1.000 Frauen für den Frieden

Im Jahr 2005 wurden 1000 Frauen aus über 150 Ländern gemeinsam für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Frauen, die sich mit Phantasie und Hartnäckigkeit – meist unbeachtet und oft ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit – für mehr menschliche Sicherheit engagieren und sich für das Wohl der Gemeinschaft einsetzen.
Ausstellung: "1.000 Frauen für den Frieden"
Bild: Ausstellung: "1.000 Frauen für den Frieden"
Friedensarbeit ist sperrig, gefährlich, oft lebensgefährlich

Den Friedensnobelpreis haben diese Frauen nicht erhalten. Dennoch arbeiten diese Frauen an ihren Projekten weiter. Nicht das Spektakuläre ist ihr Ziel, sondern die Verbesserung des alltäglichen Lebens. Die Aktion „1000 PeaceWomen Across the Globe“ will diese Frauen unterstützen und weiter ermutigen. Netzwerke sollen gestärkt und der Austausch erleichtert werden.

Die Arbeit dieser Frauen, ihre Netzwerke und Geschichten sind in einem Buch zusammengefasst worden. Gleichzeitig wurde eine Ausstellung konzipiert, die noch bis 24. Oktober 2006 im Gebäude der SoWi-Fakultäten und der Katholisch-Theologischen Fakultät gezeigt wird. Eröffnet wurde die Ausstellung letzten Dienstag vom Rektor der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Univ.-Prof. Dr. Manfried Gantner, und vom Initiator der Ausstellung, dem Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaft, Univ.-Prof. Dr. Stephan Laske. „Diese Ausstellung will“, so Laske bei der Eröffnung, „nicht einfach gefallen. Die Exponate sind nicht plakativ. Sie erschließen sich nicht auf den schnellen Blick. Dazu sind sie optisch zu klein und das Dargestellte ist praktisch zu groß. Dies ist eine Ausstellung, die Annäherung und Auseinandersetzung verlangt. Sie zwingt geradezu zum genauen Hinschauen, wenn wir nicht wegschauen.“ Dass die Ausstellung heuer zum ersten Mal nach Österreich gekommen ist, ist das Ergebnis einer sehr spontanen und unkomplizierten Zusammenarbeit über Instituts-, Fakultäts- oder Projektgrenzen hinweg. Sie ist damit auch ein Beweis dafür, dass die Universität viel flexibler ist, als ihr dies von außen oft zugeschrieben wird.

 

Vielfalt von Assoziationen

Setzt man sich mit den Projekten der 1.000 Frauen näher auseinander, dann zeigen sie auch eine faszinierende Vielfalt. Diese Vielfalt korrespondiert vermutlich stark mit der Vielfalt der Assoziationen, die die BetrachterInnen bei der Annäherung an die Projekte haben. Wir sehen, was wir kennen. Bei der Eröffnung wurde die Vielfalt der Universität genutzt, um zur Sprache zu bringen, welche Bilder und Gedanken diese Ausstellung bei unterschiedlichen Menschen anregen kann. Eine dieser Assoziationen wurde vom Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, Univ.-Prof. Dr. Josef Niewiadomski, verfasst, die wir stellvertretend für die anderen hier veröffentlichen wollen. (Alle Stellungnahmen können Sie hier nachlesen.)

 

Josef Niewiadomski: 1.000 Frauen für den Frieden

"Ich möchte Ihnen eine archaische Geschichte in Erinnerung rufen. Es ist die Geschichte von einer Frau, dem Inbegriff der Ruchlosigkeit und des Bösen. Man stieß sie in ein Fass hinein, deckte das Fass mit einem bleiernen Deckel zu und trug es bis hin zu den Grenzen der Erde. Dort wurde für sie ein Tempel gebaut. In diesem Tempel wurde das Böse – sprich die böse Frau – als Göttin unschädlich gemacht. Diese archaische Geschichte ist in der Bibel überliefert, und zwar als eine Geschichte von der Friedenssicherung (Sach 5, 5-11). Sie steht heute nicht paradigmatisch für jene „1000 Frauen für den Frieden“, die auf den Postkarten unserer Ausstellung abgebildet sind. Stellvertretend steht sie für die Millionen von Frauen, die jahrtausendelang – und dies weltweit – mit einer Selbstverständlichkeit Frieden und Stabilität von Gruppen gesichert haben, weil sie zu Projektionsflächen von Aggressionen wurden. Als Sündenböcke haben sie den Preis bezahlt: den Preis für das Überleben von Gruppen.

Wie ein roter Faden strukturiert diese Art des Engagements für den Frieden die Weltgeschichte: Eine letztendlich selbstgerechte und für ihr eigenes Aggressionspotenzial blinde Gesellschaft schiebt die Schuld den Sündenböcken in die Schuhe, grenzt diese aus und macht sie unsichtbar. Meistens dadurch, dass sie diese auf die „Altäre“ stellt! Die Opfer also zu Göttinnen macht. So war es damals, so ist es auch heute noch. Die Opfer – gerade weibliche Opfer – werden unsichtbar gemacht, ihr Opferstatus wird verklärt und mit einem göttlichen oder quasigöttlichen Schein umgeben." (Dass diese mythengenerierende Logik keineswegs gestrig ist, das kann man nicht zuletzt an den Bemühungen der medialen Öffentlichkeit um den quasi-göttlichen Status für Frau Natascha Kampusch erkennen).

 

Warum greift der Dekan der Theologischen Fakultät ausgerechnet diese Geschichte auf? Der uns heute so selbstverständliche Zugang zum Thema, dass der echte Frieden etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat, mit der Erkenntnis der eigenen Aggressivität und auch der kritischen Einsicht, dass vieles von der gesellschaftlichen Stabilität – sprich vom „gesellschaftlichem Frieden“ – auf Kosten der Sündenböcke erreicht wird, dieser Zugang ist alles andere als selbstverständlich. Er ist inspiriert von der biblischen prophetischen Tradition, von der Weigerung der jüdischen Prophetinnen und Propheten, die Opfer zu sakralisieren, sie unsichtbar zu machen, heute würden wir sagen, die Opfer zu rationalisieren. Ihr Glaube war klar: Nur einer ist Gott. Und dieser will keine Opfer, er legitimiert auch die Sündenböcke nicht. Stattdessen inspiriert er Menschen zum Engagement für Gerechtigkeit, auch zum Gewaltverzicht. Und er stellt die scheinbare Unschuld und Selbstgerechtigkeit von Siegern in Frage, weil er sich zum Anwalt von Opfern macht, diese in ihrem Leid und in ihrer relativen Unschuld auch sichtbar macht. Auf den ersten Blick wirkten diese Prophetinnen und Propheten destabilisierend. Und doch revolutionierten sie die Weltgeschichte.

Jene 1000 Frauen, die stellvertretend für Hunderttausende stehen, setzen die Arbeit der biblischen Prophetinnen und Propheten fort. Sie tun dies, auch wenn vielen von ihnen eine ausdrücklich religiöse Inspiration fremd zu sein scheint. Vielleicht ist es auch gut, dass sie den Nobelpreis – den Schein einer rationalen Sakralisierung – nicht bekommen haben. Sie bleiben das, was sie sind: Menschen – Frauen für den Frieden.

 

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