„Wer Ibrahim heißt, ist nicht beschäftigungsfähig.“

Um Integration und Diskriminierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Österreich, Deutschland und Frankreich drehte sich eine Tagung, die vom Frankreich-Schwerpunkt der LFU gemeinsam mit dem Französischen Kulturinstitut und dem Verein Join in, der sich im Rahmen des europaweiten EQUAL-Projekts mit „Integration < 25“ befasst, organisiert wurde.
Die Tagung stieß auf reges Interesse
Bild: Die Tagung stieß auf reges Interesse

An zwei Tagen diskutierten VertreterInnen aus vier Ländern (Österreich, Deutschland, Frankreich, und eine Delegation aus der Slowakei) über die Probleme und Möglichkeiten, junge Menschen der ersten, zweiten und dritten Generation von Einwanderern in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen in dem doppelt schwierigen Prozess der Selbstfindung, der Jugend als Migrant(in) bedeutet, Identitätskonstruktion und Chancengleichheit zu ermöglichen.

 

In der Einleitung betonten Vizerektor Tilmann Märk und die Leiterin des Frankreich-Schwerpunkts, Prof. Eva Lavric, die Bedeutung der Veranstaltung für den Schwerpunkt, der für dieses   Event mit Akteuren aus dem gesellschaftlichen Umfeld kooperierte und ein besonders aktuelles und brisantes Thema aufgriff. Dr. Carine Delplanque, die Leiterin des „Institut français d’Innsbruck“, und Dr. Gerhard Hetfleisch, Geschäftsführer von „Join in“, freuten sich über die Kooperation mit der LFU und die Präsenz von Experten aus Wissenschaft und Praxis aus den teilnehmenden Ländern.

 

Die Referenten 

Prof. Dr. Jörg Becker (Politik- und Kommunikationswissenschaft Solingen), fragte eingangs, ob, wann und wie Menschen in der Kindheit programmiert werden, sich jemand vor dem Fremdem zu fürchten oder neugierig darauf zugehen zu   können. Sei Beitrag machte sich aus soziologisch-philosophischer Perspektive Gedanken darüber, wie „Integration“ zu definieren und zu bewerten sei. Am Ende schloss er mit der Angregung, den   Begriff besser durch „Respekt und Würde“ zu ersetzen.

 

Safter Çinar (Sprecher des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg) stellte die Problematik aus der Sicht der MigrantInnen dar und betonte die Bedeutung von Vereinen und Selbstorganisation für die Integration, im Gegensatz zu Modellen, die Hilfe, aber damit auch Bevormundung, in den Vordergrund stellten.

 

In dieselbe Richtung ging der Erfahrungsbericht der französischen Delegation (Dr. Michel Moraël, Aïcha Baoud), die ein gelungenes Integrationsprojekt in einer französischen Banlieue (Mantes-la-Jolie, 60 km von Paris) vorstellten, bei dem es vor allem darum ging, den Eltern wieder die Verantwortung für ihre Kinder zu übertragen und für sie die Möglichkeit zu schaffen, durch Networking über das eigene Stadtviertel hinaus die Beschäftigungschancen für die Jugendlichen zu verbessern.

 

Daran anschließend berichtete die Innsbrucker Romanistik-Studentin Katharina Pöschl, die als Deutsch-Assistentin in verschiedenen Pariser Vororten arbeitet, von der schwierigen Situation in den dortigen Schulen, in denen die Mittel nicht vorhanden sind, um bildungsmäßige Chancengleichheit zu garantieren, und von den Frustreaktionen seitens der Schüler wie der Lehrer, aber auch von begrüßenswerten Einzelinitiativen.

 

Nach den Praktikern kam dann wieder ein Experte zu Wort: Doz. Dr. Dietmar Loch (Soziologe, Universität Grenoble II) analysierte die Hintergründe der französischen Jugendkrawalle im Vorjahr und die schwierige Situation in den französischen Vorstädten, wobei er betonte, dass alle beteiligten Jugendlichen – teilweise schon aus der dritten Generation – die französische Staatsbürgerschaft haben und von der Gesellschaft Chancen einfordern, die ihnen und ihrem sozialen Umfeld verweigert werden.

 

Schließlich wurde der Blick nach Österreich, konkret nach Tirol, gerichtet, als Mag. August Gächter vom Zentrum für soziale Innovation sich insbesondere den Arbeitsmarktchancen und der so genannten „Beschäftigungsfähigkeit“ von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Österreich zuwandte. MigrantInnen, so wies er schlüssig nach, seien nicht immer schlecht qualifiziert – jedenfalls nicht in der zweiten Generation –, sondern ihre Qualifikationen würden systematisch ausgeblendet und bei der Arbeitssuche (sofern sie überhaupt arbeiten dürfen) in keinster Weise berücksichtigt. Dazu käme in ganz Europa die systematische informelle Diskriminierung, aufgrund derer man selbst bei guter Qualifikation keinen Job fände, wenn Wohnort, Aussehen und Akzent nicht „passen“.

 

Ergänzt wurde die Tagung durch die Vorführung von Filmen über EQUAL-Projekte in Deutschland, Frankreich und Österreich und vor allem durch teilweise heftige und leidenschaftlich geführte Diskussionen, die das Engagement sämtlicher TeilnehmerInnen, aber auch die kontroversiellen Aspekte der behandelten Problematik in eindrucksvoller Weise beleuchteten.