Wasserkraftausbau in Tirol – Die Universität ist bereit!

Am Freitag, 1.12.2006, fand an der Baufakultät Innsbruck eine Informationsveranstaltung zum hochaktuellen Thema „Wasserkraftausbau in Tirol“ statt. Der Große Hörsaal war gut gefüllt und das Publikum folgte über fünf Stunden lang den Worten der Vortragenden.
TIWAG Vorstandsdirektor Wallnöfer, VR  Märk, LR Bodner, Dekan Pelster, Dekan Husty
Bild: TIWAG Vorstandsdirektor Wallnöfer, VR Märk, LR Bodner, Dekan Pelster, Dekan Husty

Vizerektor Tilmann Märk stellte in seiner pointierten Begrüßungsrede klar, dass eigentlich alle 15 Fakultäten direkt bei wasserbaulichen Großprojekten eingebunden sind und spannte den Bogen von den rechtlich zu lösenden Problemen, über die Psychologie bei den Verhandlungsstrategien sogar zur Katholisch-Theologischen Fakultät, die für den „Segen von Oben“ – zumindest bei den Barbara- und Einweihungsfeiern zuständig wäre. Die gesamte Universität steht mit ihrer wissenschaftlichen Lösungskompetenz für die verschiedensten Problemstellungen bereit!

 

Wirtschaftslandesrat Mag. Hannes Bodner begrüßte die Initiative der Universität für die Informationsveranstaltung und stellte klar, dass der politische Wille zum Ausbau der heimischen Energiepotentiale genutzt werden muss – auch zu Schaffung neuer Arbeitsplätze und zur Sicherung des Wirtschaftsstandortes Tirol. Es sei klar, dass diese großen Bauvorhaben nur unter Berücksichtigung aller gesetzlicher Auflagen erfolgen können. Die LFU Innsbruck kann mit ihren hervorragenden WissenschaftlerInnen einen wesentlichen Beitrag für den Ausbau alternativer, erneuerbarer Energien liefern.

 

Der Vorstandsdirektor der TIWAG - Tiroler Wasserkraft AG, Dr. Bruno Wallnöfer zeigte sich erfreut, dass nunmehr auf dem „neutralen und objektiven Boden der Universität“ die Zeit für eine wissenschaftliche Diskussion und Information gekommen ist. Die in Ausarbeitung befindlichen Projekte stellen sowohl eine große Herausforderung für den Bauherrn als auch für die Bauwirtschaft dar. In vielen Fragen wird eine Unterstützung durch die LFU Innsbruck erhofft und erwartet. Vorstandsdirektor Wallnöfer streifte in seinem Statement die geschichtliche Entwicklung der einzelnen Verfahrensschritte und zeigte den weiteren Weg zur Projektrealisierung auf. Nach der politischen Grundsatzentscheidung der Tiroler Landesregierung (26. Juni und 06. Juli 2006) schreitet die TIWAG nunmehr zur Umsetzung des Masterplans und wird als erstes den Ausbau der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz („Kühtai 2“) in Angriff nehmen.

 

Wasserkraftausbau aus sozio-ökologischer Sicht

Der Dekan der Fakultät für Biologie, Prof. Dr. Bernd Pelster, führte zum ersten Teil der Informationsveranstaltung, dem „Wasserkraftausbau aus sozio-ökologischer Sicht“ über. Er betonte, dass gerade an seiner Fakultät nach wissenschaftlich-objektiven Kriterien für die Beurteilung der verschiedensten Einflüsse  geforscht werde.

Prof. Dr. Roland Psenner vom Arbeitsbereich Limnologie ging in seinem Statement auf die globale Energiesituation, auf Mythen und auf Perspektiven ein. Es sei allen bewusst, dass wir in einer globalen Krise stecken: Erderwärmung, Anstieg des Meeresspiegels und Energiemangel seien Tatsachen; aus heutiger Sicht wird die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen im Jahr 2030 immer noch bei 80 % liegen und der CO2-Ausstoß 50 % höher sein als 2003. Viele „Alternativen“ sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein – oder sie rauben uns die letzten natürlichen Ökosysteme!

Prof. Dr. Wolfgang Rauch vom Arbeitsbereich für Umwelttechnik verwies in seinem Statement auf die Grenzen der Wasserressourcen, deren Nutzung und die Einflüsse der EU-Wasserrahmenrichtlinie auf die Projektierung bei Wasserkraftanlagen. Prof. Rauch zeigte aus dieser Sicht auch die Problembereiche auf: Die Durchgängigkeit der Fließgewässer, die Restwasserfrage, die Schwallbegrenzung und das Verschlechterungsverbot des ökologischen Zustands bei Neuanlagen werden noch einige wissenschaftliche Lösungsansätze benötigen!

 

Schweizer Wasserbauexperten zum Ausbau in Tirol

Im Haupt-Vortragsteil kamen daran anschließend zwei Schweizer Experten zu Wort: Dr. Alfred Johny Wüest  von Surface Waters – Research und Management FZL – EAWAG, Kastanienbaum, sprach über die ökologischen Auswirkungen von alpinen Wasserkraftwerken auf die unterliegenden Gewässer. Dr. Wüest bezog sich auf schweizerische Beispiele, an denen er die hydrologischen Veränderungen skizzierte. Vielleicht hat er mit dieser geschickten Wahl der Gewässer eine emotionsgeladene Diskussion über örtliche, Tiroler Probleme etwas gedämpft, seine top-aktuellen Diagramme und Darstellungen haben die Zuhörer eher nachdenklich gestimmt!

Prof. Dipl.-Ing. ETH Paul Hardegger-Schuler, Leiter des Instituts für Bau und Umwelt an der Hochschule für Technik in Rapperswil, führte die Teilnehmer zur „Wertschöpfung der Wasserkraft aus gesamtheitlicher Sicht“. Über die Einführung in die „Tripel-Budgetierung“ (ökonomisch – ökologisch – sozial) – einer anerkannten Methodik zur Qualifizierung   - spannte Prof. Hardegger den Bogen zu den Wertschöpfungskomponenten der aktuellen TIWAG-Projekte und zeigte an Referenzbeispielen die verschiedenen Gesichtspunkte und Bewertungen auf.

 

Wasserkraftausbau in Tirol aus technischer Sicht

Den zweiten Teil „Wasserkraftausbau in Tirol aus technischer Sicht“ moderierte der Dekan der Fakultät für Bauingenieurwissenschaften, Prof. Dr. Manfred Husty. Der Hörsaal war auch bei diesem anspruchsvollen Vortragsteil bis auf den letzten Platz gefüllt und so konnten alle Teilnehmer von Dekan Husty die „freudige Botschaft“ vernehmen, dass ab Feber 2007 die Planstelle eines Universitätsprofessors für Konstruktiven Wasserbau an der Baufakultät Innsbruck durch Prof. Dr. Markus Aufleger besetzt werden kann. Prof. Aufleger kommt von der Technischen Universität München, Versuchsanstalt Obernach, und ist ein international angesehener Wasserbauexperte.

Dr. Bernhard Hofer der für die Tiroler Wasserkraft die technische Gesamtplanung der verschiedenen Projekte über hat, zeigte in sehr anschaulicher Art und Weise mit seinem Team die wesentlichen Projektierungsparameter für die neuen Projekte auf. Nach einer Projektsübersicht – mit Vertiefung beim Projekt Sellrain-Silz - gingen die Projektleiter der Planungsteams in der detaillierteren Präsentation schwerpunktmäßig auf folgende Problemstellungen ein:

  • Sedimentbewirtschaftung (Neubau PSW Raneburg-Matrei) Dr. Robert Boes
  • Hochwasserschutz (Ausbau Kraftwerk Kaunertal) Dipl.-Ing. Wolfgang Kofler
  • Quellbeweissicherungen (Neubau PSW Malfon) Dr. Frank Eibl
Externer Gutachter über die TIWAG Projekte

Zum Abschluss der Informationsveranstaltung konnte – dank der Genehmigung durch die Tiroler Landesregierung – der externe Gutachter, Prof. Dr. Theodor Strobl von der Technischen Universität München, Institut für Wasserbau, zu den TIWAG-Projekten Stellung nehmen. Im Wesentlichen fasste Prof. Strobl sein öffentlich zugängliches Gutachten in konzentrierter Form zusammen und vertiefte sich dabei in den Ausbau der möglichen Hochwasserschutzfunktion bei Wasserkraftspeichern. Die Informationsveranstaltung kann als gelungener Auftakt für weitere Gespräche auf universitärem Boden gewertet werden.