Padanien: der autonome Staat der Lega Nord in Norditalien

Das Italien-Zentrum der LFU Innsbruck lud vergangene Woche zum abschließenden Vortrag aus der interdisziplinären Reihe „Die Poebene im Blickpunkt“. Der Politikwissenschaftler Prof. Günther Pallaver sprach vor zahlreich erschienenem Publikum zum spannenden Thema „Die Lega Nord und die Konstruktion von Padanien“.
Prof. Günther Pallaver und Dr. Benedikt Saurer, der durch den Abend führte
Bild: v.l.: Prof. Günther Pallaver und Dr. Benedikt Saurer, der die anschließende Diskussion moderierte

 

Den Abschluss der Reihe bildete am 24. Januar Prof. Günther Pallavers politikwissenschaftlicher Vortrag zum Thema „Die Lega Nord und die Konstruktion von Padanien“. Unter „Padanien“ werden die norditalienischen Provinzen von den Alpen bis zum Apennin verstanden. Der Begriff entstand zunächst nach dem Zweiten Weltkrieg als Antwort auf das zentralistisch geführte Italien und war ein Ausdruck eines stärker werdenden Individualitätsgedankens vieler Norditaliener. Prof. Pallaver betonte, dass Padanien zu diesem Zeitpunkt eine Bezugsgröße war, mit der die geographische, ethnische, kulturelle und wirtschaftliche Einheit Norditaliens betont werden sollte. Ab den 90er Jahren erhielt die „Padania“ politische Bedeutung, was insbesondere durch die Forderung seitens der politischen Partei Lega Nord nach einem unabhängigen Padanien (1996) zum Ausdruck kam. Die Partei unter dem Vorsitz von Umberto Bossi hatte die Sezession des wirtschaftlich starken Nordens vom schwächeren Süditalien zum Ziel. In seinem Vortrag stellte Prof. Pallaver den Aufstieg und Fall dieser politischen Forderung und ihrer Verfechter vor.

 

Die Lega Nord wollte mit der Gründung Padaniens Norditalien eine eigenständige Identität verschaffen, wobei vor allem eine Verlagerung der staatlichen Kompetenzen auf die einzelnen Regionen erreicht werden sollte. Seit ihrer Gründung 1989 durchlief die Lega Nord eine Entwicklung von einer rein regionalen Partei hin zu einer rechtspopulistischen Bewegung. Bereits bei ihrem ersten Wahlantritt 1992 erreichte sie ein Ergebnis von 8,6 Prozent und revolutionierte damit die italienische Parteienlandschaft. Die Lega Nord hat damals als erste Partei die politischen Spannungen der italienischen Gesellschaft aufgegriffen und den Bedürfnissen der Bevölkerung eine Stimme verliehen. Spannungen zwischen Norditalien und Süditalien waren ebenso Thema ihres politischen Engagements wie die immer stärker werdende Einwanderung von Nicht-EU Bürgern nach Italien. Als Folge des erstaunlich hohen ersten Wahlergebnisses beschleunigte sich der Diskurs um eine stärkere Autonomie Norditaliens, wodurch, so führte Prof. Pallaver aus, die Verfolgung der Idee einer eigenständigen Nation „Padania“ als politisches Ziel der Partei geboren war.

 

Bei den Parlamentswahlen 1994 kandidierte die Lega Nord zusammen mit den Mitte-Rechts-Parteien. Nach dem Wahlsieg des Parteienbündnisses tritt sie in die erste Regierung Berlusconis ein. Ende des Jahres entzieht der Vorsitzende der Lega Nord, Umberto Bossi, dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi das Vertrauen und bringt dadurch die Regierung zu Fall.

 

Die Gründung Padaniens wird in den folgenden Jahren immer stärker zum politischen Ziel der Partei. Bei den Neuwahlen 1996 erreicht die Lega Nord ihren Höhepunkt und kann 10,1 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Am 15. September 1996 ruft die Lega Nord offiziell die Gründung Padaniens aus. Die Sezession von Italien wird mit der Vereidigung der ersten padanischen Regierung untermauert. Ob dieser Staat jedoch im Fall einer offiziellen Anerkennung erfolgreich gewesen wäre, konnte auch in der an den Vortrag anschließenden Diskussion nicht vollständig geklärt werden.

 

Seit dem Schlaganfall ihres Vorsitzenden Bossi am 11. März 2004 befindet sich die Lega Nord in einer Krise. Die Diskussion um die Nachfolge führte zu einer Schwächung der Partei. Bei den Wahlen 2006 konnte sie nur 4,5 Prozent erreichen. Heute ist der Gedanke an ein unabhängiges Padanien eine nostalgische Erinnerung. Prof. Pallaver wies in der anschließenden Diskussion darauf hin, dass die Idee eines eigenständigen Norditaliens heute nicht mehr zeitgemäß wäre. Fragen nach Sezession und Unabhängigkeit wären in Zeiten offener Staatsgrenzen innerhalb der EU hinfällig.

 

Mit seiner zweiten Vortragsreihe konnte das Italien-Zentrum nunmehr seine Position als Anbieter wissenschaftlicher Italien-bezogener Bildungsveranstaltungen an der LFU Innsbruck für Studierende, aber auch Interessierte aus dem außeruniversitären Bereich, festigen. Das kommende Sommersemester wird wieder einzelnen Schwerpunktveranstaltungen, die ebenso frei und öffentlich zugänglich sind, gewidmet sein.