Kollokationen – Hürden des Fremdspracherwerbs

Dr. Christine Konecny und Mag. Martina Albrich vom Institut für Romanistik der Universität Innsbruck starteten im Juni mit der Erstellung eines einzigartigen Lernwortschatzes , in dem sie lexikalische Kollokationen des Italienischen sammeln. 2011 soll dieser in Buchform publiziert werden und Nicht-Muttersprachlern als Lernhilfe und Nachschlagewerk dienen.
Zeichnung zu „ammazzare il tempo“ (die Zeit totschlagen, wörtl.: „töten“) von: Elena Kraller, 12 Jahre, Innsbrucker Schülerin; 1. Preis beim Zeichenwettbewerb zu italienischen Kollokationen im Rahmen der „Langen Nacht der Forschung 2009“.
Bild: Zeichnung zu „ammazzare il tempo“ (die Zeit totschlagen, wörtl.: „töten“) von: Elena Kraller, 12 Jahre, Innsbrucker Schülerin; 1. Preis beim Zeichenwettbewerb zu italienischen Kollokationen im Rahmen der „Langen Nacht der Forschung 2009“.

Uns liegt etwas auf der Zunge, wir wünschen uns Hals- und Beinbruch und drehen so manchem einen Strick: Lexikalische Kollokationen sind fixer Bestandteil aller Sprachen. Diese (halb-)festen Wortverbindungen werden von Muttersprachlern als relativ „unauffällig“ empfunden und rein intuitiv korrekt verwendet. So schmieden wir beispielsweise Pläne, warten bei Konfliketn bis der Zorn verraucht, beschweren uns über gesalzene, oder gepfefferte Preise und sind unsterblich, hoffnungslos bis über beide Ohren verliebt. Für Fremdsprachenlerner stellen Kollokationen jedoch schwer überwindbare, tückische Hürden dar. Bloß auswendig-gelernt werden sie häufig falsch angewandt. Christine Konecny kennt die Problematik: „Beim Sprechen werden nicht nur einzelne Wörter zu sinnvollen Sätzen zusammengefügt, sondern wir verwenden großteils – wenn auch unbewusst – allgemein übliche Wortkombinationen, die in der Sprachnorm gebräuchlich geworden sind. Sie werden bereits im frühen Kindesalter als zusammenhängende Einheiten gelernt und im mentalen Lexikon gespeichert.“ Martina Albrich empfiehlt Sprachenlernenden, auf eine wörtliche Übersetzung dieses Typs von Wortverbindungen zu verzichten: „Nur in seltenen Fällen stimmen Kollokationen der Muttersprache mit jenen der Fremdsprache überein.“ Um sich im Italienischen adäquat ausdrücken zu können, ist es z.B. notwendig zu wissen, dass in dieser Sprache ein Stuhl „hinkt“ – nicht wackelt („la sedia zoppica“), ein wackelnder Zahn hingegen „tanzt“ („il dente balla“). Möchte man sich für sein Zuspätkommen entschuldigen, weil man den Zug verpasst hat, sollte man wissen, dass man ihn im Italienischen „verloren“ hat („perdere il treno“). „Derartige für deutsche Muttersprachler seltsam anmutende sowie gleichermaßen ‚lustige’ und auch bildlich vorstellbare sprachliche Realisierungen liegen noch bei zahlreichen weiteren Beispielen vor“, weiß Konecny und Martina Albrich erzählt: „Ein angeheirateter Verwandter etwa wurde im Italienischen „erworben“ („un parente acquisito“), eine unbespielte CD oder DVD nennt man „jungfräulich“ („un CD / un DVD vergine“), eine unübersichtliche Kurve wird als „blind“ bezeichnet („una curva cieca“), und wenn man einen Beruf ergreift, dann wird er – wörtlich übersetzt – „umarmt“ („abbracciare una professione“).“

 

Während die Forschung in anderen modernen Fremdsprachen wie dem Englischen, Französischen und Spanischen die zentrale Bedeutung der Kollokationen schon seit Längerem erkannt hat und bereits entsprechende Kollokations- bzw. Kontextwörterbücher existieren, hat das Phänomen der Kollokationen in der Italianistik bisher wenig Beachtung gefunden. Martina Albrich erklärt: „Es gibt zwar mehrere Sammlungen allgemeiner italienischer Redensarten mit einer teilweisen Erfassung von Kollokationen, jedoch existiert noch kein spezielles Kollokationswörterbuch bzw. eine Kollokationssammlung.“

Erster Lernwortschatz italienischer Kollokationen

Um das Erlernen der komplizierten Wortverbindungen endlich auch im Italienischen zu erleichtern, erstellen die beiden Innsbrucker Wissenschafterinnen nun den ersten Lernwortschatz italienischer Kollokationen. Ihr Projekt ist für einen Zeitraum von zwölf Monaten anberaumt und in drei große Phasen unterteilt:

 

In der ersten Phase nehmen Albrich und Konecny die alphabetische Sammlung und Sichtung des Materials nach Lebens- und Sublebensbereichen vor. Anschließend wird das Material in die eigens von Informatikern erstellte Datenbank eingegeben. „Wir werden circa 4200 Substantive, das sind 60% des „vocabolario di base“ von Tullio de Mauro und Gian Giuseppe Moroni, erfassen und auf jene reduzieren, die dem „vocabolario fondamentale“, dem Grundwortschatz, angehören und typischen Lebensbereichen zuzuordnen sind“, blickt Christine Konecny in die Zukunft.

Um eine qualitativ hochwertige und fehlerfreie Datenbank zu gewährleisten, lassen die Forscherinnen das Material in der zweiten Phase des Projekts von einem italienischen Muttersprachler kontrollieren. „In der dritten Phase überprüfen wir die gesamte Datenbank in Hinblick auf unsere 2011 erscheinende Publikation und bereiten das Material samt Illustrationen für den Druck vor“, erklärt Martina Albrich die letzte Projektphase.

Zeichnungen von Tiroler SchülerInnen als Lernerleichterung

Die Illustrationen, die das Buch schmücken werden, sind unter anderem im Rahmen der Veranstaltungen „Aktionstag Junge Uni 2009“ und „Lange Nacht der Forschung 2009“ der Universität Innsbruck entstanden und wurden von Tiroler Kindern und Jugendlichen erstellt. Die jungen KünstlerInnen interpretierten jeweils die wörtliche Bedeutung des übertragen gebrauchten Kollokationsbestandteils. „Eines der beliebtesten Beispiele war der ‚tanzende’ (wackelnde) Zahn, ebenso der Nagel, der im Italienischen nicht eingeschlagen, sondern ‚eingepflanzt’ wird, oder das Radio, das beim Einschalten wörtlich genommen ‚angezündet’ wird“, beschreibt Christine Konecny . Die Illustrationen sollen Nicht-Muttersprachlern das Erlernen einzelner Kollokationen erleichtern. Auch im November 2010 ist beim „Aktionstag Junge Uni“ ein Zeichenwettbewerb, in Kooperation mit dem „Linguistischen Arbeitskreis der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck geplant, bei dem erstmals auch andere Sprachen wie Englisch, Französisch und Russisch, miteinbezogen werden. Mit ihrer Publikation wollen Christine Konecny und Martina Albrich die klaffende Lücke in der linguistischen Forschungslandschaft schließen und fremdsprachendidaktische Lehrbücher mit Innsbrucker Know-how füllen.

 

Das im Rahmen des Forschungsschwerpunktes „Mehrsprachigkeit“ der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät stattfindende Forschungsprojekt wird vom Tiroler Wissenschaftsfonds (TWF) gefördert.

Erfolgreiche Jungwissenschaftlerinnen

Bereits im Jahr 2007 beschäftigte sich die gebürtige Innsbruckerin Mag. Dr. Christine Konecny in ihrer Dissertation „Kollokationen. Versuch einer semantisch-begrifflichen Annäherung und Klassifizierung anhand des Italienischen“ mit den semantischen und begrifflichen Charakteristika dieses Typs von Wortverbindungen. Ihre im Rahmen der Dissertation geleistete Forschungsarbeit wurde 2008 mit dem Preis der Landeshauptstadt Innsbruck für wissenschaftliche Forschung an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck ausgezeichnet. Im Juli 2010 wird ihre Doktorarbeit im Münchner Verlag „Martin Meidenbauer“ publiziert.

 

Die in Innsbruck geborene Wissenschaftlerin Mag. Martina Albrich wurde bereits während ihres Studiums 2008 mit dem Eduard-Wallnöfer-Preis für Studienprojekte ausgezeichnet. Im selben Jahr erhielt sie aufgrund ihrer ausgezeichneten Studienleistungen den Studienförderpreis des Deutschen Freundeskreises der Universitäten in Innsbruck e.V. Im Juni 2010 schloss Albrich ihr Studium mit der Diplomarbeit „Dall’amore vero all’odio profondo. Collocazioni lessicali italiane contenenti sostantivi denotanti sentimenti/emozioni. Analisi semantica e implicazioni didattiche per l’insegnamento dell’italiano L2“ ab.

(ds)