Trau keinem unter 16

Vertrauen ist ein wichtiger Faktor für wirtschaftliches Wachstum. Wie es sich mit zunehmendem Alter entwickelt, untersuchten Matthias Sutter und Martin Kocher vom Institut für Finanzwissenschaft in einem Vertrauensspiel. Ein zentrales Ergebnis der mittlerweile viel zitierten Studie ist, dass Kinder und Jugendliche einander in finanziellen Dingen weniger vertrauen als Erwachsene.
Matthias Sutter und Martin Kocher untersuchen, wie sich Vertrauen mit zunehmendem Alter entwickelt.
Bild: Matthias Sutter und Martin Kocher untersuchen, wie sich Vertrauen mit zunehmendem Alter entwickelt.

Das Maß an Vertrauen, das in einer Gesellschaft vorherrscht, wirkt sich auf deren wirtschaftlichen Erfolg aus. Das konnten Wissenschaftler bereits in den Neunziger Jahren nachweisen. „Jene Staaten, in denen die Menschen einander stärker vertrauen, weisen ein höheres Wirtschaftswachstum auf“, legt Univ.-Prof. Matthias Sutter einen der Ausgangspunkte der Studie Trust and trustworthiness across different age groups dar. „Wir wollten wissen, ob und in welcher Weise sich dieses Vertrauen im Laufe des Lebens entwickelt“, führt er weiter aus. Um dies herauszufinden, führten die Innsbrucker Forscher ein sogenanntes Vertrauensspiel mit 662 Personen zwischen 8 und 88 Jahren durch; die Teilnehmer wurden dazu in sechs verschiedene Altersgruppen eingeteilt.

 

Die Jüngsten haben kein Vertrauen

Das Vertrauensspiel ist eine Versuchsanordnung, bei denen die Probanden abhängig von ihrem eigenen Verhalten und jenem der anderen mehr oder weniger Geld verdienen können. Teilnehmer A hat dabei eine bestimmte Summe an Geldeinheiten zur Verfügung, von denen er beliebig viele an Teilnehmer B weitergeben kann. Jene Geldeinheiten, die an Teilnehmer B weitergegeben werden, werden verdreifacht. B kann schließlich entscheiden wie viele der gewonnenen Einheiten er an A zurückgeben will. Im Idealfall gibt A sein gesamtes Geld, also beispielsweise 10 Geldeinheiten an B. B verdient damit 30 und gibt A 15 wieder zurück. „In diesem Fall haben beide mehr als am Anfang – das wäre wunderbar effizient“, erklärt Sutter. Voraussetzung für diesen Fall ist allerdings, dass A darauf vertraut, dass B ihn entsprechend an seinem Gewinn teilhaben lässt. „In der ersten Stufe hat uns interessiert, wie sich die Teilnehmer in der Rolle A verhalten und welche Unterschiede zwischen den verschiedenen Altersgruppen bestehen“, so der Ökonom. Die Experimente ergaben, dass die  Jüngsten nur 20 Prozent ihrer Einheiten weitergeben. 12-Jährige schicken immerhin schon 40 Prozent weiter, 16-Jährige 55 Prozent. Die Gruppen der UniversitätsstudentInnen (im Durchschnitt 22 Jahre alt) und Berufstätigen (im Schnitt 32 Jahre alt) vertrauen ihren Mitmenschen am stärksten und geben zwei Drittel ihres „Vermögens“ weiter. Bei den Pensionisten (Durchschnittsalter 68 Jahre) lässt sich ein geringfügiger, jedoch nicht signifikanter Rückgang erkennen. „Unbekannten zu vertrauen muss erst erlernt werden. Dass sich Vertrauen auszahlen kann, wird – abhängig vom gesellschaftlichen Hintergrund – offenbar erst beim Durchlaufen der Schulausbildung gelernt“, interpretiert Sutter das Ergebnis. Die 8- bis 12-Jährigen misstrauen ihren Altersgenossen übrigens zu Recht, denn diese schicken auch vergleichsweise wenig zurück in der Rolle von Teilnehmer B. Ebenso die 12- und 16-Jährigen.

 

Volles Vertrauen lohnt sich

Die 16 und 22-Jährigen geben im Schnitt ein Drittel wieder ab. Bei weitem am meisten schicken PensionistInnen zurück. „Wenn den Pensionisten in hohem Maße vertraut wird, sind sie äußerst großzügig. Eine so hohe Rückgabequote gibt es  in keiner anderen Altersgruppe“, verdeutlicht Sutter.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie: Wer dem anderen vollkommen vertraut und alles weitergibt, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mehr zurück. „Wenn man sich bedingungslos ausliefert, hat der andere statistisch gesehen eine weit höhere Hemmschwelle, einen hängen zu lassen“, so Sutter. Wohingegen halbherziges Vertrauen vom Spielpartner weniger belohnt wird. „A little bit of trust is more a signal of distrust“, so formulierten es Matthias Sutter und Martin Kocher im Zuge ihrer Forschungen.

 (ef)

 

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