigen Unternehmens sei. Betonte allerdings auch, dass „das Wissen von gestern noch nie so schnell überholt sei wie in der heutigen Zeit.“ Braun forderte „ganze Menschen, die sich für alles interessieren“ und meinte ergänzend, dass Empathie und Interesse für alle Richtungen bereits in Kindergarten und Volksschule und nicht erst an der Universität geweckt werden sollen.

 

Richtige Mischung aus Lyrik und Prosa

Trotz der verschiedenen Positionen war man sich bereits in den ersten Runden einig, dass das Lernen von anderen sowie mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig sei, und jede Studienrichtung ihre Daseinsberechtigung habe. Dr. Braun brachte die Quintessenz der Debatte durch eine sehr geisteswissenschaftliche geprägte Metapher auf den Punkt. Man brauche „die Lyrik ebenso wie die Prosa“, verdeutlichte Braun und meinte damit, dass eine Mischung von geisteswissenschaftlicher Bildung und unmittelbar praxisorientierten Lernens von Nöten sei. – Bleibt nur noch die Frage offen, inwieweit das einhellige Ergebnis sich tatsächlich auf die Zukunft der Geisteswissenschaften auswirkt.

 

Die Bildungsdebatte geht weiter

Die Podiumsdiskussion „Ist lebenslanges Lernen  Bildung“ ist Teil einer Reihe unter dem Obertitel „Bildungsdebatte Österreich“, die in zwei weiteren Veranstaltungen am 25. April und am 18. Juni fortgesetzt wird.