ESA Theorie-Gipfel in Innsbruck

Die diesjährige Tagung der European Sociological Association (ESA) wurde heuer von deren Sprecher Frank Welz, Soziologe an der Universität Innsbruck, nach Innsbruck geholt.
Philip Selznick, UC Berkeley
Bild: Philip Selznick, UC Berkeley

Rund 80 namhafte wie auch junge, ambitionierte Soziologen aus 28 Ländern folgten der Einladung nach Innsbruck; darunter unter anderen Roland Robertson, Philip Selznick und Jeff Goodwin aus dem Who’s who der globalen Sozialwissenschaft sowie Gesa Lindemann und Paula-Irene Villa aus Konstruktivismus und Geschlechterforschung.

 

Die 62 präsentierten Vorträge reichten vom Einblick in den “Stand der Theoriediskussion in der Geschlechterforschung” über die allfällige Frage nach der “Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung” und “Pragmatismus als kritische Sozialtheorie” bis hin zum Schlussbeitrag “Sociology as a ‘moral science’”, wie ihn nur ein Altmeister wie der für führende Arbeiten in der Organisations- und Rechtssoziologie bekannte Philip Selznick (UCB) formulieren kann.

 

Engagierte Debatten

Kern der Debatten war die Rolle der Theoriebildung in den Subdisziplinen der soziologischen Wissensproduktion. „Dass nichts geht ohne Theorie ist im Denken seit Kant Konsens. Und doch konnten Thomas S. Kuhn in den 60er Jahren und danach die Postmoderne den Gedanken der theoretischen Konstruktivität unseres Wissens kräftig weiterverbreiten. Aber wie es in den vergangenen zehn oder zwanzig Jahren dann weiterging mit dem Stand der Theorie in den sozialwissenschaftlichen Forschungsfeldern muss stets neu reflektiert werden“, erklärt Welz.

Inwiefern bietet die Sozialtheorie das einigende Band im Diskurs der Disziplinen? Wie steht es in den Anwendungsfeldern der Wirtschafts-, Rechts-, Geschlechter-, Stadt- und vielen anderen Soziologien nach Jahren der institutionellen Ausdifferenzierung und Spezialisierung? Und dazu: Unterminieren die ungewollten Tendenzen disziplinärer Fragmentierung und interdisziplinärer Auflösung im Zeichen institutioneller Expansion etwa kontraproduktiv die Orientierungskraft der Soziologie in der Gesellschaft? Diese und andere Fragen wurden in engagierten Debatten verhandelt. „Dass dies selbst nach Anreisen aus Australien, Chile, Japan, Südafrika, USA und anderen fernen Plätzen gleich am Eröffnungsabend gelang, spricht für den Elan der Gäste“, freut sich der Soziologe. So wurde der Startvortrag des Urvaters der Globalisierungsthese, Roland Robertson, zu “Glocality and the Transdisciplinarity of Sociology” beim von Land, Stadt und Universität unter Teilnahme des Rektors freundlichst unterstützten Empfang der Gäste bis spät in die Nacht diskutiert.

 

Neue Ideen und Freundschaften

„Eine Konferenz dieser Größenordnung, versteht sich, findet nicht nur im Hörsaal, sondern auch im Austausch und Networking der Pausen- und Abendgespräche statt. Eine glückliche Koinzidenz war es daher für den Innsbrucker Soziologie-Standort diese nach Rang und Status erstklassig und gerade dadurch mit besten Beteiligungschancen für verschiedenste lokale KollegInnen und viele NachwuchswissenschaftlerInnen besetzte Konferenz gerade zum Start des neuen Masterstudiengangs “Soziale und politische Theorie” nach Innsbruck zu bekommen“, so Frank Welz. „Begeisterte Rückmeldungen, Danknoten aus aller Welt und vergnügte Gesichter nicht allein beim “Social-Theory-Summit” Event auf der Seegrube zeigen an, dass die tolle Unterstützung der Universität - und schon qua Existenz der Stadt, die alle fasziniert - auch für die Fachkommunikation lohnt: denn die geht weiter in Konferenzberichten in vielen europäischen Fachzeitschriften, gewonnenen Erasmus-Partnern, neuen Ideen und Freundschaften.“

(ip)